Und jeder Vorübergehende frischte ihren Blick auf . Hierauf sagte sie nichts mehr , sondern stemmte beide Ellenbogen auf den Tisch , legte den Kopf in die Hände und schaute ihm mit ihren übergroßen Rehaugen unverwandt ins Gesicht , um seine Gegenwart gründlich auszukosten . Auch er begann sich an seinem Plätzchen anzuheimeln . Seine Glieder , noch etwas vom Wein beschwert , gerieten in höckrige Stimmung , sein Wille entschlummerte , und das einfältige Geschöpf an seiner Seite , aus dessen treuem Herzen ihn Liebe in warmen Strömen wie Märzensonnenschein überflutete , tat ihm trotz allem auch wohl , sehr wohl sogar , offen gestanden . Mein Gott , sie sahen ihn anders an , zu Hause , der Vater und die Mutter . Und um seine ursprüngliche Härte wettzumachen , reichte er ihr gütig die Hand hin . Gierig ergriff sie dieselbe und liebkoste sie unaufhörlich mit schmeichelnden Wangen , glückselig , ihn berühren zu dürfen , wie ein Hund sich an seinem Herrn zu reiben liebt . Also beharrten sie hinfort voreinander , schweigsam und zufrieden , vergessend und genesend . Sie in seinem Anblick schwelgend , er vor dem Bilde Cathris feiernd , das unbehindert von Jucundens Gegenwart ruhig und deutlich in seinem Gedächtnis leuchtete . Die Natur tat das Ihrige , um Unruhe zu stillen und Unrast zu bannen . Die Kunst des Lenzes , zu prangen , ohne zu blenden , entfaltete sich nach der langen Regenzeit mit besonderer Kraft . Allüberall strotzte verhaltene Fülle , aus welcher Glut und Schatten gleicherweise Düfte lockten , nur andere . Man roch es wachsen . Eine hochschwebende , schneeweiße Schönwetterwolke schwamm herbei , um gleich einer Insel die Sonne wegzutragen , die Scheibe verhüllend , bloß an den Rändern einen blitzenden Strahlenkranz erlaubend . Darunter saßen sie nun wie unter einem Baldachin oder einem mit farbigen Gazen gedämpften Kronleuchter , kurz , unter etwas Großem , Hohem und Holdem , das sie vereinte und segnete . Sie urteilte offenbar nicht so strenge über die Jucunde wie die Menschen , die Sonne . Ein paar Dutzend große silberne Tropfen sprühten aus der Wolke herab in weiten Zwischenständen wie durch ein Sieb . Obgleich sie augenblicklich verdunsteten , so daß sie kaum die Erde erreichten , wurden sie doch von sämtlichen Amseln des Tales mit einer verzückten Symphonie empfangen . Mit Wohlgefallen schaute sich Jucunde um : » Jetzt kann man bald mähen . « » Herr Reber , Ihr verliert ja Euere Sporen ! « belehrte der Knecht , der in Gemeinschaft mit der Neuberin aufräumte . Das erwies sich als richtig . Der rechte Sporn war weg , vermutlich von den Bauern abgetreten ; der linke , schiefgedrückt und über die Hälfte eingerissen , hing schlaff über den Absatz . Conrad bückte sich , um ihn vollends abzuknappen . Doch Jucunde kam ihm zuvor , indem sie wie ein Wiesel glittlings unter den Tisch schlüpfte . Oder vielmehr wie ein Murmeltier , denn für ein Wiesel war sie zu fett . » Halt , das ist meine Sache « , wehrte sie unter dem Tisch hervor , » dazu bin ich auf der Welt , Euch zu bedienen . « Mit einem einzigen Ruck hatte sie den Sporn los , aber in ihrem Handballen klaffte eine häßliche Rißwunde , aus welcher Blut quoll . Erschrocken fuhr er auf und griff nach ihrem Arm . Sie aber entwand sich ihm lachend : » Oh , das ist gar nichts , das heilt in zwei Tagen « , scherzte sie , » wenn man nur gesundes Blut hat ! « Und da er immer noch bedenklich auf die Wunde starrte , deutete sie auf seinen Stuhl , daß er sich niedersetze . Er gehorchte , wenn auch zögernd . Hernach war alles wieder beim alten , außer daß sie von Zeit zu Zeit mit innigem Entzücken die verletzte Hand betrachtete , als wollte sie rufen : » Das hab ' ich von Euch , als Geschenk , zum Andenken , wenn Ihr nicht mehr da seid « , und daß er mitunter einen bedauernden Blick zu ihr hinübersandte , wobei sie jedesmal von erneutem Glück aufleuchtete , heiter und lustig . Benedikt , der Kutscher von daheim aus dem » Pfauen « , guckte über den Hag , sich räuspernd . » Was gibts schon wieder ? « fragte Conrad unwillig . Benedikt hüstelte : » Ich soll Euch ersuchen « , munkelte er , » ob Ihr nicht vielleicht so gut wäret , die Lissi dem Herrn Regierungsrat abzulassen , ausnahmsweise für heute , aus Gefälligkeit . Er hätte schon dreimal am Telephon danach gefragt . Man habe es ihm halt doch eigentlich sozusagen versprochen , wenn auch vielleicht mit Unrecht . « » Wenn man in anständigem Ton mit mir redet , wenn man mich anfrägt , wenn man mich manierlich darum ersucht , so ist das anderlei « , erklärte Conrad . » Wer hat Euch geschickt ? « » Euere Schwester , die Jungfer Reber . « » So nimm das Rößlein , es steht im Stall . Aber er soll gemach fahren , der Regierungsrat , damit er die Lissi nicht in Schweiß jagt . « » Ich fahre selber . « » Dann ists gut . « Doch Benedikt rührte sich nicht . » Und noch eins läßt Euch Eure Schwester sagen « , meldete er , mit dem Lachen kämpfend . » Ob es nämlich durchaus nötig wäre , daß Ihr mit der Jucunde auf dem Sperrsitz säßet , damit Euch ja die ganze Welt bewundere , oder ob Ihr Euch nicht lieber in eine Galerie zurückziehen möchtet . « » Durchaus nötig ists nicht « , erwiderte er trocken , » aber angenehm . Übrigens hat der Platz den Vorteil , daß er jeden Vorwand nimmt , auszustreuen , wir täten etwas Heimliches im Verborgenen . Sagt das meiner Schwester und einen freundlichen Gruß dazu . - Wie stehts im