welche befragt worden war , langsam durch das Zimmer . Ich glaube , mein Organ der Ehrerbietung muß stark entwickelt sein , denn noch heute erinnere ich mich des Gefühls von staunender Bewunderung , mit welchem ich ihren Schritten folgte . Jetzt im hellen Tageslicht sah sie schlank , groß und stattlich aus . Braune Augen mit wohlwollendem , klarem Blick und fein gezeichnete Wimpern , welche sie umgaben , hoben die schneeige Weiße ihrer Stirn noch besonders hervor . Nach der Mode jener Zeit , wo weder glatte Scheitel , noch lange Schmachtlocken en vogue waren , trug sie ihr schönes , dunkelbraunes Haar in kurzen , dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt . Ihre Kleidung , ebenfalls nach der Mode des Tages , bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von spanischem Besatz aus schwarzem Sammet . Eine goldene Uhr ( Uhren wurden in jenen Tagen noch nicht allgemein getragen ) hing an ihrem Gürtel . Um das Bild vollständig zu machen , muß der Leser sich noch feine , vornehme Züge hinzudenken , eine bleiche , aber klare Gesichtsfarbe , eine stattliche Haltung und Gestalt – und dann hat er , so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen , einen richtigen Begriff von dem Äußeren der Miß Temple – Maria Temple , wie ich später einmal in einem Gebetbuche las , welches mir anvertraut wurde , um es in die Kirche zu tragen . Die Oberin oder Vorsteherin von Lowood ( denn dieses Amt bekleidete die Dame ) nahm ihren Sitz vor einem Globus ein , der auf einem der Tische stand , rief die erste Klasse auf , sich um sie zu sammeln , und begann dann , eine Unterrichtsstunde in Geographie zu geben . Die niederen Klassen wurden von den Lehrerinnen aufgerufen : Repetitionen in der Weltgeschichte , Grammatik u. s. w. Dies dauerte eine Stunde . Dann folgte Arithmetik und Schreibunterricht , und Miß Temple gab einigen der größeren Mädchen Musikstunde . Die Dauer jeder Unterrichtsstunde wurde nach der Uhr bemessen . Endlich schlug es zwölf . Die Vorsteherin erhob sich : » Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten , « sagte sie . Der Tumult , welcher stets nach Beendigung der Schulstunden einzutreten pflegt , hatte sich bereits erhoben , aber er legte sich sofort beim Klange ihrer Stimme . Sie fuhr fort : » Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt , welches ihr nicht essen konntet , ihr müßt hungrig sein – ich habe befohlen , daß für euch alle ein Gabelfrühstück von Brot und Käse aufgetragen wird . « Die Lehrerinnen richteten Blicke auf sie , welche das größte Erstaunen verrieten . » Es soll auf meine Verantwortung geschehen , « fügte sie hinzu , gewissermaßen in einem erklärenden Tone für die Damen ; gleich darauf verließ sie das Zimmer . Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt , zum größten Ergötzen und zur höchsten Befriedigung der ganzen Schule . Und nun erging die Ordre : » In den Garten ! « Jede Schülerin setzte einen groben , häßlichen Strohhut mit Bändern von buntem Kaliko auf und band einen Mantel von grauem Fries um . Ich wurde in gleicher Weise equipiert , und dem Strome folgend machte ich meinen Weg in die frische Luft hinaus . Der Garten war ein weiter Plan , der mit so hohen Mauern umgeben war , daß er jeden Blick in die Außenwelt unmöglich machte ; eine überdachte Veranda zog sich an der einen Seite entlang , und breite Kieswege umschlossen einen Mittelraum , der in unzählige , kleine Beete abgeteilt war . Diese Beete waren den Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben , und jedes Beet hatte eine Besitzerin . Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch , wenn sie mit blühenden Blumen bedeckt waren , aber jetzt gegen Ende des Monats Januar boten sie dem Auge nur ein Bild der winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls . Es durchschauerte mich , als ich so dastand und umherblickte . Der Tag war der Bewegung im Freien durchaus nicht günstig , es war kein ordentlicher Regen , der alles durchnäßte , sondern ein dicker , gelber , herabrieselnder Nebel . Der Boden unter unseren Füßen war durch den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht . Die kräftigeren unter den Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen : aber unter der Veranda stand eine ganze Schar bleicher , magerer Gestalten , die ängstlich zusammenkrochen , als suchten sie hier Schutz und Wärme . Oft ertönte aus ihrer Mitte , als der dichte Nebel ihnen fast bis auf die Haut drang , ein hohler , Böses verkündender Husten . Bis jetzt hatte ich noch mit niemand gesprochen und niemand schien mir sonderliche Beachtung zu schenken , ganz einsam stand ich da ; aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war ich ja gewöhnt , es bedrückte mich nicht mehr als sonst . Ich lehnte mich gegen einen Pfeiler der Veranda , zog meinen grauen Mantel fest um mich zusammen und indem ich versuchte , die Kälte , die mich von außen schmerzte , und den unbefriedigten Hunger , der von innen an mir nagte , zu vergessen , gab ich mich ganz der Beschäftigung hin , zu beobachten und nachzudenken . Meine Reflexionen waren zu unbestimmt und zu fragmentarisch , als daß sie einer Erwähnung verdienten . Ich wußte noch kaum , wo ich mich eigentlich befand . Gateshead und mein bisheriges Leben schienen in einer unermeßlichen Ferne zu verschwinden , die Gegenwart war seltsam und vag und von der Zukunft wagte ich nicht , mir irgend ein Bild zu machen . Ich blickte in dem klösterlichen Garten umher , dann zum Hause hinauf . Es war ein großes Gebäude , dessen eine Hälfte grau und alt erschien , während die andere ganz neu war . Dieser neue Teil , welcher das Schulzimmer und den Schlafsaal enthielt , hatte vergitterte Bogenfenster , die ihm ein kirchenähnliches Aussehen gaben . Eine steinerne Tafel