Augenblicke so Gutes und Interessantes kaum erhoffen ließ , so sagte sie doch über den Tisch hin : » Und ein solcher Präzeptor befindet sich in dem Schmerlendorfe ? « » Ja , meine gnädigste Frau . Nur ist zu bedauern , daß der ehemalige Präzeptor nicht mehr Präzeptor ist , vielmehr sein Amt niedergelegt hat . Noch dazu gegen den Wunsch seiner kirchlichen Behörde . « » So waren es seine hohen Jahre , was den Ausschlag gab ? « » Auch das nicht , meine gnädigste Frau . Das , was den Ausschlag gab , war sein Gewissen . « » Aber aus einem Manne , wie Sie den Alten geschildert , kann doch kein böses Gewissen gesprochen haben ? « » In gewissem Sinne doch . « » O da bin ich neugierig . Ist es eine Sache , die sich erzählen läßt ? « » Unbedingt . Und ich erzähle sie doppelt gern , weil sie meinen Altenbraker Freund in einem schönen Lichte zeigt . Ich sprach von seinem bösen Gewissen , und mit Recht . Denn das , was wir ein böses Gewissen nennen , ist ja immer ein gutes Gewissen . Es ist das Gute , was sich in uns erhebt und uns bei uns selber verklagt . « Cécile sah ihn groß an . Aber sie gewahrte bald , daß es absichtslos gesprochen war , und so nickte sie nur freundlich und sagte : » Nun denn . « » Nun denn , in meinem alten Präzeptor regte sich also plötzlich sein gutes Böses-Gewissen . Und das machte sich so . Predigten- und Evangeliumlesen war ihm vorgeschrieben . Als er aber an die Siebzig kam und die Buchstaben in seinem Predigtbuche , trotz angeschaffter starker Brille , vor seinem Auge zu tanzen und zu verschwimmen anfingen , ließ er sich in dem , was er später seinen Dünkel nannte , hinreißen , alle Bücher zu Hause zu lassen und von der Kanzel herab aus dem Stegreife zu sprechen . Mit andern Worten , er predigte , tat den Präzeptor ab und zog den Pastor an . Das ging so mehrere Jahre . Mit einem Mal aber kam ihm die Vorstellung seines Unrechts , und daß er in Eitelkeit und Vermessenheit tue , was nicht seines Amtes sei . Alles erschien ihm plötzlich , und nicht ganz mit Unrecht , als Übergriff und Ungesetzlichkeit , und nachdem er das Gefühl davon eine Zeitlang mit sich herumgetragen , entschied er sich endlich kurz und energisch und ging nach Braunschweig , um sich selber vor einem Hohen Konsistorium zur Anzeige zu bringen . « » Und was geschah nun ? « unterbrach hier St. Arnaud . » Ich fürchte , das Hohe Konsistorium , man kennt dergleichen , wird gerade so klein gewesen sein , wie der Alte groß war . « » Nein , mein Herr Oberst , es kam doch erfreulicher , und wenn eine Geschichte zwei Helden haben darf , so hat sie die meinige , denn neben meinen Präzeptor stellt sich ebenbürtig mein Konsistorialrat . Der wußte lange schon von dem Übergriff . Aber er wußte zugleich auch , daß die Altenbraker nie so kirchgängerische Leute gewesen waren als von dem Tag an , wo der Präzeptor zum ersten Male den Übergriff gewagt und mit dem unerlaubten Predigen begonnen hatte . Und so stand er denn von seinem Lehnstuhl auf und sagte : Mein lieber Rodenstein ( das ist nämlich der Name meines Präzeptors ) , mein lieber Rodenstein , Ihre Klage wird gar nicht angenommen . Gehen Sie ruhig wieder nach Altenbrak und machen Sie ' s gradso , wie Sie ' s bisher gemacht haben . Und damit Gott befohlen . Und wirklich , der Präzeptor ging auch . Aber wiewohl er sich für soviel Nachsicht und Güte respektvollst bedankt hatte , blieb er im stillen doch fest bei seiner Meinung und gab , als er wieder daheim war , seinen Abschied schriftlich ein , der ihm denn auch schließlich in Gnaden erteilt wurde . Seitdem sitzt er , wenn nicht Gäste kommen , einsam auf seiner Burg Rodenstein . « » Auf seiner Burg Rodenstein ? « » Ja , man darf es so nennen . Jedenfalls nennt er es selber so . Seine Burg Rodenstein aber ist nichts weiter als ein wundervoll auf einem Felsen gelegenes Gasthaus , darin er als Rodensteiner haust und wie sein berühmter Namensvetter unter allen Umständen einen guten Trunk und , wenn gewünscht , auch die besten Schmerlen auf den Tisch bringt . Und das ist das Schmerlenland , von dem ich Ihnen sprach : Altenbrak und sein Präzeptor , Burg Rodenstein und der Rodensteiner . « » Und da müssen wir hin « , sagte Gordon , und Cécile klatschte zustimmend in die Hände . » Da müssen wir hin , um die Streitfrage zwischen Forellen und Schmerlen ein für allemal entscheiden zu können . « » Und der Herr Emeritus übernimmt die Führung . Er hat bereits zugestimmt . Und auch Herr Eginhard ... Oh , Pardon ... « » Aus dem Grunde . « » Und auch Herr Eginhard Aus dem Grunde « , wiederholte Gordon , während er sich gegen den Privatgelehrten verneigte , » wird uns begleiten . Nicht wahr ? « Zwölftes Kapitel Die Partie nach Altenbrak war für den andern Morgen verabredet , aber bis dahin war noch eine lange Zeit , und als man aus dem Saal in den Korridor trat , wurde mehrfach die Frage laut , was bei der schwebenden Hitze mit dem » angebrochenen « Nachmittage zu machen sei . Der Privatgelehrte schlug eine Promenade durch das Bodetal vor , drang aber nicht durch . » Nur nicht Bodetal « , sagte Gordon . » Oder gar dieser ewige Waldkater ! Das reine Landhaus an der Heerstraße mit einer Mischluft von Küchenabguß und Pferdeställen . Überall Menschen und Butterpapiere , Krüppel und Ziehharmonika . Nein , nein , ich proponiere Lindenberg .