Marie ? Ist dir etwas Schlimmes zugestoßen ? « fragte er heftig . » Frage nicht lange – hilf mir auf deinen Wagen – ach , schnell ! schnell ! « Er nahm erstaunt den Sack , den sie ihm entgegenhielt , warf ihn unter den Sitz und hob sie leicht wie eine Feder hinauf . Als er neben ihr sag , faßte er den Zügel mit einer Hand , mit der anderen hob er Maries Gesicht empor , deren gepreßtes Herz sich jetzt in einem Tränenstrom Luft machte . » Aber erkläre mir nur ums Himmels willen , Marie , was dich so furchtbar aufregt ? « bat er ängstlich . » Ach , Joseph , ich bin in diesem Augenblick nicht imstande , dir zu erzählen – ich sage dir nur : Der liebe Gott hat Erbarmen mit uns gehabt – wir werden glücklich werden ! « Joseph jauchzte , daß es weithin schallte . Er ließ seinen Braunen langsam traben und sagte lächelnd : » Du wunderst dich aber gar nicht , Marie , mich noch so spät auf dem Weg nach Ringelshausen zu finden ? « » Ach , nach dem , was ich eben erlebt habe , kommt mir gar nichts mehr wunderbar vor « , entgegnete Marie , unter Tränen lächelnd . » Nun errate ich ' s ? Du willst zu Schulzens Margarete ? « » Richtig geraten – ich will sie bitten , deine Brautjungfer zu werden . « » So ? ... Aber eine Braut muß auch einen Bräutigam haben , und meinen kenne ich nicht . « » O du Schelm ! ... Warte nur , du hast viel abzubüßen – warst in der Stadt und hast mich nicht sehen wollen . « » Wäre das heute nachmittag geschehen , was ich jetzt weiß , ich wäre nicht von der Stelle gegangen , ohne dich gesehen zu haben – das kannst du mir glauben . « » Wirklich , Marie ? « rief Joseph mit strahlenden Blicken . » Aber was hast du denn Wunderbares erlebt , daß du mit einemmal so umgewandelt bist ? « » Da unten war ich ! « entgegnete das junge Mädchen und deutete hinab auf die Mühle im engen , unheimlichen Talschoß , an der sie jetzt vorüberflogen . » Was – in dem greulichen Nest ? « » Ja ... Aber was ich dort gefunden habe , das erfährst du erst , wenn wir vor dem Schulzen stehen – fahre mich an sein Haus ! « » Das will ich tun und will geduldig warten , wenn ich auch ungeheuer neugierig bin ... Weißt du auch , daß ich dir viele Grüße bringen soll ? « » Von Anna und der Muhme ? « » Ja – noch mehr aber von meiner Mutter . – Gleich nachdem du fortgewesen bist , ist meine Mutter zurückgekommen und hat gemeint , sie könne die Gedanken an dich gar nicht loswerden – sie habe dir zu großes Unrecht angetan . Anna , obgleich du ihr streng verboten hattest , sich in die Sache zu mischen , konnte nicht länger schweigen und hat meiner Mutter das Gespräch erzählt , das sie eben mit dir gehabt . Das hat die alte Frau vollends mürbe gemacht ... Denke dir nun meine Überraschung ! Ich komme herunter von Rechtsanwalt Börner , der im Hause der Muhme wohnt und der mir eben nach beinahe dreistündigen Auseinandersetzungen erklärt hatte , daß hinsichtlich der Verteidigung deiner Mutter alles geschehen sei , was menschliche Kräfte vermochten , daß man nun aber auch keinen Schritt weiter tun könne ... Ich war in der finstersten Stimmung ... Alles , was ich unternahm , schlug fehl . Eine ganze Woche war seit unserer Trennung vergangen – Marie , es ist etwas Schreckliches um die Sehnsucht ; sie zehrt einem das Mark aus den Knochen ! ... Zweimal hatte ich versucht , den Sinn und die Ansichten meiner Mutter zu ändern ; aber ich fand den hartnäckigsten Widerstand . Ich sah mich also gezwungen , zum Äußersten zu greifen , was schon bei meinem Abschied in mir feststand – nämlich deiner Mutter alles zu sagen und ohne dich Ringelshausen nicht wieder zu verlassen , ja , Marie , und wenn ich den Tod darüber finden sollte ... So trat ich in die Stube der Muhme – da kommt mir meine Mutter ordentlich feierlich entgegen und sagt : › Joseph , es ist das erste Mal , solange du lebst , daß etwas zwischen uns vorgefallen ist – und das Unrecht war auf meiner Seite . Heirate Marie – du hast meinen Segen , denn sie ist ein braves Mädchen . ‹ Marie « , unterbrach sich Joseph hier , indem er sie , die vor Glück und Seligkeit weinend neben ihm saß , feurig an sich drückte , » wie mir in diesem Augenblick zumute war , kann ich nicht aussprechen ... Meine Mutter schlug mir vor , morgen mit ihr nach Ringelshausen zum Verlöbnis zu fahren ; aber mich litt ' s nicht so lange – ich spannte an und fuhr auf und davon . Denke einmal , ich hätte noch so und so viele Stunden warten müssen – das hätte ich nicht ausgehalten . « Sie hatten Ringelshausen und die Wohnung des Schulzen erreicht . Joseph übergab das Geschirr einem herbeieilenden Knecht und trat mit Marie in die Stube . Der Schulze saß mit dem Wirt und einigen der angesehensten Bauern am Tische und las die Zeitung vor – er hatte einen bösen Fuß und konnte deshalb nicht in die Schenke . Nicht weit davon saßen Margarete und die Schulzin am Spinnrade . Als das Paar eintrat , fuhren alle in höchster Bestürzung zurück , als sähen sie eine Geistererscheinung . Marie aber trat ruhig an den Tisch , legte den Sack darauf und begann mit klarer Stimme und in strenger Reihenfolge ihren Bericht . Die Überraschung war über alle Maßen groß . Ausrufungen , Flüche