O , o ! “ wimmerte Hartwich und schloß die Augen , „ machen Sie das nicht bei mir — ich kann kein Blut sehen , ich kann die Wunde nicht sehen , — es bringt mich um ! “ „ Ach was , — konnten Sie sie schlagen , dann können Sie sie auch sehen ! “ erwiderte der Geheimrat unerbittlich und begann die Verletzung zu untersuchen . „ Das ist ein schwerer Fall “ , sagte er dann , „ hat sich das Kind erbrochen ? “ „ Ja , ja , — o Gott ja , bis es diesen Starrkrampf bekam ! “ stöhnte Hartwich und griff zitternd nach Ernestinens Hand , um sie zu küssen . — Dann sah er in Todesangst den Arzt an : „ Wie ist es — muß sie — o Herr Jesus — muß sie sterben ? “ und wieder verfiel er in jenes laute kindische Weinen , das nur durch Krank ­ heit oder Trunk entnervten Menschen eigen ist . „ Nehmen Sie sich zusammen “ , befahl der Geheim ­ rat . „ Ich kann noch nichts Bestimmtes sagen , die Schädelverletzung ist erheblich . Von der Wunde könnte sie zwar genesen ; wie stark aber die Wirkung der Er ­ schütterung ist , kann ich noch nicht beurteilen . Dazu die zarte Konstitution des Kindes “ , er zuckte bedenklich die Achseln . „ Ach , Sie geben mir wenig Hoffnung ! “ jammerte Hartwich . „ Ernestinchen , wach auf , schau doch Deinen Vater nur ein einziges Mal an . Deinen bösen Rabenvater ! Ach Herr Geheimrat , ich habe das Kind gerade deshalb nicht leiden können , weil es so schwächlich und häßlich ist . Wäre es wenigstens ein kräftiges hübsches Mädchen geworden — ich hätte mich vielleicht eher darüber getröstet , daß es kein Stammhalter war , — so aber schämte ich mich seiner und hörte mein eigenes Herz nicht . Ach , die Händchen , die armen mageren Händchen — und die Bäckchen , die bleichen zarten Bäckchen , die hab ’ ich schlagen können ! — Gott sei mir sündigem verlorenen Manne gnädig ! “ und damit schlug er sich wieder die Brust , daß es dröhnte . Der Geheimrat sah ihn kopfschüttelnd an . „ Regen Sie sich nicht so auf ! Ihrer Tochter nützen Sie nichts und sich selbst schaden Sie dadurch . “ „ Meine Tochter , meine Tochter ! “ wiederholte Hartwich , „ ach ich habe sie nie als solche betrachtet . Ein Wechselbalg war sie mir , von einer Hexe zum Schabernack statt des ersehnten Sohnes in die Wiege gelegt . Jetzt erst fühl ’ ich , daß sie mein Kind ist , seit ich Gefahr laufe , sie zu verlieren ! “ „ Es ist eine alte Erfahrung , daß sich jedes verleugnete Naturgesetz rächt “ , entgegnete der Arzt . „ Sie haben bisher gegen das große Gesetz der Väterliebe schwer gesündigt — nun fordert es seine Rechte mit verdoppelter Kraft . Ich bitte Sie aber , vor allen Dingen betätigen Sie Ihre Reue durch die sorgsamste Pflege der Kranken und er ­ lauben Sie , daß ich Jemanden rufe , sie zu Bette zu bringen , — es ist ein Fehler , das dies nicht schon längst geschah . “ „ Ach , ich sollte mich von ihr trennen ? “ jammerte Hartwich . „ Ich wollte sie so gern um Verzeihung bitten , wenn sie erwacht . “ „ Das werden Sie so bald schwerlich können “ , sagte der Geheimrat und zog die Glocke . Frau Gedike erschien eben so sanft und unterwürfig , als sie Tags zuvor gegen Ernestine roh und herrisch war . „ Helfen Sie mir das Kind zu Bette bringen “ , sagte Heim und schob behutsam den Arm unter den starren Körper der Kleinen , um sie aufzuheben . „ Ach ich bitte , Herr Geheimrat , bemühen Sie sich doch nicht selbst “ , rief Frau Gedike sichtlich erschrocken . „ Ich kann das arme Würmchen allein hinübertragen . “ Heim heftete einen scharfen Blick auf sie , dann befahl er ruhig : „ Zeigen Sie mir den Weg . “ Frau Gedike lief ihm , so schnell sie konnte , über die Hausflur voraus nach der Tür eines Hinterzimmers . „ Sie erlauben “ , sagte sie und wollte vor dem Geheimrat hineinschlüpfen , „ nur eine Minute bitte ich , zu verziehen , damit ich ein klein wenig aufräumen kann , es sieht durch mein frühes Aufstehen so unordentlich aus . “ Aber Heim sagte gebieterisch : „ Sie werden mir folgen ! “ und schritt mit seiner stummen Last an Frau Gedike vorbei in das Zimmer ; erstaunt blieb er stehen , als er dessen Einrichtung sah . Es war eine Art Wäschekammer , wenigstens befand sich ein Berg gebrauchter Wäsche in einer Ecke aufgetürmt . Zerbrochenes Haus- und Gartengerät aller Art lag und stand umher , kein Vorhang wehrte dem Lichte den Eingang . Ein Heer von Fliegen summte an den trüben Scheiben , eine erstickende Luft erfüllte den engen Raum . In einer Ecke stand eine Kinderbettstelle mit hohem Geländer , die noch aus Ernestinens fünftem oder sechstem Jahre stammen mußte . Sie enthielt einen alten zerrissenen Strohsack ohne Laken , ein schmutziges Kopfkissen und eine schwere buntbezogene Feder ­ decke . Frau Gedike fuhr eifrig umher , so viel als möglich von der schlimmen Einrichtung den klaren Augen des Geheimrats zu entziehen . Doch es half nichts mehr . „ In dieses Bett soll ich das verwundete Kind legen ? In dieser Spelunke soll es verpflegt werden ? “ fragte er mit einem Tone , welcher nichts Gutes verhieß . „ Ja , mein Gott , wir haben kein anderes Zimmer und kein anderes Bett . Das liebe Kindchen hat mich oft recht gejammert , aber der gnädige Herr sind ja so sparsam — und schaffen nichts an “