. Eine kleine grüne Klippe , auf der das zagende , kurze Leben sich zusammendrängt , verloren im Nichts , in der Nutzlosigkeit , in der Zwecklosigkeit . Nini ist tot . Ruhe , mein Kind . Du warst so klein und hast schon leiden müssen . Nun wirst du nie mehr leiden . Ruhe ist das Beste . Ruhe , mein Kind . - - Besorgt blickte Plattner seine Tochter an , als sie hereinkam . » Warum bist nicht mit nach Chiamutt ? « sagte er unzufrieden . » Da sieh , Alpenrösli hab ich noch g ' funden , und der Strahler , 2 wo ich besucht hab , ist ' n drolliger Kerle , der kann dir erzählen . « Josefine nickte zerstreut . » Wie ist dir ' s denn , Josy , hm ? « drängte er , ihre Hand ergreifend , » ' s hat di arg anpackt , gelt du ? « » Nein , ganz gut , Vater , « machte Josefine , » aber ich möchte bald wieder fort . Meine Arbeit wartet auf mich . « Plattner nahm die Pfeife aus dem Mund . » Schon ? « sagte er . » Solltest dir e bitzli Ruh gönnen . « » Ich brauche Arbeit , « erwiderte sie bestimmt , » weiter taugt mir nichts . Laß mich nur bald fort . « Kopfschüttelnd blickte der Mann seiner Tochter nach . » Wenn ' s nur auch gut geht , « murmelte er mit beklemmtem Herzen . Es war am Nachmittag vor Josefines Abfahrt , als ein schweres Gewitter heraufzog . Eben noch hatte man geheuet und die starkduftende Heulast in viereckige Tücher gebunden hie und da , um sie auf dem Nacken die steilen Matten hinan zu den Stadeln zu tragen , eben noch hatten die Kinder mit Josefine im jähen Bergwald die ersten Preißelbeeren gepflückt , als der Himmel sich plötzlich verfinsterte , schwarzblaue Wolken mit fahlen Säumen ihn überdeckten , ein gelblicher Dunst wie Schwefelqualm das grüne Tal erfüllte und der Nebel die Berge verschluckte , daß man kaum um sich sah . » Heim ! heim , geschwind , ihr Kinder ! « Verwundert und unwillig gehorchten sie , die Preißelbeersträußchen , grün , weiß und rot , gefielen ihnen so gut . Josefine nahm Rösli an die Hand , Hermann folgte mit Uli . Über den steilen Waldpfad zwischen den laut aufrauschenden Fichten hinab zu der kleinen Rheinbrücke . Das grüne Wasser stäubte in weißem Gischt um die Pfeiler , im Sprung eilten sie über das bebende Brückchen . Die ersten Donner rollten . An der geschwärzten Wassermühle vorbei , immer den engen felsbrockenbestreuten Pfad am Bachtobel empor zu den schützenden Häusern von Camischolas . » Seid ihr da ? « rief ihr Plattner entgegen , » grad komm ich auch an . Am Krutzlipaß sind Touristen auffi - ' s ist aber nit geheuer , werden schon umkehren . Da , es läutet schon Sturm in Sedrun , ' s kommt ordentlich . « Die ersten starken Blitze zuckten , angstvoll klang das Sturmläuten vom Sedruner Kirchlein herüber , angstvoll antwortete ihm Rueras und Selva . Im Wirtshause lief alles durcheinander . Der Wirt versicherte den Stall und den Wagenschuppen , die Wirtin räumte die Blumenstöcke von den Außenbörtern und der kleinen Altane , all die herrlichen hochroten Hängenelken , die grauen Rosmarin und Melissen . Wie eine Traumerscheinung stob die Bergpost vorüber , die fünf Pferde mit fliegenden Mähnen , klatschend auf dem nassen Boden ; heftig bäumte das Vorderpferd sich zurück vor dem blauen Feuer vom Himmel , und die hochaufgerichtete Gestalt des Postillons mit der wehenden Geißel in der erhobenen Faust schien durch die Luft zu fliegen . Die Kinder fürchteten sich nicht . Sie standen am Fenster des Gastzimmers zu ebener Erde und freuten sich über die weißen und rehfarbenen Kühe , die eilig heimtrotteten auf der spiegelnden Landstraße , getrieben von der kleinen Hirtin im roten Kopftuch . Hastig klingelten die großen Glocken an den breiten bunten Bändern durcheinander , wie sie von einer Seite der Straße zur anderen stapften und sich zusammendrängten , Schutz suchend vor dem schräg niederprasselnden Regen . Und zwischen ihnen und hinter ihnen drein sprangen die sonderbaren kleinen rotbraunen hageren Schweine , schlugen mit den langen buschigen Schwänzen und Ohren und grunzten mürrisch . Josefine hatte der Wirtin geholfen , nun stand auch sie am Fenster und blickte hinaus . Sie war in großer Erregung seit ihrem Hiersein . Die lange nicht geatmete Luft des Hochgebirges wirkte auf sie wie ein aufregender Trank . Sie schlief unruhig , von bunten Träumen gequält , und fast keine volle Nachtstunde hintereinander . Ein Gefühl des Schwebens , der vollen Losgelöstheit beherrschte sie . Sie war niemals müde , immer gespannt , gehetzt , erwartungsvoll . Das Gewitter steigerte ihre Unruhe . Mit starren Augen verfolgte sie die stürzenden Regenbäche an den immer von neuem behauchten Scheiben , blickte sie in das mißhandelte Gärtchen hinab . Ganz klein war es und eben noch wohlgepflegt . Ein wenig blaugrüner Lauch , ein wenig Würzkraut für die Küche , ein paar silberweiß gefleckte Disteln mit großen violetten Blüten , ein paar rote Türkenbundlilien und ganz nah der schützenden Wand des Nachbarhauses ein junger Kirschbaum mit eben sich rötenden Früchten . Unten bei Truns und Ilanz wachsen der Bergkirschen die Fülle , hier oben , im Gebiet der Arven und Fichten , ist ein Fruchtbaum eine Seltenheit . Er war der Stolz des Besitzers , dieser junge fruchtbeladene Baum . Mit einer steigenden , ihr selbst unerklärbaren Angst im Herzen hefteten sich Josefines weit geöffnete Augen auf das wild vom Gewittersturm umhergeschleuderte Bäumchen . Alle Blätter waren nach oben gestrichen , die Fruchtstiele durcheinander gewirrt , die Äste schlugen hin und her ; der Pfahl , an dem es angebunden war , bog sich , krachte , das Stämmchen wollte sich losreißen . » Hagel ! Auch noch Hagel