ihn geschaffen , Sie allein würden es verstehen , ihn dauernd zu beglücken ... Er wird infolge eines Abenteuers auf der Reise verwundet , man bringt ihn nach Paris , er ruft seine zukünftige Schwiegermutter an sein Krankenlager und hofft , seine Braut werde sie begleiten . Statt dieser , die es aus übertriebenen Schicklichkeitsrücksichten verweigert , läßt Delphine sich dazu herbei . Unterwegs bereut sie ihre Nachgiebigkeit . Sie fürchtet , Leonce - der Held - könne den Schritt , den sie tut , mißbilligen . Ein Zagen ergreift sie , als sie vor ihn treten soll , aber sobald sie ihn gesehen , weicht jede andre Empfindung der des Mitleids . Sie steht an seinem Ruhebett ; er vermag kaum den Kopf zu erheben , um sie zu begrüßen , und bietet in seiner Hilflosigkeit den Anblick des edelsten und rührendsten Leidens . Eine tiefe Gemütsbewegung bemächtigt sich ihrer ... Bis dahin kam ich , nicht weiter - an diesem Tage nicht um ein Wort weiter ! ... Ich sah nicht mehr , was auf den Blättern stand vor meinen leiblichen Augen , ich sah ein andres Bild als das dort geschilderte , ein andres und doch so ähnliches Bild , und gewaltiger , als es mich in der Wirklichkeit ergriffen hatte , ergriff es mich in der Erinnerung . Was ich damals ahnungslos empfunden , jetzt wußte ich ' s ! Dieses Buch hatte es mich gelehrt ! Am nächsten Vormittag wurden Anka und ich zur Gräfin gerufen . Es roch köstlich in ihrem Zimmer , sie sah frisch aus wie eine Rose , war eben aus dem Bade gestiegen , lag auf der Chaiselongue und trank Schokolade . Jetzt wollte sie eine kleine Konversation mit uns haben . Unterhalte mich , Anka ! Sie begannen zu schwatzen , und die Großmama war die Lustigere von beiden , zog auch mich ins Gespräch , machte mir Komplimente über meine Augen , meine Zähne , meinen Teint , über was weiß ich . Die große Dame zeigt gegen unsereinen ebensowenig Stolz wie gegen ein Hündchen oder einen Kanarienvogel . Man spielt mit solchen Wesen , wenn sie niedlich sind , schmeichelt ihnen und verwöhnt sie . Der Vogel löscht seinen Durst aus dem Glase der Gebieterin , das Hündchen schläft auf ihrem Schoß , aber die Vertraulichkeit , in der man mit ihnen lebt , ändert nichts an der Rangordnung , die sie in der Stufenleiter der Geschöpfe einnehmen . So wenig Menschen- und Weltkenntnis ich damals besaß , über den Wert der Freundlichkeiten , die mir die Gräfin erwies , gab ich mich keiner Täuschung hin . Mitten in ihrem Geplauder fiel es Anka plötzlich ein zu fragen , ob ihre Großmutter in die Gruft gehen werde , den schönen Sarkophag zu sehen , in dem Mama liege . Da vereiste gleichsam das Gesicht der Gräfin , ein Ausdruck des Widerwillens umzuckte ihren Mund , wie zurückgestoßen drückte sie sich in die Kissen . Nein , nein , was denkst du ? ... Man darf die Ruhe der Toten nicht stören , sagte sie , und sogleich entließ sie uns mit dem Auftrag , ihr Francine zu schicken . Wissen Sie was ? begann Anka , nachdem sie ein Weilchen schweigend neben mir einhergegangen war , und mit der wichtigsten Miene und in belehrendem Tone fügte sie hinzu : Wir müssen , wenn wir uns bei Großmama langweilen , nur anfangen von der Gruft zu sprechen , da schickt sie uns gleich fort . Wir sahen die Gräfin erst bei Tische wieder . Abends beteiligten wir uns alle an einem Lottospiel mit Anka . Ich saß dem Grafen gegenüber , dessen Blick mit einer Aufmerksamkeit auf mir ruhte , die abzulenken seine Schwiegermutter mehrmals umsonst versuchte . Ob mir dabei wohl oder weh zumute war , dürfen Sie mich heute nicht fragen ; vielleicht habe ich es sogar damals nicht deutlich gewußt . Klar empfand ich nur eines : ein nicht ganz trostloses , sondern mit einer geheimnisvollen , schmerzlich süßen Befriedigung gemischtes Gefühl : Du mußt fort ... Und immer mehr befestigte sich die Überzeugung in mir : Du mußt fort ! « 9 Die Erzählerin machte eine kleine Pause . » Vergangene Freuden , vergangene Leiden sind wie geträumte Freuden und Leiden « , sagte sie . » Vermutlich schlage ich als Siebzigjährige zu gering an , was ich als neunzehnjähriges Mädchen im stillen und ganz allein mit mir selbst durchzumachen hatte . Mag sein und hat weiter nichts zu bedeuten . Wovon aber Notiz genommen werden muß , das ist die Veränderung , die sichtlich im Benehmen des Grafen gegen mich eingetreten war . Er kam jetzt öfters am Vormittag auf unser Zimmer , wohnte einer oder der andern Unterrichtsstunde bei und verließ uns nicht , ohne seine Freude über Ankas Fortschritte ausgedrückt , ohne gesagt zu haben : Anka und ich können Ihnen nie genug danken . Er begann mir eine Rücksicht , ja eine Ehrerbietung zu erweisen , die mich in Verlegenheit setzte , die Gräfin zum Spott reizte und das Kind entrüstete . Die Kleine wies jeden , auch den geringsten Tadel , den ich ihr erteilte , zurück , sie tat es sogar mit den Worten : Sie sind böse , weil ich nicht soviel Wesens mit Ihnen mache wie Papa . Indes ihr Vater meinte , sie unter meiner Leitung zu einer kleinen Vollkommenheit heranwachsen zu sehen , wurde sie immer herber und eigenwilliger und ich ihr gegenüber immer machtloser . Ich hätte das eingestehen , dem Grafen die Wahrheit sagen sollen , aber er tat mir zu leid , er war ohnehin gequält genug . Die verhängnisvolle Wendung , die der Krieg genommen hatte , das peinliche Bangen vor den Entscheidungen der nächsten Zukunft , die Untätigkeit , zu der er dabei verdammt war - ich konnte es nicht über mich gewinnen , den Seelenzustand noch zu verschlimmern , in den alles das ihn versetzte . Ich wußte