Jochel Schipper , Graf Egges Büchsenspanner . Er trug die Tracht der Berge ; was er am Leib hatte , war so grau verwittert , daß die regungslose Gestalt einem Felsblock ähnlich sah . Auch das Haar wie Asche ; man konnte nicht unterscheiden : war es noch blond oder schon ergraut ? Der Nacken von der Sonne so braun gebrannt wie die hageren Knie , über deren Kehlen sich fingerdicke Sehnen spannten . Als hinter ihm die Zweige rauschten , wandte er langsam das Gesicht . Man sah diesen Zügen die vierzig Jahre an . Die Stirne weiß , soweit der Hutrand sie beschattete , Nase und Wangen gebräunt . Die eine Seite des Gesichtes war dicht mit farblosem Bart bewachsen , die andere nur dünn behaart und mit veralteten Narben befleckt - vor Jahren einmal , im Rausch , war Schipper mit dem Gesicht gegen die glühende Ofenplatte gefallen . Seine Züge schienen wie versteinert ; nur die Augen lebten , diese kleinen , grauen Augen , und sie hatten den scharfen Blick des Habichts . » Wo steht der Bock ? « fragte Franzl mit gedämpfter Stimme . Flüsternd , kaum merklich die Lippen bewegend , erwiderte Schipper : » Sorg dich um den Bock net ! Der kommt mir net aus ' m Aug . Schau lieber , daß zur Hütten findst . Der Graf wartet schon lang . Ich hab ihm gsagt : du kannst net früher da sein . Aber weißt ja , wie er is ! « Langsam wandte er das Gesicht zum Tubus , kniff das linke Auge zu und spähte mit dem rechten durch das Fernrohr . Franzl schob schwer atmend den Hut in die Stirn und drückte sich durch die Büsche . Nun sah ihm Schipper nach ; ein dünnes Lächeln glitt um den schiefbärtigen Mund , und in den grauen Augen funkelte die Schadenfreude des Hasses . 6 Graf Egges Lieblingshütte zeichnete sich , von ihrer günstigen Lage abgesehen , nicht durch besondere Eigenschaften aus , am allerwenigsten durch Bequemlichkeit : ein kleines , rohgezimmertes Blockhaus mit winzigen Fenstern und so niederer Tür , daß Graf Egge , wenn er rasch aus der Hütte laufen und nach Gemswild ausspähen wollte , häufig mit dem Querbalken in unangenehme Berührung geriet . Die Folge war eine Beule auf der Stirn - oder wie die Leute in den Bergen sagen : ein » Dippel « . Statt den Zimmermann zu rufen und das Übel an der Tür bessern zu lassen , begnügte sich Graf Egge damit , der Hütte den Ehrentitel » Palais Dippel « zu verleihen . Die Tür führte in die kleine Jägerstube , die zugleich als Küche diente , und aus der eine steile Leiter den Aufstieg zum Heuboden , zum Schlafraum der Jäger , ermöglichte . Neben der Küchenstube lag das » Grafenzimmer « , ein bescheidener Raum , dessen Decke und Balkenmauern mit Brettern verschalt waren ; um die Ecke zwischen den zwei kleinen Fensterchen zog sich eine Holzbank ; davor ein Tisch mit zwei dreibeinigen Sesseln und in der Ecke ein Kruzifix mit verblühten Almrosen . In der gegenüberliegenden Ecke stand der eiserne Ofen und daneben das Bett mit grauer Lodendecke und zerlegener Matratze , unter der die Heufäden hervorhingen ; an der Wand ein plumper Schrank , ein Jagdkalender und ein Rechen mit Gewehren , mit Feldstecher , Fernrohr , Wettermantel und allerlei Riemenzeug . Der einzige Überfluß , der sich in diesem Raum gewahren ließ , bestand in einem Dutzend Paar Bergschuhen der verschiedensten Art , die frisch gefettet rings um den eisernen Ofen standen . Ein braun und schwarz getigerter Schweißhund lag auf dem Bett und ließ sich in seiner Nachmittagsruhe nicht stören , obwohl die zornige Stimme seines Herrn die kleinen Fensterscheiben des Stübchens zittern machte . Noch ehe Franzl zu dem die Hütte umschließenden Stangenzaun gekommen war , hatte er diese scheltende Stimme schon vernommen . Neben der Tür sah er eine Büchse und einen Bergstock an die Balkenmauer gelehnt . Da war wohl ein Jäger aus einem anderen Jagdbezirk mit einem Anliegen zu seinem Herrn gekommen und hatte ihn zu übler Stunde angetroffen . Franzl konnte die Worte verstehen , die in der Stube hallten . Er zog die Brauen auf und kraute sich hinter dem Ohr : » Sakra ! Heut raucht er keinen Guten , weil er stadtisch redt ! « Franzl wußte aus Erfahrung : Wenn Graf Egge in der Jagdhütte hochdeutsch redete , stand der Barometer seiner Laune auf Sturm . Franzl zögerte . Sollte er eintreten oder das Ende des Gewitters abwarten , das sich in der Stube entlud ? Er entschloß sich für das letztere und setzte sich auf die neben der Tür angebrachte Holzbank . In der Stube klang die wuchtige Stimme des Grafen : » Das muß ein Ende nehmen . Oder ich verliere die Geduld . Dein Bezirk hat eine Lage , wie man sie schöner im ganzen Gebirg nicht findet . Da sollten die Rudel nur so umeinanderstehen . Und wie sieht es in Wirklichkeit aus ? Daß einem grausen könnte ! Mir scheint , du hast die Schußliste vom letzten Jahr schon völlig vergessen ? Armselige drei Hirsche und sieben Gamsböcke , einer schlechter wie der andere ! Glaubst denn du , das ist mir die sieben Zentner Salz und das ganze Winterfutter wert ? Von deinem Gehalt schon gar nicht zu reden ! Der ist ohnehin zum Fenster hinausgeworfen ! « » Aber ich bitt , Herr Graf , « stammelte eine scheue Stimme , » ich lauf mir bei Tag und Nacht schier d ' Füß ab ! Mein Bezirk liegt halt an der Grenz . Und drüben die Bauernjagd ! Die Gams und ' s Wildbret kann ich net anbinden , und was halt nüberwechselt , wird drüben niedergschossen . Wie soll ich denn da an Wildstand in d ' Höh bringen ? Da weiß ich mir wahrhaftig kein Rat nimmer . « » Natürlich !