tragen , in denen sie bisher noch nicht zu sehen waren . - - - Nun sage mir , o Ustad , ob ich mich für gestorben halten muß ! « Da streckte er mir beide Hände entgegen . Ich sah , daß seine Augen feucht waren , indem er zu mir sprach : » Sihdi , nicht hier will ich dir sagen , was ich erkennen muß ! Wir gehn hinauf zu dir . Doch sage vorher , was mit dem Briefe war , den du uns zeigen wolltest ! « » Er ist nun dein , « antwortete ich . » Mein ? « fragte er verwundert . » Ja . Er steckt ja dort in deiner Satteltasche . « » In - - meiner - - meiner - - Satteltasche ! « wiederholte er lächelnd meine Worte . » Also du hast mit diesem Geschenke gewiß und wirklich Ernst gemacht ? « » Ja ! es war Ernst . Ich habe dir nichts geschenkt . Du hast mich nur befreit . Soll vielleicht ich nach diesem Briefe suchen ? « » Thue es ! - Dann gehen wir hinüber in mein Zimmer . « Ich fand das Schreiben , dessen sich der Leser wohl noch erinnern wird . Ich gab es dem Ustad und ging dann hinaus , ohne mein bisheriges Eigentum noch einmal anzusehen . Da sagte der Ustad , indem sie mir beide folgten : » Effendi , du lässest deine Berühmtheit hier zurück . Willst du fortgehen , ohne auch nur noch einen einzigen Blick auf sie zu werfen ? « » Ja , « antwortete ich . » Berühmt ! Kennst du diese Art von Berühmtheit ? Sie ist dämonischer Natur . Soll sie deine Freundin sein , so verzichte auf dich selbst , und gieb ihr deinen Geist und deine ganze Seele hin ! « » Wie wahr , wie wahr du sprichst ! « stimmte er mir bei . » Ich kenne sie . Sie war nicht nur meine Freundin ; sie war mir mehr , viel mehr . Und was hat sie von mir gefordert ! Welche Opfer habe ich ihr gebracht ! Jedem Laffen hatte ich mich vor die Füße zu werfen und vor jedem hohlen Kopfe mich zu verbeugen ! Jedem Narren mußte ich gefällig sein , um sie nur nicht zu schädigen , und jeden Dünkel mir gefallen lassen , damit er ihr ja nicht gefährlich werden könne . Meine Tasche mußte für jede Thorheit offen sein , und wenn der Unverstand mich auch mit tausend Albernheiten plagte , ich hatte still zu halten nur um ihretwillen . Der Neid stand Tag und Nacht vor mir mit seinen Argusaugen ; die Mißgunst schlich mir nach auf allen Wegen , und wo ich mich zur Ruhe setzen wollte , saß schon die Scheelsucht da und jagte mich von dannen . Ich durfte nicht so sprechen , wie ich wollte , und was ich schrieb , das wurde von der Feindschaft falsch gedeutet . Ich habe viel verloren , was ich jetzt schwer beklage , doch daß ich zu dem allen auch sie verlor , nach der ich einst gestrebt mit einer Gier , die ich fast Sünde nenne , das ist mir ein Gewinn , der den Verlust mich gern ertragen läßt . Doch , schweigen wir hiervon ! Kommt jetzt herein zu mir ! « Als wir in seine Stube traten , hörten wir durch die offenstehende Balkonthür den Hufschritt von Pferden . Die Gefangennahme des vierten Persers war also gelungen . Der Ustad stellte das Licht auf den Tisch und betrachtete den Brief . » Keine Adresse ! « sagte er . » Nur die Zeichen , welche wir vorhin auf der Vorderseite des Alphabetes sahen . An wen ist dieses Schreiben gerichtet ? « » An Ghulam el Multasim , « antwortete ich . » Woher weißt du das ? « » Ich werde es dir erzählen . « Wir setzten uns nieder , und ich berichtete in möglichst kurzer Weise über unsere eigentümliche Bekanntschaft mit den Sillan , von unserer Begegnung auf dem Tigris an bis auf den Kaffeewirt in Basra . Hierauf sagte ich auch noch , wen ich hier bei den Dschamikun als zu dieser geheimen Gesellschaft gehörig entdeckt hatte . Die beiden Zuhörer folgten meiner Erzählung mit großer Aufmerksamkeit . Als ich geendet hatte , sah der Ustad eine Zeitlang sinnend vor sich nieder . Dann hob er den Kopf und sagte : » Effendi , weißt du , was du uns berichtet hast ? « » Nun , was ? « » Ereignisse aus einem Fabellande . « » Glaubst du , daß ich dichtete ? « » O nein ! Der Brief ist ja Beweis . Er liegt als ein Gegenstand , welcher unserer Körperwelt angehört , in meiner Hand . Du hast wirkliche Thatsachen erzählt , nichts hinzugefügt , sondern ganz im Gegenteile sehr viel weggelassen , wie ich vermute . Und doch sprach ich von einem Fabellande . Warum ? « Er sann wieder eine Weile nach . Dann fuhr er fort : » Fabel und Märchen ! Ich frage nicht , was andere Leute sich bei diesen Worten denken . Ich sage , was für Vorstellungen diese Begriffe in mir selbst erwecken . Was Gott den Klugen und Weisen verschweigt , weil sie es ihm nicht glauben , das läßt er den Kindern und Unmündigen erzählen , damit der widerstrebende Verstand von dem ungetrübten Glauben lernen möge . Es schweben zwischen Himmel und Erde Wahrheiten , denen der Zweifel des geräuschvollen Tages verbietet , sich zu der Menschheit herniederzulassen . Aber in der verschwiegenen Nacht , wenn die Zweifel schlafen , gleiten diese Wahrheiten an den freundlichen Strahlen der Sterne herab , um , wie alles Himmlische , wenn es die Erde berührt , sichtbare Gestalten anzunehmen , sobald sie das ihnen verbotene Land erreicht haben . Sie hoffen , in diesen Körperformen vor ihren Feinden