Stellen traf . Soldat ! - Das hatte ihn zeitenweise in Träume von Krieg und Ruhm verwoben , ihm als köstlichstes Ziel vorgeschwebt , aber dann sah er die Wirklichkeit : Uniformprotzen , Rekrutendriller , die Wunsch und Sehnsucht rasch erstickte . Künstler ! - Leidenschaftlich hatte er ein paar Jahre lang Geige gespielt , - mit viel Talent , sagten die Lehrer , - um das Instrument schließlich , als er sich ohne Erfolg mit einer eigenen Komposition gequält hatte , fast mit einem Gefühl von Ekel beiseite zu legen . Auch Gedichte hatte er gemacht , - er betonte , wenn er davon sprach , sich selbst verhöhnend , das » gemacht « , - und hütete sich später ängstlich , irgendeinen rhythmischen Einfall zu Papier zu bringen , weil er » nicht geworden und gewachsen war « . Die Freunde trennten sich ernstlich verstimmt und sahen sich in der nächsten Zeit nur flüchtig . Auf Konrads Schreibtisch , der ihm im kühlen Lichte dieser Tage nicht einmal grotesk erschien , sondern in seiner absurden Häßlichkeit einen beinahe lächerlichen Eindruck machte , häuften sich danach Bücher sozialistischen Inhalts . Lange Zeit hindurch stand er unter dem berauschenden Einflusse Lassalleschen Pathos . Er wälzte abenteuerliche Pläne im heißen Kopf : Die Gefesselten befreien , die Entrechteten zur Würde sich selbst bestimmenden Menschentums erheben - welch eine Aufgabe wäre das ! Doch wenn er dann , ganz erfüllt , mit vor Tatenfieber klopfenden Pulsen andere sozialistische Zeitungen und Broschüren zur Hand nahm , oder in Versammlungen ging , bei deren Besuch er sich allmählich von Pawlowitsch emanzipierte , der ihn zu leiten , ja zu beherrschen suchte , so wurde der Eindruck immer stärker , daß das reine Gold der ursprünglichen großen Ideen auf der einen Seite gegen die Kupfermünzen alltäglicher Sorgen und Erlösungen , auf der anderen Seite gegen die abgegriffenen gedruckten Anweisungen auf illusorische Schätze eingetauscht worden war . » Ideen werden altersschwach , sobald man sie auf die Flaschen des sogenannten gesunden Menschenverstandes zieht , « sagte er einmal in einer Stunde tiefer Depression zu Pawlowitsch ; » so geht das Christentum am Protestantismus zugrunde . « » Und der Sozialismus - woran ? « frug der Russe , während sein rechter Mundwinkel sich sarkastisch in die Höhe zog . » Das vermag ich nicht zu bezeichnen ; es ist auch wohl vermessen , angesichts der Millionen seiner Anhänger vom Zugrundegehen überhaupt zu sprechen , « entgegnete Konrad , » nur - es wirkt so entmutigend , ernüchternd , wenn man die Nachkommen seiner Helden und Märtyrer sieht : trockne Schulmeister , korrekte Beamte . « » Entmutigend ? ! Ernüchternd ? ! « wiederholte Pawlowitsch mit hartem Auflachen . » Sie sind sehr maßvoll , Herr Baron ! Eher sollte der Sozialismus ganz zugrunde gehen , als daß er nach den Idealen jener Schulmeister und Beamten etwa in Konsumvereinen und Baugenossenschaften seine sogenannte Erfüllung fände ! Aber noch sind wir da - wir ! « und ein triumphierendes Leuchten glitt über seine Züge . » Wir « , das war der Freundeskreis des Russen , eine Gruppe radikaler Sozialdemokraten , fast nur Slawen und Juden , mit der auch Konrad zuweilen zusammenkam . Hier war Leidenschaft , hier war Empörung , - aber jene kalte und verbissene , die nur das Resultat einer ununterbrochenen Kette von Unterdrückungen sein können ; hier war Überzeugungstreue , aber eine , die religiöse Wärme in die Eisluft grausamen Fanatismus wandelt . Hier war Sehnsucht , aber vor allem jene negative der Hassenden , deren deutlichstes Ziel Rache ist und Zerstörung . Stets war es ein Gefühl des Fröstelns , das Konrad aus dieser Umgebung heimwärts trieb . Mit einem erleichterten Aufatmen pflegte er dann nach seinen geliebten Dichtern zu greifen , bald alles um sich her vergessend ; in rhythmischem Tonfall , fast ein wenig psalmodierend wie die katholischen Priester , las er erst leiser , dann lauter und lauter sprechend die tönenden Verse vor sich hin , im Takt im Zimmer auf und nieder schreitend . Wenn Giovanni ihm den Tee servierte - eine alte Hochsesser Gewohnheit , die er wieder aufgenommen hatte - , unterbrach er sich kaum ; das Summen der Flamme , das Brodeln des Wassers erschien ihm vielmehr wie die Begleitung seiner Melodien . Einmal - Giovanni war in ein Varietétheater gegangen , Erinnerungen an die eigene Kunst schienen ihn immer häufiger hinzuziehen , was Konrad lächelnd geschehen ließ , gönnte er doch dem alten Manne dies bißchen wiedererwachende Lebensfreude - brachte Gina , die Bucklige , den abendlichen Imbiß ; vergebens hatte sie vorher an der Türe geklopft , er hatte , von den musikalischen Akkorden Georgescher Verse hingerissen , ihr Pochen überhört . Leise , daß nichts dazwischen klirrte , deckte sie den Tisch , mit den feinen Fingerchen Glas und Porzellan , Brot und Obst zierlich ordnend . Erst als das Wasser im Kessel zu rauschen begann , bemerkte Konrad die Kleine . Sie stand bewegungslos , die blassen Lippen halb geöffnet , die großen Augen auf ihn gerichtet , in ihrem roten Kleidchen an den grünen Teppich gelehnt ; die braunen , lockigen Haare bedeckten barmherzig den Höcker , so daß sie einem Elflein glich , das dem Walde entsprungen war , um der tiefen Menschenstimme zu lauschen . » Du , Gina ? « sagte Konrad lächelnd . Wie gut paßte dies hauchzarte Kind in die Stimmung des Abends . Sie stammelte eine Entschuldigung , um gleich darauf , aus dem Erstaunen erwachend , den nunmehr am Tisch Sitzenden mit ruhiger Grazie zu bedienen . Ihre Füßchen versanken lautlos im Teppich , und jede Bewegung schien bei all ihrer Natürlichkeit doch von großer Kunst diktiert , denn niemals wandte sie dem jungen Mann den verunstalteten Rücken zu . Eine wohlige Behaglichkeit breitete sich um ihn aus ; die Mahlzeit dauerte länger als sonst , denn Konrad mußte immer wieder auf die zarten Hände , in das strahlende Gesichtchen , auf