sagte er nachlässig : » Nicht so ganz . Ich lebe hier , verkehre in allen möglichen Kreisen , ohne die Einen zu hoch , die Andern zu gemein zu finden . Ich kann nicht behaupten , daß die Fürstin Rammelsburg , bei der ich gestern meinen Thee trank , mir mehr imponierte , als - wen kennen wir gemeinschaftlich ? als etwa Frau Wewerka . Jede besitzt die Fehler und Vorzüge eben ihrer Klasse , die eine führt ein Battisttaschentuch an ihr Näschen , die andere ein baumwollenes . Der Effekt ist der gleiche . Aber - was ich sagen will , ich gehöre weder zu den Spitzbuben , noch zu den Biedermännern . Man braucht Wewerkas , um sich ihrer hier und da in heiklen Angelegenheiten zu bedienen . Man ist in einer vorgerückten Nachtstunde , nachdem man verschiedene Flaschen Sekt hinabgespült hat , nicht abgeneigt , mit Babinskys und Konsorten Bruderschaft zu trinken . Was schadet es ? Narren sind wir ja alle , nur giebt sich jeder anders . Ich meinerseits ziehe ja auch die vor , die ihr Narrentum in anständige Form kleiden . Aber - « über sein scharfgeschnittenes Gesicht flog ein gutmütiges Lächeln , » wer wird sich die Komik des Lebens zu Herzen nehmen ! « » Ich kann nicht so kalt sein « versetzte Johanne leise , » mich schmerzt all das , was ich sehe . Und dann der Gedanke , daß ich werden könnte wie sie . « » Warum nicht ? Es giebt Menschen , die ein Unrecht auf sich laden müssen , um nachher durch ihre Reue zu sittlicher Höhe zu gelangen . Vielleicht gehören Sie zu diesen . Ueben Sie immerhin ein bischen Niedertracht ; vielleicht finden Sie dadurch den Weg zu sich « . » Nein , nein « rief sie lebhaft , » lieber will ich nicht übermäßig gut werden , als auf unsauberen Nebenwegen zur Vollkommenheit gelangen « . Er zuckte die Schultern . » Was ist auch im Grunde unsauber ? dem einen dies , dem andern das . Was Ihnen schrecklich erscheint , empfindet zum Beispiel Ihr Freund Schüler als Verdienst « . » Mein Freund Schüler « rief sie mit Nachdruck und blieb stehen . » O Herr Lohringer , wie können Sie mir so unrecht thun ? Ist er nicht der Ihre mehr als der meine ? « Lohringer sah einem auffallend gekleideten hübschen Mädchen nach ; dann sagte er gleichmütig : » Ich habe das Schicksal , ein entfernter Vetter des Herrn von Buch zu sein , des Herausgebers der Zeitung , an der Schüler angestellt ist . Wenn er irgend ein Anliegen hat , das er sich nicht getraut dem Chef vorzutragen , wendet er sich an mich . Ich habe ihn einmal auf einem litterarischen Kongreß kennen gelernt . Das ist die Freundschaft , deren Sie mich bezichten , mein Fräulein « . » Bat er Sie heute zu sich ? « Ihre Augen hingen forschend an seinem Gesichte . Er sah sie an , zögerte , während ein fast unmerkliches Lächeln seine Lippen umspielte , und sagte dann : » nein « . Sie athmete auf . » Aber Sie sagten es doch « . » Das that ich nur , um die kleine Frau zu ärgern und ihr recht ungalant zu erscheinen « . » Wirklich ? Ich danke Ihnen « . Sie reichte ihm die Hand . Sie waren vor ihrem Hause angekommen . Er las mit seinem Scharfblick in ihrer Seele . » Gute Nacht , Fräulein Johanne , und lachen Sie , bitte ; Sie doch gewiß « . » Wenn ich kann « entgegnete sie , und ging hinauf . 8 Er schlenderte noch eine zeitlang umher ; dann begab er sich nach Hause . Er wohnte in einem Riesenmietspalast im fashionabelsten Viertel der Stadt , in einem jener Häuser , wo man einander jahrelang auf der Treppe , im Flur begegnen kann , ohne zu wissen , wer der Andere ist , wie er heißt . Lohringers Wohnung , behaupteten boshaft einige seiner Freunde , gliche dem , der in ihr hauste . Sie habe schöne Einzelheiten , sei aber im Ganzen kahl . Sie hatten nicht unrecht . Aber das war erst nach seiner großen Wandlung so gekommen . Als Sohn begüterter Eltern , die längst tot waren , hatte er sich nach seiner Majorennerklärung sofort in den Strom des Lebens gestürzt . Vom Gymnasium mit guten Zeugnissen entlassen , immatrikulierte er sich auf der Universität , um verschiedene Fächer zu studieren . Er liebte Philosophie , hörte aber auch medizinische Collegia , trieb Nationalökonomie und interessierte sich lebhaft für Sternkunde . Man sah ihn am Seziertisch als eifrigsten Hörer Professor Körners , des berühmten Anatomen , und vermutete , er würde den andern Wissenschaften untreu und ganz Mediziner . Doch bald schlug er sein Quartier im eisernen Turm des Observatoriums auf und versenkte sich mit fieberhaftem Eifer in die Geheimnisse des Firmamentes . Eines Tages war er ganz von der Universität verschwunden . Er war an die Malerakademie nach Wien gegangen und schrieb seinen Freunden , sie sollten ihn in Ruhe lassen . Hier zeichnete und malte er ein Jahr . Man rühmte ihm gute Befähigung nach , wie ehedem seine Lehrer sein brillantes Auffassungstalent bewundert hatten . Er begann nebenher zu modellieren , und war eben im Begriff sich ein Atelier zu mieten , als ein Bekannter von ihm , der Musiker war und gute Erfolge als Komponist hatte , ihm einredete , er wäre nicht zum Maler , sondern vielmehr zum Musiker befähigt . Hierauf komponierte Lohringer mit Hülfe des Freundes einige Lieder , die von schönen , gefeierten Sängerinnen in den Musiksälen der Residenz gesungen wurden . Aber eines Tages war ihm auch dieser Sport langweilig geworden . Er besaß die Gabe , seine Empfindungen sehr gut schildern zu können , und ließ auf japanischem Büttenpapier , in nur zweihundert Exemplaren , seine fin