daß Du oft mit Detlev zusammen bist , den werde ich auch schwer vermissen . Leb wohl , ich schreibe Dir so bald wie möglich . Balsdorf , 4. Mai Nun sind wir so weit auseinander , und das Herz tut mir so weh . Ich denke den ganzen Tag an Dich , an alle die einzelnen Stunden , die wir zusammen waren und an jene allerschönste auf dem Kirchhof , wo Du mir Deine Liebe sagtest . Immer wieder zog das alles an mir vorbei . Wie hab ' ich mich heute auf diesen Augenblick gefreut - ich bin allein in meinem Zimmer und Dein Bild steht vor mir - ich seh ' in Deine Augen - draußen über den dunklen Tannen der Mond , und im Garten schlagen die Nachtigallen . - Friedl , was sollte wohl aus mir werden , wenn ich Dich nicht hätte . Ich habe noch viele bittre Worte gesagt und gehört in den letzten Tagen zu Hause , es gab noch einen argen Zusammenstoß mit meiner Mutter , und wir haben uns kaum Adieu gesagt . Papa sprach den letzten Morgen mit mir über meine namenlose Starrköpfigkeit und versicherte mir , daß es mir doch alles nichts helfen würde . Das einzige Gute bei diesem Abschied war mit Detlev , wir haben uns eine ganze Stunde geküßt und uns geschworen , fest zusammenzuhalten . Beinahe hätte ich ihm jetzt schon unser Geheimnis verraten . Vorhin war ich mit den anderen im Wald . Ich lag im Gras und träumte , während sie sich unterhielten , machte die Augen zu und dachte an unser letztes Beisammensein : wir standen wieder im Dom bei der großen Orgel - und dann sah ich Dich rasch fortgehen . Da wurde mir zumut , als ob ich weit fortstürzen möchte in die Einsamkeit mit allem Sehnen und Denken . Ich möchte Dich noch einmal sehen und dann mein verfehltes , zertretenes Leben von mir werfen . Ja , Friedl , ich fühle mich manchmal so entsetzlich zerrissen und heimatlos , daß mich alle Kraft verlassen will . Nirgends bin ich zu Hause , nirgends - am wenigsten da , wo ich es sein sollte . Kaum ein halbes Jahr kann ich mit ihnen leben , dann muß ich wieder hinaus unter fremde Menschen , wo ich auch nicht hingehöre . Wenn sie auch gut gegen mich sind , gerade das tut mir manchmal am meisten weh und es sind doch überall dieselben Schranken , an denen ich mich wundstoße . Und ich fühle doch auch , daß niemand so zur Lebensfreude geschaffen ist wie ich - manchmal erschrecke ich selbst darüber , was für Wildheit in mir steckt und sich ausrasen möchte . Du bist ja der einzige , zu dem ich so sprechen kann . Hab Geduld mit mir , Du allein , die andern haben sie ja alle nicht , weil ich nicht so sein kann , wie sie mich haben wollen . Vielleicht , wenn Du mich ganz kenntest , würdest Du ebenso denken wie sie . Das ist ein fürchterlicher Gedanke ; nein , sag mir , daß Du immer an mich glauben willst - immer . Hilf mir , ich will auch alles auf mich nehmen , wenn Du mich nur lieb hast . 10. Mai Die ruhigen Tage hier haben mich wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht - sowie ich nur die wahnsinnige Überreizung von zu Hause überwunden habe , bin ich wieder ein andrer Mensch . Und Dein geliebter Brief macht mich so froh . Ich werde hier förmlich verzogen und habe ziemlich viel Freiheit , kann den ganzen Tag draußen zeichnen oder rudern . Dein Herbstgedicht ist sehr schön - ich mußte an die Herbsttage daheim in Nevershuus denken , wenn ich mit den Hunden auf der Koppel war und im Gehen den Ossian las . Kennst Du den ? Oder in den Sturm hinaussang - ich kann eigentlich gar nicht singen , nur wenn ich allein bin . Aber ich sehne mich so oft nach Musik , und sie fehlt mir so . Aber bei uns ist das nun einmal so : was nicht zum täglichen Brot gehört , ist überflüssig und verwerflich . Und was könnte man alles aus sich machen , wenn einem nur ein bißchen geholfen würde . Ich möchte alles können und alles wissen und muß fortwährend meine ganze Kraft aufbieten , um nur das wenige zu retten , was ich habe - damit mir nicht auch das zerdrückt wird . Jetzt lese ich Tristan und Isolde in der alten Sprache , es ist so wunderbar schön . Meist steige ich damit in einen Baum und schaukle mich in den Zweigen und denke an Dich . 18. Mai Kennst Du das Gedicht von Ibsen : » Sie saß schon frühe - im Lebensmai - in der Galerie - vor ihrer Staffelei ? - « Und den Schluß , wie sie immer noch da sitzt und von » leuchtenden Schönheitstagen « träumt , als der Lebensmai längst vorüber ist ? Vielleicht wird mein Schicksal ähnlich fallen . Und wenn Du nach vielen Jahren heimkommst und Dir Dein Leben aufgebaut hast , groß und schön , findest Du mich immer noch an meinem Fenster - aber zerstört - vernichtet und fürs Leben verloren . Und das mit dem Jäger - ich las heute gerade die beiden wieder - erinnerst Du Dich - wie er den andern mit magischer Gewalt auf einen Berg hinaufzieht und dort festhält . Und von droben sieht er alles vergehen , woran er hing : sein Haus brennt auf , während der Jäger von der schönen Beleuchtung spricht . Seine Braut zieht mit einem fremden Mann zur Kirche - aber er bleibt auf dem Berg , und wie alles vorbei ist und tot da drunten , ist er stark geworden und gefeit : Mein Leben im Tale auf ewig tot - Hier oben Gott und ein Morgenrot - dort unten tappen die andern -