durchgesessen waren , und an die Lehne des einen war ein kleines , nur einen halben Finger langes Bildchen geklebt , das einen Chinesen darstellte , blauer Rock mit gelben Pluderhosen und einen flachen Hut auf dem Kopf . Effi sah es und sagte : » Was soll der Chinese ? « Innstetten selber schien von dem Bildchen überrascht und versicherte , daß er es nicht wisse . » Das hat Christel angeklebt oder Johanna . Spielerei . Du kannst sehen , es ist aus einer Fibel herausgeschnitten . « Effi fand es auch und war nur verwundert , daß Innstetten alles so ernsthaft nahm , als ob es doch etwas sei . Dann hatte sie noch einmal einen Blick in den Saal getan und sich dabei dahin geäußert , wie es doch eigentlich schade sei , daß das alles leer stehe . » Wir haben unten ja nur drei Zimmer , und wenn uns wer besucht , so wissen wir nicht aus noch ein . Meinst du nicht , daß man aus dem Saal zwei hübsche Fremdenzimmer machen könnte . Das wäre so was für die Mama ; nach hinten heraus könnte sie schlafen und hätte den Blick auf den Fluß und die beiden Molen , und vorn hätte sie die Stadt und die holländische Windmühle . In Hohen-Cremmen haben wir noch immer bloß eine Bockmühle . Nun sage , was meinst du dazu ? Nächsten Mai wird doch die Mama wohl kommen . « Innstetten war mit allem einverstanden gewesen und hatte nur zum Schlusse gesagt : » Alles ganz gut . Aber es ist doch am Ende besser , wir logieren die Mama drüben ein , auf dem Landratsamt ; die ganze erste Etage steht da auch leer , geradeso wie hier , und sie ist da noch mehr für sich . « Das war so das Resultat des ersten Umgangs im Hause gewesen ; dann hatte Effi drüben ihre Toilette gemacht , nicht ganz so schnell , wie Innstetten angenommen , und nun saß sie in ihres Gatten Zimmer und beschäftigte sich in ihren Gedanken abwechselnd mit dem kleinen Chinesen oben und mit Gieshübler , der noch immer nicht kam . Vor einer Viertelstunde war freilich ein kleiner , schiefschultriger und fast schon so gut wie verwachsener Herr in einem kurzen eleganten Pelzrock und einem hohen , sehr glatt gebürsteten Zylinder an der andern Seite der Straße vorbeigegangen und hatte nach ihrem Fenster hinübergesehen . Aber das konnte Gieshübler wohl nicht gewesen sein ! Nein , dieser schiefschultrige Herr , der zugleich etwas so Distinguiertes hatte , das mußte der Herr Gerichtspräsident gewesen sein , und sie entsann sich auch wirklich , in einer Gesellschaft bei Tante Therese , mal einen solchen gesehen zu haben , bis ihr mit einem Male einfiel , daß Kessin bloß einen Amtsrichter habe . Während sie diesen Betrachtungen noch nachhing , wurde der Gegenstand derselben , der augenscheinlich erst eine Morgen- oder vielleicht auch eine Ermutigungspromenade um die Plantage herum gemacht hatte , wieder sichtbar , und eine Minute später erschien Friedrich , um Apotheker Gieshübler anzumelden . » Ich lasse sehr bitten . « Der armen jungen Frau schlug das Herz , weil es das erste Mal war , daß sie sich als Hausfrau und noch dazu als erste Frau der Stadt zu zeigen hatte . Friedrich half Gieshübler den Pelzrock ablegen und öffnete dann wieder die Tür . Effi reichte dem verlegen Eintretenden die Hand , die dieser mit einem gewissen Ungestüm küßte . Die junge Frau schien sofort einen großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben . » Mein Mann hat mir bereits gesagt ... Aber ich empfange Sie hier in meines Mannes Zimmer ... er ist drüben auf dem Amt und kann jeden Augenblick zurück sein ... Darf ich Sie bitten , bei mir eintreten zu wollen ? « Gieshübler folgte der voranschreitenden Effi ins Nebenzimmer , wo diese auf einen der Fauteuils wies , während sie sich selbst ins Sofa setzte . » Daß ich Ihnen sagen könnte , welche Freude Sie mir gestern durch die schönen Blumen und Ihre Karte gemacht haben . Ich hörte sofort auf , mich hier als eine Fremde zu fühlen , und als ich dies Innstetten aussprach , sagte er mir , wir würden überhaupt gute Freunde sein . « » Sagte er so ? Der gute Herr Landrat . Ja , der Herr Landrat und Sie , meine gnädigste Frau , da sind , das bitte ich sagen zu dürfen , zwei liebe Menschen zueinandergekommen . Denn wie Ihr Herr Gemahl ist , das weiß ich , und wie Sie sind , meine gnädigste Frau , das sehe ich . « » Wenn Sie nur nicht mit zu freundlichen Augen sehen . Ich bin so sehr jung . Und Jugend ... « » Ach , meine gnädigste Frau , sagen Sie nichts gegen die Jugend . Die Jugend , auch in ihren Fehlern ist sie noch schön und liebenswürdig , und das Alter , auch in seinen Tugenden taugt es nicht viel . Persönlich kann ich in dieser Frage freilich nicht mitsprechen , vom Alter wohl , aber von der Jugend nicht , denn ich bin eigentlich nie jung gewesen . Personen meines Schlages sind nie jung . Ich darf wohl sagen , das ist das Traurigste von der Sache . Man hat keinen rechten Mut , man hat kein Vertrauen zu sich selbst , man wagt kaum , eine Dame zum Tanz aufzufordern , weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will , und so gehen die Jahre hin , und man wird alt , und das Leben war arm und leer . « Effi gab ihm die Hand . » Ach , Sie dürfen so was nicht sagen . Wir Frauen sind gar nicht so schlecht . « » Oh , nein , gewiß nicht ... « » Und wenn ich mir so zurückrufe « , fuhr Effi fort , » was ich alles erlebt habe ...