wir zur Schule gingen , blieb unsre Freundschaft unzertrennlich , trotzdem Korl in die Armenschule und ich in eine höhere Schule ging . Wir konnten kaum erwarten , uns in der 90 freien Zeit auf der Straße zu treffen , um dann gemeinschaftlich unsre Spiele zu treiben , entweder bei uns im Zimmer oder auf der Straße . Mein Höchstes und Schönstes aber war , wenn Korl Lorensen mich mit in seines Onkels Atelier nahm – » Atalihr « sprach Korl es aus , und ich ebenfalls – , während der Zeit , wo dieser seinen künstlerischen Entdeckungen und Stimmungen nachging . Dieses » Atalihr « hat als Tempel der Kunst mich seinerzeit mit den heiligsten Schauern erfüllt , obgleich es weiter nichts war als eine einstmals weiß getünchte schiefe Stube , deren Wände mit Skizzenblättern zweiselhaftester Güte behangen waren . In der einen Ecke stand eine Staffelei mit dem immer noch unfertigen Porträt der seligen Frau Heß , in der andern eine zweite Staffelei , auf welcher irgend ein Firma- oder Wirtshausschild prangte , in welchem Genre Herr Eduard Heß nachgerade einen bescheidenen Ruhm erlangt hatte . Sonst war da , außer schmierigen Pinseln , stark bekleckster nie gereinigter Palette , einem Farbekasten mit ausgequetschten und gefüllten Farbenblasen , Näpfen , Papierschnitzeln , Zigarrenasche und zerbrochenen Spachteln , die ein anmutiges Durcheinander bildeten , nichts Bemerkenswertes als das jeweilige Modell für den Künstler , das in Gemüse , in Obststillleben , in Bücklingen oder dergleichen bestand . Die Wirtshausschilder malte er nach seiner Phantasie , wovon mir das » Zum blauen Wasser « noch erinnerlich geblieben ist , weil die Wellen , die darauf abgebildet waren , wirklich ganz auffallend , ganz wunderbar blau erschienen . Im übrigen herrschte ein unglaublicher Schmutz in diesem geweihten Raum , der mich ebenso mit Staunen erfüllte wie alles andre , denn ich entstammte einem sehr reinlichen Haushalt . Meine gute Mutter hat ihr Lebtag Scheuern und Waschen für das A und O aller Gesittung und Kultur gehalten . – Eines Tages kam Herr Eduard Heß ungewohnt früh von seinem Spaziergang zurück und ertappte uns in seinem Allerheiligsten . Es mochte ihn mein andächtiges Gesicht , mit dem ich ihn und seine Leistungen anstaunte , erfreuen , denn er begann sehr leutselig ein Gespräch über Kunst mit mir dummem Jungen ; es strotzte nur so von erhabenen Worten und Bildern , daß mir ganz schwindlig und benommen wurde und ich unwillkürlich die Hände 91 faltete und mit offenem Munde zuhörte . Was er alles sagte , weiß ich nicht mehr , aber der Schlußsatz ist mir in Erinnerung geblieben und hat vielleicht mein ganzes Schicksal bestimmt : » Dresden ist die wahrhafte Wallfahrtsstätte , zu der jeder kunstbegeisterte strebende Jüngling pilgern sollte , und wäre es nötigenfalls auf nackten Sohlen , wenn er keine Schuhe besitzt . Und dort möge er beten zu den Füßen der Sixtinischen Madonna , daß der Geist Raffaels über ihn komme . « Zu jener Zeit nun , wo uns Eduard Heß die Raupen in den Kopf setzte von Dresden und Raffael , war bereits stark die Rede 92 davon , daß Korl demnächst in die Lehre treten sollte bei Discher Maadsen nebenan . Und mit diesem Tage begann Korls Kampf um die Zukunft , begannen seine stillen Proteste gegen die Tischlerlehre und begannen seine heimlichen Malübungen , seine Versuche , malerische Stimmungen zu entdecken , von denen sein Pflegevater phantasierte und die er bisher vergebens herbeigesehnt hatte . Natürlich blieb ich nicht dahinten . Zunächst zwar verstand ich noch alles nicht recht , aber das Verlangen , mit Maleraugen sehen zu können , war übermächtig auch in mir vorhanden , und eines Tages war es da , das Wunder , so daß es mir durch die Seele fuhr wie ein elektrischer Funke : Herr Gott , wenn du malen könntest , so einfach festhalten – das – gerade das ! Im Jahre 1864 war ' s , als mitten in der Nacht ein Zug dänischer Gefangener über den Rathausmarkt geführt wurde . Die Mondsichel droben am Himmel , haarscharf und silbern über dem Rathausdach , aus den Fenstern der Giebelhäuser am Markt das rötliche Licht der Anwohner , die , aus ihrer Ruhe geschreckt , an den Fenstern lauschten , auf dem Platz eine dicht gedrängte Menschheit und dazwischen der Zug marschierender Soldateska : hie und da blitzt ein Bajonett auf , leuchtet eine Pickelhaube vom Licht getroffen , das Ganze schattenhaft in einer gewissen bläulichen dämmerhaften Beleuchtung – Herr Gott , ist das schön , das muß es sein , was Eduard Heß » malerisch « nennt ! » Mudder , ick much , ick künn dat malen , « flüsterte ich beklommen der Mutter zu . » Bist woll ganz ut de Tüüt ? « fragte sie zurück , » malen ? Wie kamst up malen ? Willst woll ock so ' n Snurrer warden as dat verballerierte Genie , de oll Eduord Heß ? Malen – dat is för Lüd , de to nix anners good sünd . « O weh , mein Ideal ! Aber mein Glaube war stärker . – Korl Lorensen teilte ich andern Tages mit , daß ich gestern meinen unzweifelhaftesten Beruf entdeckt habe und nunmehr fest entschlossen 93 sei , Maler zu werden und nach Dresden zu gehen , um den Geist Raffaels auf mich herabzuflehen . » Ja , Albert , dat must du , « gab er zu mit feierlichen sehnsüchtigen Augen , » un ick , ick gah mit un wenn ick utkniepen müst von Discher Maadsen . Un nahsten Sünndag gahn wi na H . . . un studeeren Malerisches un denn könnt wi dat alles noch besprecken . « Na , das geschah ja wohl , und auch des öfteren . Ich hatte für nichts mehr Sinn als für meine Zukunft , und als gar meine Schwester sich mit dem Zeichenlehrer einer Schule verlobte , da wuchs mir der Mut , denn meine Mutter