Weisheit und Bruderliebe trete . « Herr von Hartenstein hatte ihm mit merklicher Ungeduld zugehört . Nach den letzten Worten ergriff er rasch seinen Hut und erwiderte : » Ich bin zu positiv gerichtet , zu nüchtern , wenn Sie so wollen , um Ihnen in dieses Phantasienreich -Schlaraffenland würde unser kerniger Meister es vielleicht genannt haben - folgen zu können . Überdies drängt die Zeit . Und so habe ich nachträglich nur zu sagen : Verzeihung , daß ich Sie aufgehalten habe , Herr Prediger . Sie waren im Begriff , in Amtsgeschäften auszugehen . « » Nur in einer privaten Angelegenheit zu Amtmann Mehlborn , Hochwürden , « versetzte der Pfarrer . » Dann freut es mich , daß unser Weg der gleiche ist , « sagte Herr von Hartenstein , und sie brachen auf . Sie schritten an der Kirche vorüber , deren Tür von Sonnenauf- bis Untergang offen stand ; eine Neuerung des Blümelschen Regiments , von welcher leider seltener als er gehofft ein stiller Einkehrer Segen zog . Ohne weitere Erklärung trat der Propst ein , und der Pfarrer folgte ihm . Des Erbaulichen an Konstruktion wie gottesdienstlichem Gerät war hier so wenig wie an allen anderen ländlichen Bethäusern unserer Gegend wahrzunehmen . Wände und Deckengebälk weiß getüncht , ein roter Ziegelboden , Kanzel , Altartisch und Bänke , ohne Schnitzwerk , von dunkel gebeiztem Holz . Eine Falltür , aus rohen Bohlen gezimmert , führte hinab in die von der Werbensche Gruft , die voraussichtlich keinen erdenmüden oder noch erdenfrohen Pilger mehr aufnehmen sollte . Der Propst äußerte kein Verlangen , der abgelebten Sippe seine Ehrfurcht zu bezeugen , dahingegen er einer geistlichen Geschlechtsfolge , auf die er unerwartet stieß , einen bemerkbaren Anteil zuwendete . Es waren die Bildnisse sämtlicher Gemeindepfarrer seit dem ersten lutherischen Bekenner , die den schmalen Altarplatz in doppelter Reihe umzogen . Der damalige Patron hatte ein Legat zu dieser Stiftung ausgesetzt und der Kunstwert nach dem Maße des Geldwerts unverkennbar abgenommen . In gleicher Größe und gleichem schwarzen Talar und Barett standen die würdigen Herrn , einer neben und einer über dem anderen in Reih und Glied . Kein geistlicher Nachfahre würde sich durch den Aufblick zu ihnen erbaut oder physiognomisch belehrt , kein leiblicher Nachfahre sich also einen werten Ahnherrn geträumt oder gewünscht haben . Die Gemeinde aber hing mit Liebe an ihrem einzigen Ornament und , bis auf die kürzlich erlebte Franzosenzeit , ihrer einzigen historischen Erinnerung . Die Namen selber der ältesten der alten Seelenhirten hatten sich fortgeerbt von Geschlecht zu Geschlecht ; von diesem ein Erlebnis , von jenem ein Charakterzug , von den beliebtesten ein Schwank ; und man würde sich williger irgendwelche Veränderung der alten Agende , ja sogar ein neues Gesangbuch haben gefallen lassen , als eines der kaum noch erkennbar nachgedunkelten alten Pastorbilder gemißt . Die Altarwände waren bis auf einen einzigen Platz gefüllt . » Soll die Reihe dieser treuen Männer geschlossen werden mit einem , der von ihrem Glauben abgefallen ist ? « sagte , auf die leere Stelle deutend , der Propst mit einem Ton , der halb wie Spott und halb wie eine Beschwörung klang . Pastor Blümel unterdrückte die Antwort . Die Kirche , seine Kirche , würde ihm der letzte Ort zu polemischer Widerrede gewesen sein . Er hatte im stillen längst auf den letzten Platz in der geistlichen Galerie verzichtet . Seine Werbenschen Beichtkinder , er wußte es , würden ihn keineswegs als einen Abtrünnigen verketzern , weil er auf des preußischen Königs Befehl zwei neue Worte , von denen eines obendrein der Herr Jesus war , in die alte Spendeformel aufnahm ; die Werbenschen Leute waren ja überhaupt beileibe keine widerborstigen Untertanen . Daß aber ihre geistliche Galerie an Reliquienwert für sie eingebüßt haben würde , wenn sie mit einem neuen Preußen anstatt mit einem alten Landsmann ihren Abschluß fand , das wußte Pastor Blümel auch , und Pastor Blümel , obgleich oder weil Unionist , verstand Reliquienwert zu schätzen . Pastor Blümel » herbergete gern « nach christlicher Vorschrift , wie seine Hanna es tat nach natürlicher Neigung ; wenn Pastor Blümel aber die Gastlichkeit eine germanische Erbtugend nannte , so nannte Frau Hanna ihren Konstantin einen deutschen Schwärmer . Und zu leugnen ist allerdings nicht , daß Konstantin Blümel zu den Schwärmern gehörte , die ihr Volk - selbstredend en bloc ! - in jeglicher Völkertugend leuchten sahen mit alleiniger Unterschätzung derjenigen , in welcher es allezeit geleuchtet hat und wills Gott auch fernerhin leuchten wird , denn die Bescheidenheit ist die Tugend des Würdigen . Verwies dann der Gatte die Gattin auf seines armen Volkes notgedrungene Arbeitsamkeit , welche den gastfreien Naturtrieb in Zügel halte , so verwies die Gattin den Gatten aus der Völkerkunde auf die weit größere Armut just der gastfreiesten Stämme und aus seiner persönlichen Erfahrung auf das Institut der Schenke , für dessen Pflege es dem deutschen Mann niemals an Muße und Batzen gebreche . » Die Schenke , « sagte sie , » ja die Schenke , Konstantin , ist eine urteutonische Einrichtung ; und wenn dein alter Heide ihrer nicht gebührentlich Erwähnung getan haben sollte , bewiese es , daß er der blondgelockten Germania nicht bis in den Herzgrund gedrungen ist . Der Schenkenzug aber bläst naturgemäß das gastliche Herdfeuer aus . Leben wir denn in einer Wüstenei ? Sind wir nicht eine zivilisierte Nation ? Vivat fürs Geld ! jeder für sich und die Schenke für alle ! vivat die Schenke ! Und dann die deutsche Humanität , Konstantin ! Die armen Gastwirte müßten ja bankrott werden , wenn jeder Hauswirt seinen Anhang in seinen eigenen vier Pfählen beherbergen wollte ! Ist einer ein wohlhäbiger Mann und hat er bedürftige Anverwandte , denen seine deutsche Gemütlichkeit die Gasthofsrechnung ersparen , oder einen guten Freund , mit dem er sich einmal vertraulich aussprechen möchte , ei nun , da findet sich allenfalls oben zwischen den Rumpelkammern des Bodens ein Plätzchen , wo man