ja nicht wissen , wenn seine Frau einmal sterben sollte , so werde er sich in seiner zweiten Ehe ganz besonders vorsehen ; und so waren beide schon recht in die Jahre gekommen und meinten doch , nach unbedachter Leute Art , daß sie ihr Leben immer noch vor sich hätten und es nach ihrem Gefallen lenken könnten . Die Tochter der beiden war wenige Jahre älter wie Hans , gutmütig und still , und hatte der beiden Eltern Eigenschaften in sich vereinigt , schlief viel und aß gern und war in ihren jungen Jahren auch schon artig aufgegangen zu einem kugelrunden und zufriedenen Fräulein . Hans aber hatte es gut in der Familie und wurde rechtschaffen gefüttert für seinen Taler . In der Schule war ihm das Einleben recht schwer . Da bestand eine allgemeine Verschwörung gegen die Lehrer : alle Schüler hielten zusammen , logen sich gegenüber dem Lehrer heraus , betrogen diese auch , untereinander aber logen und betrogen sie nicht . Hätte einer sich dieser Ordnung nicht gefügt , so hätten sie ihn alle verachtet . Karl fügte sich sehr schnell in die Verhältnisse , sah in seines Nachbars Hefte und hatte beim Abfragen ein Buch unter der Bank liegen ; und wie der Lehrer einmal eine Aussage von ihm wollte , log er mit offener und heiterer Miene . Hansen war es nicht möglich , sich so zu geben , gleichwohl aber sah er wohl ein , daß er nicht gegen die andern auftreten konnte , und so stritten das alte Pflichtbewußtsein und das neue , das er hier bekam , eine lange Zeit in ihm miteinander , bis er endlich einen Ausweg fand , indem er selbst zwar keine Betrügereien mitmachte , aber willig seine Hefte und Bücher hergab , wenn die andern sie benutzen wollten . Als einmal sein Nachbar beinahe ertappt wurde und der Lehrer ihn befragte , wurde er sehr rot und verlegen und sagte ängstlich , er wisse von nichts . Die Lehrer hatten allerhand Spitznamen , mit denen die Schüler sie unter sich nannten ; allmählich gewöhnte er sich auch daran , sie so zu nennen , immer aber behielt er dabei noch eine gewisse Scheu und Unbehaglichkeit . Zwar nahmen die Schüler im ganzen und großen seine Art ruhig hin ohne besonderes Nachdenken , einmal aber kamen sie doch auf den Gedanken , sie möchten ihn hänseln , weil er anders war wie sie , und fiel ihnen ein , sie wollten ihn auf den Klassenschrank setzen . Da wich er erst zurück und zog seine Arme fort , an denen sie ihn anfassen wollten , aber wie sie ihn endlich umringt hatten , und weil er sich aus Verlegenheit nur ungeschickt und schwach wehrte , da hoben sie ihn bald unter lautem Geschrei auf den bestimmten Thron . Wie er da saß , standen ihm vor Kummer die Tränen in den Augen , aber wie er auch Karl unter der Schar seiner Peiniger erblickte , da faßte ihn ein heftiger Gram , und es überkam ihn eine besinnungslose Wut , und er ergriff eine zusammengerollte Landkarte mit Stäben , die da oben lag , und hieb unbarmherzig mit aller Kraft auf die Köpfe unter ihm ein . Die Jungen schrien auf , und der Schwarm wickelte sich schnell auseinander , er aber sprang mit seiner Waffe vom Schrank herunter und verfolgte die andern , die vor ihm flohen , bis sie zuletzt alle zur Tür hinausliefen und diese von außen zuhielten , damit er ihnen nicht nachkommen solle , denn sie waren in heftige Furcht gekommen . Nach diesem Vorkommnis ließen sie ihn in Ruhe , ohne sich übrigens besondere Gedanken über den Grund zu machen ; er aber überlegte sich das Ganze reiflich und kam zu dem Schluß , daß einer , wenn er sich nicht fürchtet , gar keine Gefahr läuft und wohl dreißig in die Flucht schlagen kann . Fünf Jahre mußte er auf dem Gymnasium verbringen , das waren die fünf schlimmsten Jahre seines Lebens . Damals fühlte er wohl den Druck und hatte das unbestimmte Gefühl , als sei er Gefangener in einem Zuchthaus , aber weil alle um ihn herum in derselben Weise lebten und dieses Leben ganz natürlich und angenehm fanden , so kam ihm sein Unglück nicht zum Bewußtsein , und er litt nur dumpf . So hatte er es später leichter , wie er schwere Zeiten durchmachte , in Gewissenskämpfen und Sorge um das tägliche Brot , denn da fühlte er sich innerlich doch immer froh , wenn er dachte , daß das alles , was man als das Schlimmste hinstellt , doch nicht so schlimm war wie dieses Leben in der Schule , das damals allen natürlich und angenehm erschien , wenn auch alle litten gleich ihm . Vieles wurde gelehrt , was ein jugendliches Herz wohl hätte begeistern können ; aber was die Lehrer sagten , und was gelernt werden mußte , war gleichgültig und eine gemeine Arbeit ohne Sinn , wie sie ein Holzarbeiter verrichten mag , der denkt : am Sonnabend habe ich meinen Lohn verdient ; und einen andern Sinn hat seine Arbeit nicht für ihn . So war auch in der Schule alles Arbeiten nur aus dem Zwecke zu verstehen , daß man solche Dinge wissen mußte , wenn man das Examen bestehen wollte ; das mußte man aber bestehen , sonst durfte man nicht studieren ; deshalb freuten sich auch alle auf die Universität , denn sie hofften , daß sie da das Zweckvolle und Sinnreiche sehen würden . Aber weil die Arbeit allen zuwider war , und weil alle das gleiche wissen mußten , Kluge und Dumme , so kam zu dem noch hinzu , daß die Dinge , die man wissen sollte , so lange wiederholt wurden und breitgetreten , bis sie auch bei dem Dümmsten und Gleichgültigsten festsaßen . Traurig und matt saßen die Jungen auf ihren Bänken , sahen sehnsüchtig aus dem Fenster , wo die Schneeflocken