der allgemeinen Verwirrung sich seines festen Hauses Riedberg wieder bemächtigt hatte . So war Waser , als eines Tages durch einen reitenden Boten die Nachricht von dem Überfalle des Schlosses und der Ermordung des Herrn Pompejus eintraf , mehr erschrocken als erstaunt . Das Schreiben kam vom Ritter Doktor Fortunatus Sprecher . Dieser gelehrte Jurist behauptete in der von politischer Leidenschaft beherrschten Zeit eine geachtete und verhältnismäßig unangefochtene Stellung . Von ihm war bekannt , daß er , dem die waghalsige Demokratenwirtschaft und die spanischen Intrigen gleichermaßen verhaßt waren , in stillen Stunden beflissen sei , die in ihm aufsteigende Bitterkeit bestmöglich zu versüßen durch tägliche genaue Aufzeichnung aller Fehlgriffe und Greuel , welche sich die ihm widerwärtigen extremen Parteien zuschulden kommen ließen . Dies tat er aber mit dem Vorsatze , die unter dem Eindrucke des Tages entstandenen Aufzeichnungen im Laufe der Jahre gemächlich zu einer ausführlichen und , wie er sich schmeichelte , völlig vorurteilslosen Geschichte seines Vaterlandes zu verarbeiten . Mit diesem wohlunterrichteten Manne unterhielt die Regierung von Zürich Beziehungen , um , wie sich Jenatsch ausgedrückt hatte , auf dem laufenden zu bleiben . Der Ritter beobachtete die Vorsicht , seine Briefe nicht an die Staatskanzlei , sondern an Heinrich Waser , den Privatmann , zu richten . Das Schreiben , welches dieser in schweren Gedanken immer und immer wieder las und unbewußt mit häufigen Tränen benetzte , trug das Datum : Chur , den 27. Februar 1621 . Es erzählte das verhängnisvolle Ereignis in einer Sprache , welche die zornige Erregung des Berichterstatters verriet . In der Nacht vom vierundzwanzigsten auf den fünfundzwanzigsten hätten sich die Führer der Volkspartei von Grüsch im Prätigau , dem Sitze ihrer Verschwörung , aufgemacht , zwanzig Mann stark , alle gut bewaffnet und beritten , voran der wahnwitzige Blasius Alexander und der teuflische Jenatsch . In rasendem Ritte durch das schlafende Land und die finstere föhnwarme Nacht brausend , seien sie im Morgengrauen wie Gespenster vor Riedberg aufgetaucht , haben das Tor mit Axthieben gesprengt , seien ohne ernstlichen Widerstand der schlummertrunkenen entsetzten Dienerschaft in die Schlafkammer des Herrn Pompejus eingedrungen , diese aber sei leer gewesen . Im Begriffe , fluchend und lästernd wieder abzuziehen , habe sie Jenatsch in einem engen Vorzimmer auf ein altes blindes Hündlein aufmerksam gemacht , das winselnd in den Rauchfang des Kamins hinaufschnoberte . Aus diesem sei dann Herr Pompejus mit frevler Faust an seinem langen Schlafkleid heruntergerissen und mit wütenden Beilhieben zu Tode gebracht worden . Unbegreiflicherweise seien die Mörder unangefochten in frechem Triumphe durch das rings von den Sturmglocken aufgestörte Land nach Grüsch zurückgekehrt , am hellen Tage durch die Straßen von Chur im Schritte reitend , wo er , Sprecher , durch das Pferdegetrappel ans Fenster gerufen , selbst die Entsetzlichen erblickt und von dem blutigen Jenatsch hohnlächelnd begrüßt worden sei . Gegen Mittag habe der Briefsteller im Auftrage der Gerechtigkeit und mit hinlänglicher Bedeckung nach Riedberg sich begeben , wo Herr Pompejus noch in der Lache seines Blutes gelegen , jämmerlich zerhauen , aber stolz und verachtungsvoll noch in der Todesruhe . Das Mordheil habe der alte Kastellan Lucas den Gerichtsleuten vorenthalten und es in ein unzugängliches Versteck gebracht , um es , wie er gesagt habe , der göttlichen Gerechtigkeit scharf zu behalten , worunter der Alte wohl die Blutrache der Planta verstanden . Über der Todesstätte seines Herrn aber habe er die Mauer mit einem großen Kreuze bezeichnet . Sprechers Brief endigte mit der schwarzsichtigen , dem Tacitus entliehenen Bemerkung : in dieser Zeit , wo den Guten jede Macht genommen sei , bleibe die Bestrafung der Bösen das einzige Zeichen einer waltenden Vorsehung , und mit dem trostlosen Ausrufe : » Wehe , Rhätia , wehe dir ! « Dieser Weheruf war nicht unberechtigt , das lehrte die nächste Zukunft . Nach einigen flüchtigen Sonnenblicken , die eine bessere Wendung der Dinge für Bünden zu versprechen schienen , erfüllten sich seine Geschicke . Bevor seit der Ermordung des Herrn Pompejus ein Jahr um war , überschwemmten österreichische und spanische Heerhaufen die rätischen Lande . Das Volk erhob sich zum Verzweiflungskampfe , selbst Frauen und Mädchen schwangen rohe todbringende Waffen . Eines Tages , da die Bedrängten in der Kirche zu Saß den helfenden Gott anriefen , verirrte sich ein weißes Lamm von der Weide in die offene Sakristei und erschien neben dem Taufbecken vor den Augen der bewaffneten Landleute . Das bedrohte Volk erblickte darin einen göttlichen Zeugen von der Unschuld und Gerechtigkeit seiner Sache . Georg Jenatsch war der Vorkämpfer des Aufstandes . Er troff von Blut und seine übermenschliche Tapferkeit wurde zur Legende . So erschlug er Hunderte von Österreichern , meldet die Sage , bei Klosters in offener Feldschlacht , er allein mit drei Genossen . Die heldenmütigen Bündner wurden von der Übermacht erdrückt . Waser sah eines nach dem andern ihrer flüchtigen Häupter in Zürich anlangen . Es kam ein Salis , ein Ruinell , ein Violand – Jürg Jenatsch kam nicht . Wohl mochte es ihm schwer werden , das Bollwerk seiner Berge zu verlassen . Furcht vor dem übermächtigen Österreich lähmte diesmal die Gastfreundschaft der Stadt Zürich , die sie sonst keinem Vertriebenen versagt . Beim Pokale auf den Zünften hatte die junge Bürgerschaft den bündnerischen Tellen , so nannte man die Mörder des Herrn Pompejus Planta , stürmisch zugejauchzt , jetzt aber streckten sich den Flüchtigen nur wenige Hände entgegen . Man ersuchte sie , sich stille in den Häusern zu halten , damit in Wien ihre Anwesenheit geleugnet werden könne . Die Geister waren von dunklen Ahnungen erschreckt , dreißig kommende Kriegsjahre warfen ihren Schatten vor sich her . An einem Winterabend verließ Waser ernster als gewöhnlich und in tief bewegter Stimmung das Haus seiner jungen Braut , die er nächstens heimführen sollte und in deren angesehener Familie er das Nachtessen einzunehmen pflegte . Hier ließ er sonst die Staatssorgen vor der Tür und freute sich in Züchten des Lebens ; heute aber quoll ihm der Bissen