, so mich von hinnen rufe . Der Schmied aber trat nur zögernd näher ; und auf die Ohnmächtige hinblickend , sprach er : » Die da ? – – Nun , wenn Ihr es heischet , Herr Josias ? « Da bat ich abermalen ; und itzt kam auch das Weib heran , welches als gar verständig im ganzen Dorf berufen ist . Als ich dann aber des Mädchens Leib aus meinen Armen in die ihren sinken ließ , durchstach mir ein jäher Schmerz die Brust , daß nicht viel fehlete , es hätte mich aufs neu dahingeworfen . Und so , zwiefach verwundet , ging ich heim und sahe nicht mehr hinter mich zurück . Aber in meines Vaters Sterbekammer hab ich an diesem Abend lang inbrünstiglich gebetet . Was meine liebe Mutter auch dagegen reden mochte , und obschon die Nachfolge in meines Vaters Amte mir so gut wie zugesaget war , ich wußte doch , daß meines Bleibens nicht mehr hier am Orte sei . Und so reisete ich schon andern Tags nach Schleswig , um mich nach einem andern Amte umzusehen . Aber dort angekommen , befiel mich eine Schwäche , daß meine Mutter zu meinem Krankenbett herbeigeholet werden mußte . Und als dann eines Nachts gar ein Blutstrom aus meinem Mund hervorbrach , da schrie sie laut , daß sie anitzo auch ihr einzig Kind dahingeben müsse . Aber ich genas mit Gottes Hülfe , erhielt auch ein geistlich Amt im Norden unseres Landes , von Schwabstedte viele Meilen fern , und dienete noch über zwanzig Jahre dieser Gemeinde mit redlichem Willen und nach meinen besten Kräften . Ich begrub dort meine liebe Mutter und beweinete sie sehr ; nach ihrem Tode hatte ich keine , in der die Liebe so sichtbarlich an meiner Seite ging . Von Renaten hörete ich noch einige Male ; zunächst und bald nach meinem Fortgange , daß sie derzeit über das Wasser und auf den Blättern der Teichrosen , welche sie getragen hätten , zu mir hingelaufen sei . Ich aber weiß von solchem nichts ; müßte auch ein Gaukelwerk des argen Geistes gewesen sein , maßen ich ja selbst die Mummelblätter unter dem Kristall des Wassers noch in ihren Hüllen hatte liegen sehen . Dann , wohl fünf Jahre später , von einem Manne , der mit Binsenmatten durch das Land ging , wurde mir erzählet , daß eines Abends ein mächtig großer schwarzer Hund auf ihren Hof gekommen sei , beschmutzt und abgemagert und mit einem abgerissenen Strick an seinem Halse . Da sei sie zu ihm hingeknieet und habe mit beiden Armen das alte Thier umfangen und seinen rauhen Kopf an ihre Brust gezogen . – Ob sie noch itzt auf dieser Erde ist , ob Gott sich ihrer schon barmherzig angenommen , darüber ist mir keine Kunde mehr geworden . * Soweit die Handschrift . Aber der Zufall , der uns vergönnt hat , das Bahrtuch über einem verschollenen Menschenleben aufzuheben , lüpft es noch einmal ; wenn auch weniger , als manche , die dies lesen , wünschen mögen . Die zu Anfang der Erzählung erwähnte Schatulle auf dem Boden unseres alten Erbhauses ward eine tönende Vergangenheit , sobald man Mut und Geduld hatte , den Staub in ihrem Innern aufzuregen . Ich hatte das nicht immer . Aber ein paar Jahre nach dem Funde unserer Handschrift , an einem herbstlichen Sonntagnachmittage , saß ich doch wieder einmal vor ihren eingeklemmten Schubfächern und zog , oft mühsam , eines um das andere auf . Papiere über Papiere ; und fast überall jene anheimelnde leserliche Schrift des vorigen Jahrhunderts . Von vielen Päckchen hatte ich schon die Bindfäden aufgelöst und sie , nachdem ich dies und das darin gelesen , wiederum zu ihrer Ruh gelegt . Da kam ich an eines , welches allerlei Papiere über die Erbschaft eines alten Predigers in Ostenfeld enthielt ; ein Bruder meines Urgroßvaters , wie ich aus beiliegenden , an ihn gerichteten Briefen sah , hatte sich dieser Angelegenheit für eine in Husum wohnende Predigerwitwe angenommen . Und bald nahm ein ungewöhnlich langes Schreiben , datiert von 1778 aus einem ostschleswigschen Dorfe und unterschrieben » Jensen , past . « , meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch ; denn es war augenscheinlich der Begleitbrief , mit dem einst das Manuskript des Pastors Josias , allerdings sub pet . rem . , an meinen Urgroßonkel übersandt war . Die ersten Seiten beschäftigten sich unter Beifügung eines sauber ausgeführten Stammbaumes nur mit den Erbverhältnissen jenes Ostenfelder Pastors ; wie bald ersichtlich , des Vetters unseres Josias , in dessen Hause er das Gedächtnis seines Jugendlebens niederschrieb . Dann aber hieß es weiter : Unseres von Dir erwähnten Schülerbesuches bei meinen Junggesellen-Onkeln in dem Ostenfelder Pastorate entsinne ich mich gar wohl ; und daß Du den Onkel Josias in so warmer Affection behalten , hat mir insonders wohlgethan ; die Fragen aber , die Du über ihn gestellet , wirst Du in dessen hier angeschlossener eigener Handschrift insgesamt beantwortet finden . In Wahrheit , es waren zwei recht verschiedene Menschen , der Herr Josias mit seinem Johanneskopfe und der derbe aufbrausende pastor loci . Oftmals in meiner eigenen Amtsthätigkeit habe ich des ersten Sonntages dort gedenken müssen ; Du kamest erst des Abends zu uns , ich aber saß schon vormittages an Onkel Josias ' Seite in der Kirche . Noch sehe ich unter den Abendmahlsgästen die leidtragenden Frauen vor dem Altare , welche nach damaliger Sitte bis über das Kinn in schwarze Decken eingehüllt waren ; und wie der Onkel Pastor der einen mit den durch die ganze Kirche hin vernehmlichen Worten » Weg , weg damit ! « die Decken voll Ungeduld zur Seite riß , indeß er mit der anderen Hand den Kelch emporhielt . Onkel Josias aber schüttelte still den Kopf und lehnte mit einem Lächeln sich in seinen Stuhl zurück . Gleichwohl , wie ich später beobachtet , da ich den letzten Sommer vor dem großen Examen