regiere bloß in der Absicht , sein Land immer größer zu machen . « » Ja , solche Bilder gibt es , gnädigste Gräfin , aber doch nicht in unseren Kirchen . In unseren Kirchen haben wir außer dem Christusbilde , von dem ich schon sprach , nur Kriegsdenkmünzen und große schwarze Holztafeln , auf denen mit weißer Schrift die Namen derer stehen , die für König und Vaterland gestorben sind . Und wenn uns die Predigt oder das oft sehr vielstrophige Lied , das gesungen wird , zu lange dauert , so lesen wir diese Namen , und es ist dann mitunter ein Glück , daß sie da sind . « » Und keine Jungfrau Maria ? « Franziska lächelte . » Sie lächeln , mein liebes Fräulein , und haben ein Recht , es zu tun . Es ist wirklich ein großes Unrecht , daß wir sowenig voneinander wissen und uns gegenseitig verurteilen ohne Kenntnis dessen , das wir zum Gegenstand unserer Herzensfeindschaft machen . Ich habe mitunter ein rechtes Verlangen , aus dieser Unkenntnis herauszukommen , und Sie , liebe Franziska , sollen mir dazu helfen . Sie müssen mir alle norddeutschen Sitten und Gebräuche schildern , und wenn das Erzählte nicht aus der protestantischen Kirche sein kann , nun dann , so lassen Sie ' s aus dem protestantischen Leben sein . Aus dem Leben kann ich dann Rückschlüsse ziehen auf den Glauben , weil das Leben ein Kind des Glaubens ist . Ich denke mir , meine liebe Franziska , wir beginnen am besten gleich , oder Sie geben mir , wenn nicht mehr , so doch wenigstens einen Vorschmack . Erzählen Sie mir von Ihrer Stadt an der Ostsee . War es nicht an der Ostsee ? « Franziska nickte . » Nun denn , da muß ja die Stelle ganz in der Nähe sein , wo der König von Thule seinen Becher ins Meer geworfen . Ohne die Ballade wüßt ich nichts davon , und so hat auch das allerweltlichste Gedicht immer noch sein Gutes . Ich denke mir Ihre kleine Stadt auf einer Sandbank gelegen und immer in Gefahr , vom Meere verschlungen zu werden . Ist es so ? « Franziska hatte mit ihrer Antwort auf die verschiedenen Fragen und Wünsche der Gräfin eben begonnen , als Graf Adam und Feßler eintraten und nach kurzer Begrüßung der Damen ihre Stühle bis ebenfalls an die Balkontür rückten . » Stören wir ? « » Oh , nicht doch « , sagte die Gräfin . » Im Gegenteil , wie gerufen . Unsere liebe Freundin war eben im Begriff , mir etwas von ihrer nordischen Heimat vorzuplaudern , einer kleinen Hafen- oder Badestadt an der Ausmündung der Oder . « » Ah , an der Oder « , wiederholte Feßler . » Ein gut katholischer Strom . « » Ja « , warf Franziska rasch ein . » Aber doch nur zu Beginn , nur in der Enge des Gebirges . Sobald er ins Freie tritt , wird er protestantisch und immer protestantischer , je mehr er sich dem freien Meere nähert . « » Um endlich darin unterzugehen « , schloß Feßler mit übrigens verbindlicher Handbewegung . » O nur keine Neckereien auf diesem Gebiet « , beschwor der Graf . » Ich plädiere für Schluß dieser Kriegsführung und will lieber von dem Ostseestädtchen hören , darin unsere Freundin das Licht der Welt erblickte . Das interessiert mich mehr . Ich denk es mir wie Vineta , poetisch , gruselig und ewig gefährdet . Hab ich recht ? « » Je nach der Jahreszeit , wo Sie den Fuß auf unsere Schwelle setzen . Kommen Sie zur Sommerzeit , so sieht es aus wie dies Öslau , nur noch bunter und aparter und eigentlich auch noch hübscher und heiterer . « » Das ist unmöglich . « » Oh , Sie sollen selbst entscheiden . Da haben wir zunächst unsern Strom , dessen breite Wasserfülle schon die Nähe des Meeres ahnen läßt . Und keine tausend Schritte vor seiner Mündung , da wächst die Stadt auf und zieht sich einreihig an einem Pfahlwerk entlang , an dessen steil abfallender Wasserseite die Schiffe liegen , groß und klein , mit ihren vergoldeten Namen am Spiegel und einer überlebensgroßen , in Holz geschnittenen Figur am Bug . Auf dem breiten Damm aber , der dem Schlängellaufe des Flusses folgt , bewegen sich Handel und Verkehr wie unter einem Walde spalierbildender Maste . Denn zu beiden Seiten erheben sich diese Maste , sowohl auf den Schiffen wie vor den Häusern gegenüber . « » Und wie sind diese Häuser ? « » Oft so niedrig , daß man die Hand aufs Dach legen kann . Aber immer frisch geweißt . Und auf dem hohen Dache , das meist dreimal höher ist als das eigentliche Haus , auf diesem Dach erhebt sich ein Giebel und auf dem Giebel eine Flaggenstange , daran ein langes schmales Band oder auch eine sich bauschende Flagge weht . Und keine Flagge dieselbe ; denn in jedem dieser Häuser hat ein anderes Land seinen Sitz und seinen Schutz , und während über dem einen der österreichische Doppeladler flattert , flattert über dem andern der türkische Halbmond oder der chinesische Drache . Es gibt nichts Bunteres und Lachenderes als das Flaggen einer solchen Hafen und Handelsstadt . Und je kleiner , desto mehr . Denn gerade diese Kleinheit unterstützt den Effekt . Überall da , wo hohe gotische Giebel in ihrem finstern historischen Ernst aufragen , da verschwindet der heitere Flaggenschmuck in dem umherliegenden Dunkel ; in den kleinen und kaum hundert Jahre alten Städten aber , die keine Geschichte haben und in ihrer Kleinheit und Sauberkeit fast aussehen , als wären sie gestern erst aus der Spielschachtel genommen , in ihnen ist die Flagge die Hauptsache , das flatternde Band am Hut , das dem Ganzen erst Ansehen und Charakter gibt . « » Und wie geht nun das Leben in