ein Segen . O Gott , nein , sie konnte Gerharts Anschauungen über diesen Punkt ganz und gar nicht teilen . Für Lotte war das Scheiden Heinrichs von seiner Frau keine Notwendigkeit , sie konnte in dem Zusammenleben des Glockengiessers mit Rautendelein nichts poetisch Hinreissendes erblicken . Ganz im Gegenteil , abschreckend , verdammenswert schien ihr das eine wie das andere , und wie ein Stich ging ' s ihr durchs Herz bei dem Gedanken , dass Gerhart Schmittleins freie Liebe am Ende auch nichts anderes sei als das , was sie heute vor sich sah . Sie hasste das schöne Rautendelein mit all seinen Künsten und Wundern für das , was es an den armen Glockengiessersleuten verschuldet hatte . Auch für den schwermütigen Humor des Nickelmann , für den faunischen des Waldschrat zeigte Lotte nicht das geringste Verständnis . Von allen Personen des Stückes liess sie allein den Pfarrer , Frau Magda und die unschuldigen Kindlein gelten . Gerhart war in Verzweiflung . Ausserordentliches hatte er sich von dem Eindruck des Werkes auf ihr empfängliches Gemüt erwartet . Und nun musste er einsehen , dass er in seiner Hast , sie zu dem zu machen , was ihm einzig ersehnenswert dünkte , nur vorschnell und übereilt gehandelt hatte . Der Wunsch war diesmal der Vater eines gänzlich verfehlten Gedankens gewesen . Nicht sie , ihn traf die Schuld . Mehr als ungerecht , knabenhaft kindisch war es von ihm gewesen , von Lotte heute schon ein Verständnis für eine solche Dichtung zu erwarten . Bei der Ungeduld , die ihn marterte , Lotte ganz für sich zu gewinnen , war es doppelt hart , sich das eingestehen zu müssen . Alles , alles erwartete er von ihr . Mit Seele und Leib sollte sie sein werden , seine Muse , sein Geschöpf ! Beinahe vom ersten Augenblick an , da er sie gesehen , hatte er das Gefühl gehabt , dass es ohne dieses Mädchen jemals weder Erfolg noch Glück für ihn geben könne . Je länger sich dieses Zusammenschmelzen verzögerte , je brennender wurde sein Verlangen danach . Wie lange sollte er noch warten ? Von Kind an war er leidenschaftlicher Natur gewesen . Was er begehrte , musste er besitzen . Besass er aber erst einmal , so war es zumeist mit der Lust am Besitz auch schon vorbei gewesen . Oft schon hatte er begehrt , oft schon hatte der Ueberdruss am Erreichten ihn gepackt , aber so sehnsüchtig , so mit allen Fibern hatte er noch nie nach etwas verlangt , wie danach , die friedlich schlummernde Seele , die schlafenden Sinne dieses keuschen , reinen , zärtlichen Geschöpfs zu wecken . Dass er Lottes Herz längst besass , wusste er . Aber nach dieser altmodischen , madonnenhaften Liebe fragte er nicht . Er , der Verkünder der freien Leidenschaft , der moderne Rebell gegen alles Bestehende , wollte das Weib und seine Liebe so , gerade so , wie sein Programm es erforderte . Wie eine mächtig auflodernde Flamme wollte er des Weibes Liebe haben . Glut und Verheerung sollte sie bringen . Mit loderndem Wonnebrand den Geliebten umschliessen zu kurzem überseligem Rausch . Und wie ein Phönix aus der Asche dieses Glutenbrandes wollte er dann selbst zu höchster Meisterschaft erstehen . So und nicht anders wollte er lieben und geliebt sein . Als sie nach dem Schluss der Vorstellung durch die Strassen gingen , brannte das alles wieder in Gerhart auf . Mit ungeduldigem Zorn presste er ihre Hand zwischen seinen Fingern . Er war nahe daran brutal zu werden , aber ihre zärtliche Sanftmut entwaffnete ihn . » Ich weiss , Sie zürnen mir . Haben Sie nur noch ein wenig Geduld ! Vielleicht lerne ich noch alles was Sie wünschen . Bitte , Herr Schmittlein , zürnen Sie mir nicht . Ich kann ' s nicht ertragen , wenn Sie böse auf mich sind . « Und dabei hob sie das feine , zärtliche Gesichtchen mit den warmen , unschuldigen Augen zu ihm auf wie ein Kind , das der Mutter Verzeihung erfleht . Er beugte sich zu ihr nieder und küsste sie auf den Mund , ganz kurz und sanft , um sie nicht noch mehr einzuschüchtern . Dann aber presste er , von Leidenschaft übermannt , ihre beiden Hände zwischen die seinen und stöhnte : » Versprich mir , dass Du mich begreifen willst , oder ich gehe zu Grunde . Durch Dich will ich werden , was ich werden kann . Du darfst mich nicht im Stich lassen , es wäre Sünde , Verbrechen . Schwöre mir , dass Du es nicht willst ! « » O Gott , ja - ja was Sie wollen , ich will es thun ! « » Du schwörst es ? « » Ja . « Und sie an sich pressend rief er : » Ich werde Dich an diesen Schwur erinnern . Bald , bald ! « Während Lotte und Gerhart Schmittlein so in schwermütigem seelischen Ringen den Feiertagsabend verbrachten , war Lena seit den letzten , für beide Schwestern überaus trüben Jahren , zum erstenmal wieder ganz in ihrem Element . Strehsens wohnten in Charlottenburg , nahe dem hinteren Eingang zur Flora . Schon der weite Weg mit der elektrischen Bahn machte Lena , wie alles Neue , das sich ihr bot , unbeschreibliches Vergnügen . Die festtäglich gekleideten Fahrgäste , die eleganten Fuhrwerke , die an ihr vorüberrollten , die langen Züge von Spaziergängern , die zu beiden Seiten der Chaussee sich ergingen , zu beobachten , war ein förmliches Fest für sie . Das Beste an dem langen Weg blieb aber , dass er Zeit gab , sich auszumalen , wie es bei Strehsens zugehen würde . Sie sah sich schon die Steinstufen zu der eleganten Villa , von der Clementine und Elisabeth so häufig sprachen - in Charlottenburg konnte man sich den Luxus erlauben , nicht in einer Mietskaserne zu wohnen - hinaufsteigen , sie sah die