« » Sie ist meine Mutter , « versetzte der Knabe in überströmender Zärtlichkeit . » Es sind arme Leute , gnädige Frau , arm und gering , « fiel die Beschließerin mit harter , trockener Stimme ein . Nicht eine Biegung in diesen tiefen Tönen , nicht der leiseste Zug des ernsthaften Gesichts verriet die Weichherzigkeit und Teilnahme , die vorhin ihr ganzes Wesen charakterisiert hatten . » Arm ? « wiederholte die junge Frau und deutete unwillkürlich nach den blitzenden Armreifen und den Ketten von edlem Metall , die über den Busen der Kranken fielen . Bis zu diesem Moment hatten die Augen der letzteren unverwandt an Liane gehangen ; jetzt aber malte sich Angst und Unruhe in ihren Zügen – sie klammerte die zarten Finger der Linken krampfhaft um einen Gegenstand , der an einer Kette hing – allem Anschein nach ein Flakon von Silber . » Na , na , nur ruhig – die gnädige Frau nimmt ' s nicht ! « beschwichtigte Frau Löhn rauh und gebieterisch . » Arm sind die Leute , sage ich , « fuhr sie gegen Liane fort . » Das bißchen Zeug da kann man doch nicht essen « – sie zeigte nach dem Geschmeide – » und eigentlich gehört ' s der Frau auch gar nicht ; der alte gnädige Herr Hofmarschall könnte ihr auch den Firlefanz noch wegnehmen , wenn er wollte – sie hat auf der Gotteswelt nichts , gar nichts , und daß sie mit dem Jungen ihr täglich Brot im Hause gereicht kriegt und in der Bude da wohnen darf , das ist die reine Gnade von der Herrschaft , die reine Gnade . « Diese Erklärung , so mitleidslos und in so geflissentlich scharfen und grellen Umrissen gegeben , fuhr der jungen Frau wie ein Messer durch das Herz , um so mehr , als sich Gabriel über seine Mutter bog und sie während der harten Rede streichelte , als sei sie das schutzbedürftige Kind , dem man alles zugefügte Weh durch Liebkosung vergessen machen könne ... Dieser junge , schöne Knabenkopf mit der müden seitlichen Neigung und dem schwermütigen Zug um den Mund trug das Gepräge der Duldung und sklavischen Fügsamkeit , das ihm jedenfalls eine jahrelange Mißhandlung aufgedrückt hatte . Wohl hätte Liane fragen mögen : » Wer ist diese seltsame Fremde , und wie kommt sie hierher mit ihrem Kinde , das unter einem so furchtbaren Drucke aufwachsen muß ? « Allein die Furcht vor weiteren schonungslosen Mitteilungen der Beschließerin schloß ihr den Mund . Sie griff in die Tasche und legte die Schokoladefiguren auf den Tisch . » Das schickt dir Leo , « sagte sie zu Gabriel , » und ich bringe dir auch eine › gute Nacht ‹ von ihm . « » Er ist gut – und ich habe ihn lieb , « versetzte der Knabe mit einem melancholischen Lächeln . » Recht , mein Kind – aber es darf nicht mehr geschehen , daß du für seine Unarten gestraft wirst . « Sie legte den feinen Zeigefinger unter sein Kinn , hob den gesenkten Kopf und sah liebevoll in seine unschuldigen Augen . » Hast du nie den Mut , zu sprechen , wenn man dir unrecht thut ? « fragte sie mit sanftem Ernste . Ueber das häßliche Gesicht der Beschließerin schoß das Rot der Ueberraschung – sie kämpfte einen Moment sichtlich mit einer tiefen Rührung , aber auch nur einen Moment , dann hing ihr Auge wieder lauernd an der neuen Herrin , und sie sagte mit doppelt scharfer Stimme : » Gnädige Frau , das schadet dem Gabriel gar nicht , und wenn sie ihm unrecht thun drüben im Schlosse , so mag er sich bedanken und die Hand dafür küssen ... Er soll ein Mönch werden ; er soll ins Kloster – da heißt ' s erst recht schweigen und nicht mucksen , und wenn die Seele gleich aus dem Leibe fahren möchte vor Zorn und Ärger ... Den kleinen Herrn , den Leo , kann er gar nicht lieb genug haben – der setzt es immer wieder durch beim alten Herrn Baron , daß er noch dableiben darf , sonst wär ' er schon längst nicht mehr bei seiner Mutter . « Die Augen des Knaben füllten sich mit Thränen . » Du sollst ein Mönch werden ? Man will dich zwingen , Gabriel ? « fragte die junge Frau rasch und dringend . » Sage die Wahrheit , mein Sohn – wer zwingt dich ? « ermahnte hinter ihr die Stimme des Hofpredigers , der heute die Trauung vollzogen . Er stand in der offenen Verandathür – schwarz hob sich seine schlanke und doch nervige Gestalt vom mondhellen Rosengebüsch draußen . Liane dachte bei diesen Umrissen überrascht an den vermeintlichen Pfeilerschatten – der Mann hatte sie belauscht und war ihr gefolgt . Frau Löhn knixte , während der Hofprediger im Eintreten lächelnd und mit einer sehr eleganten Verbeugung sagte : » Beruhigen Sie sich , gnädige Frau – wir sind sehr harmlos in Schönwerth ; mit solchen haarsträubenden Gewaltthaten , wie sie das Märchen vom Knaben Mortara der gerngläubigen Welt auftischt , befassen wir uns nicht – gelt , mein Knabe ? « Er legte seine geschmeidige weiße Hand vertraulich auf Gabriels Schulter . Wären nicht der lange , klösterliche Rock und der elfenbeinweiße Fleck auf dem Scheitel inmitten der dunkellockigen Haarfülle gewesen , man hätte nie und nimmer den Geistlichen in dieser Erscheinung gesucht . Keine Spur jener geflissentlich würdevollen Langsamkeit der Bewegungen , die oft so widerlich gespreizt wird und auf Studium und schauspielerische Vorbereitung zurückführt – keine Spur der breiten Salbung in Ton und Wort ! ... Es war heute bei Tafel heiß hergegangen auf politischem Gebiet , und da hatte die metallene Stimme dieses Mannes kriegerisch und herausfordernd geklungen wie Trompetengeschmetter . Bei seinem Eintreten hatte die Kranke das Gesicht wieder in das Kissen gedrückt und war still , als schlafe sie ; aber ihr