an uns selbst . Bona fide müssen wir vorgehen . Aber mit unserer ewigen Kritik , eventuell auch Selbstkritik , geraten wir in eine mala fides hinein und mißtrauen uns selbst und dem , was wir zu sagen haben . Und ohne Glauben an uns und unsere Sache keine rechte Lust und Freudigkeit und auch kein Segen , am wenigsten Autorität . Und das ist es , was ich beklage . Denn wie kein Heerwesen ohne Disziplin , so kein Schulwesen ohne Autorität . Es ist damit wie mit dem Glauben . Es ist nicht nötig , daß das Richtige geglaubt wird , aber daß überhaupt geglaubt wird , darauf kommt es an . In jedem Glauben stecken geheimnisvolle Kräfte und ebenso in der Autorität . « Schmidt lächelte . » Distelkamp , ich kann da nicht mit . Ich kann ' s in der Theorie gelten lassen , aber in der Praxis ist es bedeutungslos geworden . Gewiß kommt es auf das Ansehen vor den Schülern an . Wir gehen nur darin auseinander , aus welcher Wurzel das Ansehen kommen soll . Du willst alles auf den Charakter zurückführen und denkst , wenn du es auch nicht aussprichst : Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut , vertrauen Euch auch die anderen Seelen . Aber , teurer Freund , das ist just das , was ich bestreite . Mit dem bloßen Glauben an sich oder gar , wenn du den Ausdruck gestattest , mit der geschwollenen Wichtigtuerei , mit der Pomposität ist es heutzutage nicht mehr getan . An die Stelle dieser veralteten Macht ist die reelle Macht des wirklichen Wissens und Könnens getreten , und du brauchst nur Umschau zu halten , so wirst du jeden Tag sehen , daß Professor Hammerstein , der bei Spichern mit gestürmt und eine gewisse Premierlieutenantshaltung von daher beibehalten hat , daß Hammerstein , sag ich , seine Klasse nicht regiert , während unser Agathon Knurzel , der aussieht wie Mister Punch und einen Doppelpuckel , aber freilich auch einen Doppelgrips hat , die Klasse mit seinem kleinen Raubvogelgesicht in der Furcht des Herrn hält . Und nun besonders unsere Berliner Jungens , die gleich weghaben , wie schwer einer wiegt . Wenn einer von den Alten aus dem Grabe käme , mit Stolz und Hoheit angetan , und eine hortikulturelle Beschreibung des Paradieses forderte , wie würde der fahren mit all seiner Würde ? Drei Tage später wär er im Kladderadatsch , und die Jungens selber hätten das Gedicht gemacht . « » Und doch bleibt es dabei , Schmidt , mit den Traditionen der alten Schule steht und fällt die höhere Wissenschaft . « » Ich glaub es nicht . Aber wenn es wäre , wenn die höhere Weltanschauung , das heißt das , was wir so nennen , wenn das alles fallen müßte , nun , so laß es fallen . Schon Attinghausen , der doch selber alt war , sagte : Das Alte stürzt , es ändert sich die Zeit . Und wir stehen sehr stark vor solchem Umwandlungsprozeß , oder , richtiger , wir sind schon drin . Muß ich dich daran erinnern , es gab eine Zeit , wo das Kirchliche Sache der Kirchenleute war . Ist es noch so ? Nein . Hat die Welt verloren ? Nein . Es ist vorbei mit den alten Formen , und auch unsere Wissenschaftlichkeit wird davon keine Ausnahme machen . Sieh hier ... « , und er schleppte von einem kleinen Nebentisch ein großes Prachtwerk herbei , » ... sieh hier das . Heute mir zugeschickt , und ich werd es behalten , so teuer es ist . Heinrich Schliemanns Ausgrabungen zu Mykenä . Ja , Distelkamp , wie stehst du dazu ? « » Zweifelhaft genug . « » Kann ich mir denken . Weil du von den alten Anschauungen nicht los willst . Du kannst dir nicht vorstellen , daß jemand , der Tüten geklebt und Rosinen verkauft hat , den alten Priamus ausbuddelt , und kommt er nun gar ins Agamemnonsche hinein und sucht nach dem Schädelriß , aegisthschen Angedenkens , so gerätst du in helle Empörung . Aber ich kann mir nicht helfen , du hast unrecht . Freilich , man muß was leisten , hic Rhodus , hic salta ; aber wer springen kann , der springt , gleichviel ob er ' s aus der Georgia Augusta oder aus der Klippschule hat . Im übrigen will ich abbrechen ; am wenigsten hab ich Lust , dich mit Schliemann zu ärgern , der von Anfang an deine Renonce war . Die Bücher liegen hier bloß wegen Friedeberg , den ich der beigegebenen Zeichnungen halber fragen will . Ich begreife nicht , daß er nicht kommt oder , richtiger , nicht schon da ist . Denn daß er kommt , ist unzweifelhaft , er hätte sonst abgeschrieben , artiger Mann , der er ist . « » Ja , das ist er « , sagte Etienne , » das hat er noch aus dem Semitismus mit rübergenommen . « » Sehr wahr « , fuhr Schmidt fort , » aber wo er ' s herhat , ist am Ende gleichgültig . Ich bedauere mitunter , Urgermane , der ich bin , daß wir nicht auch irgendwelche Bezugsquelle für ein bißchen Schliff und Politesse haben ; es braucht ja nicht gerade dieselbe zu sein . Diese schreckliche Verwandtschaft zwischen Teutoburger Wald und Grobheit ist doch mitunter störend . Friedeberg ist ein Mann , der , wie Max Piccolomini - sonst nicht gerade sein Vorbild , auch nicht mal in der Liebe - , der Sitten Freundlichkeit allerzeit kultiviert hat , und es bleibt eigentlich nur zu beklagen , daß seine Schüler nicht immer das richtige Verständnis dafür haben . Mit anderen Worten , sie spielen ihm auf der Nase ... « » Das uralte Schicksal der Schreib- und Zeichenlehrer ... « » Freilich . Und am Ende muß es auch so gehen und geht auch .