s denn verantworten , daß ich Sie zu langweilen komme mit dem Berichte dieser Jämmerlichkeiten , die Ihrem Gesichtskreise so fern liegen , so tief unter Ihnen stehen ? « » Diese Frage , Halwig , die können Sie allerdings nicht verantworten « , sprach Lotti . » Mir liegt nichts fern , was Ihnen Unruhe und Pein zu verschaffen vermag . Vergessen Sie das nie und nimmermehr . « Er fuhr mit der Hand über seine Stirn . » Ich habe es nicht vergessen ... Sie sehen ja ... Von jeher waren Sie bestimmt , mir Trost und Segen zu sein ... von jeher war ich bestimmt , Sie zu quälen ... Das Schicksal erfüllt sich ... Leben Sie wohl ! ... « rief er , wandte sich plötzlich und schritt dem Ausgange zu . Mit einem Male blieb er jedoch stehen . Seine Augen hatten sich fest und starr auf ein kleines Bild gerichtet , das an der Wand über dem Arbeitstische hing . Das wohlgetroffene Bild Meister Feßlers . » Ihr Vater ... Ihr Vater , das war ein Mann ! Er hatte alles vom Künstler , nur nicht die Selbstsucht , nur nicht den Ehrgeiz . Er kannte die Affenliebe für seine Produkte nicht , und nicht die blinde Freude an dem Geschaffenen , sondern nur die große Freude an seinem Schaffen ... Er trieb sein Handwerk wie eine Kunst . Wir - treiben unsere Kunst wie ein Handwerk « , sprach er dumpf und schmerzlich und verließ das Zimmer . 9 » Wohin geht denn unser Fräulein in solchem Staat ? « sprach das Schneiderlein im vierten Stock des Nachbarhauses . » Macht gewiß Visiten « , meinte Leopoldine und beugte sich recht weit aus dem Fenster , um Lotti nachzublicken , die soeben über den Platz schritt . Der Alte folgte dem Beispiel seiner Tochter und rief in Begeisterung : » Schau , schau ! Es gibt doch nichts Schöneres als ein schwarzes Seidenkleid ... Aber Falten muß es haben , muß sich so gewiß ausbreiten - das ist anständig , das ist elegant ! « » Nein , elegant ist es just nicht ! « erwiderte Leopoldine , ihr kleines , breites Näschen rümpfend . » Nicht ? Kannst du dir das Fräulein denken in so einer modernen Ofenröhre , wie du da hast ? « rief der Schneider , indem er verächtlich auf das enge Kleid deutete , das seine Tochter trug . » Sie nicht - sie freilich nicht - « » Freilich nicht ! « spottete der Vater ihr nach , » und hätte doch eher als tausend Jüngere die Gestalt dazu , ist ja gewachsen wie eine Tanne . « » Nein , nein , sie soll nur bei ihren alten Moden bleiben , ihr steht ' s , ein anderes dürft ' s nicht tragen . « » Und warum nicht ? Weil es praktisch ist ? Weil es geschmackvoll ist ? « polterte der Alte , und der Zank zwischen den beiden entbrannte . » Sagt , was Ihr wollt ! « platzte das Mädchen plötzlich heraus , » wenn Ihr einmal tot seid , halte ich mir doch ein französisches Modejournal ! « » Dann kannst du ' s tun « , schrie der Vater gereizt , aber nicht gekränkt durch diese brutale Äußerung . Seine Tochter biß sich auf die Lippen , aus ihren dunkeln Augen schoß ein Strahl innigster Liebe : » Deswegen braucht Ihr noch nicht zu sterben « , sprach sie . » Fällt mir auch gar nicht ein . « Und sie gingen an die Beendigung eines höchst unmodern gestreiften Sommerkleides . Im gegenüberstehenden Hause hatten die Horatier im Fenster gelegen und Lotti , als sie vorüberkam , mit lautem Jubelgeschrei begrüßt . Auch die weiße Katze hatte ihr vom Dache herunter nachgeschaut und dabei ein derart gescheites Gesicht geschnitten , als ob sie allerlei interessante Dinge wüßte , von denen andere sterbliche Wesen niemals etwas erfahren . Lotti aber schritt dahin , erfüllt von den verschiedenartigsten und dennoch so gleich mächtigen Empfindungen , daß sie nicht vermocht hätte zu sagen , welche die vorherrschende sei . Vielleicht war es ein geheimer Tatendrang - der Wunsch , Einfluß auf die Frau Halwigs zu gewinnen , und die Hoffnung , wenn das gelang , durch sie dem Selbstzerstörungswerk Einhalt zu tun , in dem der Dichter begriffen war . Sollte jene aber nichts wissen von seinen schweren Seelenkämpfen ? Sollte sie , wenn er auch schweigt - nichts davon erraten haben ? Ist es nicht offenbarer Unverstand , sich einzubilden , daß eine Fremde kommen müsse , um der Gattin die Augen zu öffnen ? Und dennoch - dennoch - trotz aller Einwendungen ihres Verstandes blieb Lotti von einer Ahnung durchdrungen , für die ihr jeder Grund , jeder Anhaltspunkt fehlte , der Ahnung : die Frau , die er liebt , weiß nichts von seinem inneren Leben . Lotti war im neuen Stadtteil vor dem neuen Hause angekommen , das Halwig bewohnte . Nett wie ein Schächtelchen stand es da ; alles darin frisch und blank und fast blendend vor Glanz und Farbenpracht , alles geschmackvoll und schön : die Malereien an den Wänden und am kuppelartigen Gewölbe des Stiegenhauses , die vergoldete Rampe , die schneeweißen Treppenstufen . Die einfache Lotti , die Freundin des Alten , sah sich um in all der bunten , jungen Herrlichkeit und meinte im stillen , das Neue könne einem doch auch gefallen . Sie bemühte sich , den Außendingen recht viel Aufmerksamkeit zu schenken , sie hoffte sich dadurch von der seltsamen Beklemmung zu befreien , die sich ihrer bemächtigt hatte . Doch half es wenig , und Lottis Herz pochte fast laut , als sie das erste Geschoß erreicht hatte und den Drücker neben einer hohen , hübsch stilisierten Tür berührte , die sich nach wenig Augenblicken vor ihr erschloß . Derselbe Diener , der gestern das Billett Frau von Halwigs überbracht