Sache um diese Herbstzeit so sehr zur Lebensausfüllung ihrer Kreise , daß sich ihre Gedanken und Gespräche damit beschäftigen mußten . All den Hausfrauen , denen das Empfangen und Bewirten der Gäste obliegt , ist das Thema beinahe ebenso wichtig , wie für die Jagdherren . » Wieviel ist geschossen worden ? « das ist die erste Frage , welche die gastliche Wirtin an die heimgekehrten , vor dem Diner im Salon versammelten Jäger richtet , worauf dann jeder einzelne noch mit lebhaftestem Interesse um die Zahl seiner Beutestücke befragt wird . » Wieviel haben Sie geschossen ? Und wieviel Sie ? « Den Franzosen und den Engländer frägt man : » Wieviel Stück haben Sie getötet ? « Der letztere fügt der genannten Zahl höflich hinzu : » Oh , it was exzellent sport . « Sport ? Also nur Vergnügen ? Mit nichten . Das Ding wird als eine Art Berufspflicht aufgefaßt , als etwas , das man - dem gegenseitigen Rang und Reichtum angemessen - sich und seinen Standesgenossen schuldig ist . » Der erste Bock « : das ist nicht nur ein Jubelbewußtsein für das junge Gräflein - auch seine Mutter erzählt ihren Freundinnen mit Stolz , daß der Gusti oder der Fredi neulich seinen ersten Bock geschossen . Wenn das in Marthas Gegenwart geschah , so blieb sie stumm . » Das arme Reh ! « war , was sie dabei dachte , und auch ein wenig » Der arme Bub ' « , denn wenn das als freudvolles Ehrgeizziel gelten soll : die Vernichtung eines unschuldigen Lebens ... Alle Gespräche sind plötzlich verstummt . Sylvia tritt über die Schwelle in einer weißen Glorie von Atlas , Tüll und Myrtenblüten . Zwei kleine Knaben - in Pagenkostüm - tragen ihre Schleppe . Zugleich war auch Baronin Tilling erschienen . Diesmal hatte sie doch die gewohnte tiefe Trauer abgelegt und war in lichtes Grau gekleidet . Beide Frauen waren blaß und hatten gerötete Augen . Die anderen fanden das natürlich : der Abschied und die Feierlichkeit der Lebenswende - das ist ja Grund genug zum Tränenvergießen . Sie hatten aber nicht nur aus diesem Grund geweint - Mutter und Tochter . Ein banges Weh hatte sie beide erfaßt , ein Gefühl beinahe wie Furcht und Reue . Jetzt aber stürzten die vier Kranzeljungfern auf die Braut zu und umarmten sie stürmisch ; von allen Seiten Händedrücke , Küsse , Gratulationen , Verbeugungen .... Sylvias Bangen wich dem wiedererwachenden Bewußtsein , daß sie der vielbeneidete , vielbewunderte Mittelpunkt dieser glänzenden , wichtigen Feier war . Und auch von ihrer verliebten Leidenschaft strömte wieder eine beglückende Welle von ihrem Herzen empor , als sie nun ihrem schmucken Bräutigam , der auf sie zueilte , in die freudestrahlenden Augen sah . Noch ein paar Minuten der Begrüßungen und der Gespräche , dann begann , unter Rudolfs Anordnung , der Zug sich zu bilden . Der Weg aus den Salons zur Schloßkirche - wenn man nicht ins Oratorium , sondern in das Schiff gelangen wollte - führte über zwei Treppen und einen langen Korridor . Dieser ganze Weg war teppichbelegt und mit Reisig und Blumen bestreut . Davon stieg ein Duft auf , der an Fronleichnamsprozessionen mahnte . Glocken- und Orgelklänge drangen auch schon aus dem Kirchlein herüber . Am Arm des Brautführers - ein junger Vetter , Graf Althaus , - schritt Sylvia langsam dahin , hinter ihr die schlepptragenden kleinen Pagen ; es war ihr dabei zu Mute , halb als ob sie träume , halb als ginge sie über eine Theaterbühne , und nicht , als wäre das alles wirkliches Erlebnis . Und als sie die Kapelle betrat und die unzähligen brennenden Kerzen sah , die zwischen den Blattpflanzen auf und rings um den Altar flimmerten , da empfand sie etwas von dem Eindruck , den man beim Betreten eines Zimmers hat , in dem ein angezündeter Christbaum strahlt . Bescherungen und Überraschungen sollte es ja da auch geben : ein funkelnagelneuer Frauentitel , ganze Schachteln voll interessanter Pflichten - und auch Süßigkeiten , sonst verbotene ... in Fülle . Diese Christbaumstimmung machte schnell einer anderen Platz , als sie jetzt auf den Betschemel niederkniete - - Toni Delnitzky an ihrer Seite . Die Priester kamen aus der Seitentür und stellten sich an den Altar ; vom knapp vor dem Brautpaar geschwungenen Weihrauchfaß qualmte der intensivste Kirchenduft empor und mahnte Sylvia an Begräbnisfeiern - begraben für ewig war ja auch die Mädchenzeit , war die Freiheit , war die Möglichkeit , das wunderbar volle Glück zweifelloser Liebe zu finden ... der Mann da neben ihr war ihr nicht Hort und Zuflucht ; - erst gestern , während des Polterabends , hatte er Dinge gesagt , die ihr furchtbar mißfallen hatten - momentan hätte sie ihn beinahe hassen können ... zum Glück war nach solchen flüchtigen Regungen die verliebte Regung wieder desto wärmer aufgetaucht , aber das volle Vertrauen , das fehlte ; das selige , schutzessichere Sichschmiegen und Sich-kauern , das konnte sie an dieser Brust - da neben sich - nicht finden . Das Kirchlein war dicht gefüllt . Oben seitlich vom Altar und in den vorderen Bänken die Verwandten und die Gäste in ihren glänzenden Uniformen und Toiletten ; hinten die Beamtenschaft und die Dorfbewohner im Sonntagsstaat - gehobene Feststimmung auf allen Mienen . Auf Marthas Gesicht jedoch lag es wie Schmerz und Trauer . Das war man aber - bei feierlichen Anlässen - an ihr gewohnt . Wenn sie bewegt war , pilgerten ihre Gedanken stets zu ihrem geliebten Toten - das wußte man und ehrte man . Die Traurede begann . Hätte Pater Protus sie gesprochen , so hätte er herzlichere und bewegendere Töne anzuschlagen gewußt . Der fremde , sehr klerikale Prälat hielt eine Predigt , die eher pro domo als für das junge Paar gehalten schien . Das heilige Sakrament der Ehe , so führte er aus , ist von Gott eingesetzt , denn es ist dem Bunde Christi mit seiner