, und es mußte ein wehmütiger Moment sein , auf welchem sie ruhten , denn um die Lippen schwebte ein trauriges Lächeln . „ Ich hatte meinen Vater über die Maßen lieb , “ hob sie von Neuem an , „ ich hätte ihn nicht betrüben mögen , um Alles in der Welt nicht ! … Es giebt mir jetzt noch jedesmal einen Stich [ 482 ] durch ’ s Herz , wenn ich daran denke , daß ich einmal als ganz kleines Kind gefragt habe : ‚ Vater , warum haben denn alle Kinder zwei Aermchen und ich nur eines ? ‘ Und wenn ich hundert Jahre alt werde , ich vergesse es nicht , wie da sein liebes , ernsthaftes Gesicht kreideweiß wurde und sich so schrecklich veränderte , daß ich laut aufschrie und zu weinen anfing . Ich habe nie wieder gefragt , aber von der Zeit an , wenn mich Andere mitleidig ansahen , zitterte ich jedesmal aus Angst , er könnte es bemerken und sich darüber grämen . Später ließ er mir einen künstlichen Arm machen , er sah täuschend aus , kostete schweres Geld und gab mir die strenge Lehre , daß alles Falsche sich rächt … Siehst Du , mein Kind , das sind jetzt weit über dreißig Jahre her , und ich weiß noch auf ’ s Jota , wie mir damals zu Mute war . Ich war ein häßlich Ding , hatte ein grob zugehauenes Gesicht , eine plumpe Taille und konnte mich niemals so recht in das finden , was man zierliche Manieren nennt . Ich wußte das Alles so genau , wie es mein ärgster Feind nicht besser hätte wissen können , und das machte mich vollends eckig , und weil ich die Wahrheit liebte , so war ich auch noch grob dazu … Es tanzte Keiner gern mit mir , und wenn es mir auch nicht gerade passirte , daß ich Kohl feil halten mußte auf den Bällen , so geschah das nur , weil mein Vater ein reicher und angesehener Mann war … Drum war mir ’ s auch gar verwunderlich , daß sich einmal Einer fand , von dem ich merkte , daß er sich gern mit mir unterhielt ; er war fremd und kam von Zeit zu Zeit in Geschäften hierher und auch in meines Vaters Haus . Er kam gern und blieb auch immer länger da , als just nötig war ; das hatte ich schnell weg und auch , daß es um meinetwillen geschah , und dafür war ich ihm dankbar über die Maßen … Aber da kam er einmal auch , er war lange fortgewesen ; ich begegnete ihm in der Hausflur und es war mir gar eigen zu Mute , wie er mich so herzlich froh ansah ; dabei griff er schnell und unversehens nach meiner Hand – es war die linke , falsche … Es ist immer ängstlich , wenn man Andere zum Tode erschrecken sieht , aber in dem Augenblicke war es doch gerade , als sollte mein Herz still stehen vor Bestürzung , denn er stand vor mir mit einem Gesicht , so weiß , wie der Kalk an der Wand ; ich glaube gar , er bekam eine Art von Schwindel oder Ohnmacht vor Schreck und Abscheu . Er stierte mich entsetzlich an und schleuderte das unselige Machwerk von Pappe weit von sich , als sei es eine Natter … Damals sah es schrecklich aus in mir , aber ich hab ’ die Zähne zusammengebissen und mein ganzes Wesen wohl behütet , und so ist mein Vater gestorben und hat nie erfahren , was ich für ein großes Herzeleid durchgemacht habe . Den Arm aber habe ich auf der Stelle weggelegt ; ich hatte meine Strafe für den Betrug ! “ „ Und jener Mann , Tante ? “ fragte Lilli bewegt . „ Nun , der ist damals gleich in der Hausflur umgekehrt , zur Tür hinausgegangen und eine lange Zeit nicht wiedergekommen . … Er hat später eine meiner Freundinnen geheiratet , “ erwiderte die Hofrätin beinahe barsch ; sie wollte offenbar einen leichten Ton anschlagen , und das gelang der unbiegsamen , kräftigen Stimme nicht . Tante Bärbchens Mitteilung und mehrfache , daheim gehörte Andeutungen ließen dem jungen Mädchen keinen Zweifel , daß jener Mann ihr eigener Vater gewesen sei . Und wie hatte ihm die unglückliche Verkürzte jene schmerzensreiche Erfahrung vergolten ? Sie war ihm eine treue Freundin geblieben unter allen Verhältnissen , und als er einst durch mißglückte Speculation – er war Bankier – am Rand eines Abgrundes gestanden , da hatte sie ihm ihr ganzes Vermögen zur Verfügung gestellt und ihn gerettet . Sie war daher auch stets ein Gegenstand großer Verehrung für Lilli ’ s Eltern gewesen ; die Mutter hatte Lilli , als Tante Bärbchens Liebling , noch auf dem Sterbebett ermahnt , die alte Freundin nie wissentlich zu betrüben und ihr nach Kräften das Leben froh und heiter zu machen . „ Ja , ja , es weiß Keiner besser als ich , was der feste Wille über ein rebellisches Herz vermag , “ setzte die Hofrätin nach einer Pause hinzu . „ Aber es ist ein ganz ander Geschlecht heut ’ zu Tage ; mit der körperlichen Gesundheit hapert ’ s immer mehr , und da sieht ’ s dann auch in den meisten Fällen um die rechte Kraft der Seele mißlich aus . Das liebe Ich steht obenan , und die stillschweigend gebrachten Opfer im weiblichen Gemüt werden immer seltener . “ Lilli hatte den Kranz vollendet und legte ihn mit einer hastigen Geberde auf den Tisch . Auf ihren Wangen brannte eine tiefe Gluth und um die festgeschlossenen Lippen legte sich ein Zug von trotziger Entschlossenheit . Bei Tante Bärbchens letztem Ausspruch war plötzlich die Frage in ihr aufgetaucht , wie sie wohl selbst aus einem schweren Herzensconflict hervorgehen würde . Ungerufen , aber nichtsdestoweniger beharrlich , standen sofort jene düsterflammenden Augen vor ihr ,