mehr und mehr der Überzeugung lebte , daß im letzten immer nur unsre eigene Kraft auch unsre Sicherheit beziehungsweise unsre Rettung sein werde . Welche andre Kraft aber hatten wir als die Armee , die Armee , die , was Erscheinung und Schulung anging , immer noch die friderizianische war . In solcher Stimmung sah man dem Revuetage , der ein Sonnabend war , entgegen . Das Bild , das die Stadt vom frühen Morgen an darbot , entsprach der Aufregung , die herrschte . Tausende strömten hinaus und bedeckten vom Halleschen Tor an die bergansteigende Straße , zu deren beiden Seiten sich die » Knapphänse « , diese bekannten Zivilmarketender , mit ihren Körben und Flaschen etabliert hatten . Bald danach erschienen auch die Equipagen der vornehmen Welt , unter diesen die Schachs , die für den heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war . Im selben Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke , früher Offizier , der , als naher Anverwandter Schachs , die Honneurs und zugleich den militärischen Interpreten machte . Frau von Carayon trug ein stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe , während von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer Schleier im Winde flatterte . Neben dem Kutscher saß der Groom und erfreute sich der Huld beider Damen , ganz besonders auch der ziemlich willkürlich akzentuierten englischen Worte , die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete . Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs angemeldet worden , aber lange vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen , altberühmten Infanterieregimenter Alt-Larisch , von Arnim und Möllendorf , ihre Janitscharenmusik vorauf . Ihnen folgte die Kavallerie : Garde du Corps , Gensdarmes und Leibhusaren , bis ganz zuletzt in einer immer dicker werdenden Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und -klapperten , die zum Teil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings wieder bei Valmy und Pirmasens gedonnert hatten . Enthusiastischer Jubel begleitete den Anmarsch , und wahrlich , wer sie so heranziehen sah , dem mußte das Herz in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen . Auch die Carayons teilten das allgemeine Gefühl und nahmen es als bloße Verstimmung oder Altersängstlichkeit , als der alte Herr von der Recke sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte : » Prägen wir uns diesen Anblick ein , meine Damen . Denn glauben Sie der Vorahnung eines alten Mannes , wir werden diese Pracht nicht wiedersehen . Es ist die Abschiedsrevue der friderizianischen Armee . « Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkältet und blieb in ihrer Wohnung zurück , als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr , ein Vergnügen , das sie jederzeit geliebt hatte , zu keiner Zeit aber mehr als damals , wo sich zu der künstlerischen Anregung auch noch etwas von wohltuender politischer Emotion gesellte . » Wallenstein « , die » Jungfrau « , » Tell « erschienen gelegentlich , am häufigsten aber Holbergs » Politischer Zinngießer « , der , wie Publikum und Direktion gemeinschaftlich fühlen mochten , um ein erhebliches besser als die Schillersche Muse zu lärmenden Demonstrationen geeignet war . Victoire war allein . Ihr tat die Ruhe wohl , und in einen türkischen Shawl gehüllt , lag sie träumend auf dem Sofa , vor ihr ein Brief , den sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke nur flüchtig gelesen hatte . Desto langsamer und aufmerksamer freilich , als sie von der Revue wieder zurückgekommen war . Es war ein Brief von Lisette . Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand und las eine Stelle , die sie schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte : » ... Du mußt wissen , meine liebe Victoire , daß ich , Pardon für dies offne Geständnis , mancher Äußerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben schenke . Du suchst Dich und mich zu täuschen , wenn Du schreibst , daß Du Dich in ein Respektsverhältnis zu S. hineindenkst . Er würde selber lächeln , wenn er davon hörte . Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen , ja , verzeihe , so pikiert werden konntest , als er den Arm Deiner Mama nahm , verrät Dich und gibt mir allerlei zu denken , wie denn auch andres noch , was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst . Ich lerne Dich plötzlich von einer Seite kennen , von der ich Dich noch nicht kannte , von der argwöhnischen nämlich . Und nun , meine teure Victoire , hab ein freundliches Ohr für das , was ich Dir in bezug auf diesen wichtigen Punkt zu sagen habe . Bin ich doch die ältere . Du darfst Dich ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben , die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen . Und zu diesen Personen , mein ich , gehört Schach . Ich finde , je mehr ich den Fall überlege , daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst und entweder Deine gute Meinung über S. oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn fallenlassen mußt . Er sei Kavalier , schreibst Du mir , › ja , das Ritterliche ‹ , fügst Du hinzu , › sei so recht eigentlich seine Natur ‹ , und im selben Augenblicke , wo Du dies schreibst , bezichtigt ihn Dein Argwohn einer Handelsweise , die , träfe sie zu , das Unritterlichste von der Welt sein würde . Solche Widersprüche gibt es nicht . Man ist entweder ein Mann von Ehre , oder man ist es nicht . Im übrigen , meine teure Victoire , sei gutes Mutes , und halte Dich ein für allemal versichert , Dir lügt der Spiegel . Es ist nur eines , um dessentwillen wir Frauen leben , wir leben , um uns ein Herz zu gewinnen , aber wodurch wir es gewinnen , ist gleichgiltig . « Victoire faltete das Blatt wieder zusammen . » Es rät und tröstet sich leicht aus einem vollen Besitz heraus ; sie hat