, sagte sie ihm nur : » Dodo , darling , renn doch jetzt mal in der andern Richtung um den Tisch - es wird uns sonst schwindlig . « Solche kleinen Damenfeste werden , wie alle sonstigen geselligen Begebenheiten auch , am nächsten Tage in all ihren Einzelheiten von den Zeitungen beschrieben . Die Öffentlichkeit des Privatlebens in Amerika ist immer von neuem ein Gegenstand des Staunens für uns Fremde . Sie erstreckt sich auf die kleinsten Handlungen der oberen 400 . Das gesellschaftliche Debut einer jungen Dame aus diesen Kreisen wird im voraus bekannt gegeben , mit Beschreibungen ihrer äusseren Erscheinung und aller Toiletten , die sie in Paris bestellt hat , man kann in den Zeitungen lesen , wie viel Taschengeld sie zu verausgaben hat , welche Handschuhnummer sie trägt , welche Blume sie bevorzugt , wer ihre Hofmacher sind . Verheiratet sie sich , so werden spaltenlange Artikel ihrer Ausstattung und ihren Hochzeitsgeschenken gewidmet und genaue Berechnungen aufgestellt , was der Bräutigam wert ist ( an Dollars nämlich ) . Eine New Yorker Dame ist eigentlich nie allein - sie agiert beständig vor Reportern , die der neugierigen Menge die wichtige Kenntnis aller Einzelheiten ihres Lebens vermitteln . Das Bewusstsein , fortwährend beobachtet , besprochen und beschrieben zu werden , mag dazu beitragen , dass die modernen Amerikanerinnen der obersten Gesellschaftsklassen keinen Augenblick vergessen , welchen Eindruck sie hervorrufen . Sie sind immer darauf bedacht , zu gefallen , und ruhen nicht eher , bis jeder , der ihnen naht , sich ihrem Charme ganz gefangen gibt . Sie sind stets liebenswürdig , reizend und faszinierend , aber gesunden Menschen anderer Weltteile mögen diese nervösen , blutarmen Wesen oftmals etwas unnatürlich erscheinen . Sie leben hauptsächlich von Bewunderung , daneben auch noch von Eiswasser und auserlesenen kleinen Gerichten , an denen sie ein bisschen herumknabbern ; die Beefsteakseite des Lebens ist ihnen ein Greuel ; sie möchten am liebsten alles Physische abschaffen , nennen es roh , höherer Wesen unwürdig , und denken , dass es abgetan und in untere Gesellschaftssphären verbannt sei , weil sie es missachten . Wegen dieser eigenen Temperamentlosigkeit und weil sie an die beständige Überarbeitung und geschäftliche Präokkupation der rasch alternden amerikanischen Männer gewöhnt sind , können sie in ihrem Lieblingszeitvertreib , dem Flirt , auch soweit gehen . Ein verliebter Europäer , der europäische Folgerungen ziehen wollte , käme schlimm an ; er würde zu hören bekommen , dass er kein Gentleman sei und Frauen nicht respektiere . Inmitten dieses verkünstelten Daseins berührt es seltsam , welche Vergötterung mit Kindern getrieben wird . Es ist das ein ganz charakteristischer Zug der hiesigen Gesellschaft . Vielleicht stammt er noch aus der Zeit her , wo es hier so wenig Einwohner für das riesige Land gab , dass man sich über jeden neuen kleinen amerikanischen Bürger ganz unsinnig freute ; vielleicht ist es im Gegenteil ein allermodernstes Gefühl , weil in der neuesten Zeit in der elegantesten , reichsten New Yorker Gesellschaft die Kinderzahl stetig abnimmt und man daher ein jedes wie ein kleines Wunder anstarrt . - Die schönen New Yorkerinnen haben gar so viel zu tun ! Auffallend ist , welches Gewicht dem Urteil amerikanischer Damen auf allen Gebieten zugestanden wird . Literarischer , künstlerischer Ruf wird von ihnen bestimmt ; wer vorwärts kommen will , muss so malen , schreiben oder musizieren , dass er den leitenden Damen der Gesellschaft gefällt . In allen schöngeistigen Dingen sind sie ihren gelderwerbenden Männern sehr überlegen , und niemand weiss das besser , als sie selbst , aber ich glaube kaum , dass sie sich dadurch unglücklich fühlen , es erscheint ihnen der weisen Ordnung der Dinge zu entsprechen ; und die Pose der feingebildeten , nur das Zarteste empfindenden Frau , die von einem aus gröberem Stoff geformten Mann nicht ganz verstanden wird , ist eine kleidsam geheimnisvolle . Bezaubernde , diaphane Geschöpfe sind es , für jede Tagesstunde mit andern berückenden Gewändern versehen , und die grosse Nutzlosigkeit ihres Daseins verbergen sie vor sich selbst mit Erfolg hinter einem felsenfesten Glauben an die Wichtigkeit der tausenderlei Dinge , die sie in steter Eile betreiben . Aber das ist nur ein ganz bestimmter Typus , den wir Fremde vielleicht gerade deshalb am raschesten kennen lernen , weil diese Frauen keine eigentliche Tätigkeit mit unaufschiebbaren Pflichten kennen und mit aller Geschäftigkeit und Hast doch immer nur nach neuen Dingen suchen , um die Zeit zu füllen . Die wahrhaften , berufsmässigen Arbeiter eines Landes lernt ein Reisender immer am schwersten kennen , denn die haben keine Zeit für ihn - und wieviel arbeitende , schaffende Frauen muss es in dieser 70 Millionen-Nation geben ! 23 New York , März 1900 . Raten Sie mal , lieber Freund , wer mich heute hier besuchte ? Der Provikar Hofer ! Aber ein entchinester , auch im äussern ganz römisch-katholisch gewordener Hofer . Zum letztenmal hatte ich ihn vor zwei Jahren in Pei-ta-ho gesehen , wo er seinen Gesandten besuchte . Wie alle katholischen Priester in China trug er damals den Zopf ( ziemlich spärlicher Natur ) und chinesische Kleider , der Hitze halber aus dünner weisser Waschseide , die er mehrmals des Tags wechselte , so dass er stets von immakulierter Weisse war und ich ihm dort einmal sagte , er gliche im äussern den Lilien auf dem Felde , aber das Sorgen überlasse er nicht nur dem lieben Gott , sondern halte es darin wohl mehr mit Martha als mit Maria . Heute nun sah ich ihn in gewöhnlicher schwarzer Priestertracht wieder und erkannte ihn anfänglich gar nicht in dieser Rückbildung . Er war aber sonst ganz der Alte , derb , heiter und voll gesunden Menschenverstandes . Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben , wie ich mich freute , jemand zu sehen , der direkt von Peking kam ! Beinah ebenso froh war ich wie Ta , der dem Provikar einen kotau-artigen Knix machte und ganz strahlend schien , endlich mal wieder