einen Rückzug an , der nichts an Eile und manches an Hoheit zu wünschen übrigließ . In der nächsten Zeit hatte Heißenstein häufig Unterredungen mit seinem Rechtsfreunde , Herrn Doktor Paul Wenzel . Stundenlang und bei verschlossenen Türen wurde da verhandelt ; und durch niemand , nicht einmal durch die besorgte Hausfrau , und unter keinerlei Vorwand , ob er nun in Gestalt eines kleinen Imbisses , eines eben angelangten Briefes oder einer dringenden Nachfrage erschien , durften die Herren in ihrer Arbeit unterbrochen werden . Da besann sich Nannette plötzlich , daß die Frau des Advokaten eine Jugendbekannte von ihr sei , daß sie einstens » intim liiert « mit ihr gewesen war , und sie empfand die nagendsten Gewissensbisse , die alte Freundin so lange vernachlässigt zu haben . So setzte sie denn eines schönen Nachmittags ihre Herbstkapotte mit den schottischen Bändern auf - ein Geschenk , das ihre einstigen Zöglinge ihr kürzlich aus Wien zugesendet hatten , eine echte Lannoy ! - , hüllte sich in ihren schwarzen Seidenmantel und wurde eine Viertelstunde später bei der Gattin des Advokaten angemeldet . Die gute Frau empfing sie in ihrem unbehaglichen und unbewohnten Salon mit allen Zeichen der Ehrfurcht und mit einer Verlegenheit , die zu verbergen sie nicht einmal versuchte , so gut wußte sie , daß es vergeblich sein würde . Sie bezeigte eine überschwengliche , mit einem gewissen Entsetzen vermischte Freude über den unerwarteten Besuch . Sie entschuldigte sich , daß Frau » von « Heißenstein sie im Hauskleide treffe - aber eine Familienmutter , du guter Gott , muß überall zugreifen ... Sie entschuldigte sich , daß sie nicht ihr Leben damit zubringe , auf den Besuch Frau » von « Heißensteins zu warten , sie entschuldigte sich , daß sie Kinder habe und daß es heute nachts geregnet . Sie dankte endlich im stillen Gott , als ihr Mann eintrat und sie von dem mühevollen Geschäft erlöste , ganz allein mit der gebildetsten Frau der Stadt ein Gespräch führen zu müssen , bei welchem diese allerdings nicht zu Worte kommen konnte . Der Advokat war ein schöner Greis mit fein modelliertem Kopfe , blassem Gesichte und vornehmer Haltung . Seine Mitbürger schätzten ihn hoch , und die » Herrschaften « auf den umliegenden Gütern sahen ihn als ein Orakel an . » Was hat der Wenzel gesagt ? - Man muß den Wenzel fragen « , sprachen die feudalen Herren , sooft die Weisheit ihrer Verwalter nicht ausreichte , um irgendeinen Konflikt zwischen dem herrschaftlichen Amte und den Untertanen zu lösen . In seinem Berufe war Wenzel ein Cato , im geselligen Verkehr jedoch und an seinem eigenen Herde liebenswürdig und galant wie ein Abbé des 18. Jahrhunderts . Weich hatte das Leben ihn gefaßt , er empfand es dankbar und machte auch andern das Leben so leicht , als er konnte . Seine viel jüngere Frau verehrte in ihm einen Halbgott , und den Nimbus eines solchen hatte sie verstanden ihm an seinem schlichten bürgerlichen Herde zu wahren . Die liebevolle Bewunderung eines demütigen Weibes ist erfinderisch , ihr Gegenstand wandelte in einem Gemüsegarten - unter Palmen . Bedächtig , als fürchte er durch eine rasche Bewegung die Weihrauchwolke zu zerstreuen , die ihn umfloß , kam Wenzel auf Frau Heißenstein zugeschritten , die sich erhob und » dem lieben , verehrten Freunde « voll Rührung ihr kleines rundes Händchen , das die Gestalt eines Lindenblattes hatte , entgegenstreckte . » Ich weiß , was Sie hierherführt , gnädige Frau « , sagte der Advokat , indem er sie mit bescheidener Verbindlichkeit nötigte , ihren Platz in der Sofaecke wieder einzunehmen . » Ihr edles Herz ist beängstigt durch die harten Maßregeln , die Ihr Herr Gemahl gestern gegen seine unglückliche Tochter ergriffen hat . « » So ist es ! « rief Frau Heißenstein und führte ihr Taschentuch an ihre trockenen Augen . » Sie verstehen mich , verehrter Freund . Raten Sie , helfen Sie . Ich selbst bin machtlos . Mein vortrefflicher , angebeteter Mann gestattet mir auch nicht ein Wort der Entschuldigung für das irregeleitete Kind zu sprechen . « Der Advokat bedauerte sie sehr , versetzte sich ganz in ihre traurige Lage , und seine Frau vergoß teilnehmende Tränen . » Dieser gestrige Schritt « , nahm Nannette wieder das Wort , » diese ... dieses ... ich will sagen , dieser - Schritt - « Was hätte sie darum gegeben , fragen zu dürfen , was für ein Schritt das war ? Aber soviel will sie sich nicht vergeben . Daß sie keinen Einfluß auf ihren Mann hat , gesteht sie ein ; daß sie sein Vertrauen nicht besitzt - nimmermehr . Und Wenzel hilft ihr nicht . Er schüttelt nur den Kopf und wiederholt : » Er ist zu hart , Ihr Herr Gemahl , zu hart . « Nannette beschwört ihn , sein möglichstes zu tun , um ihren durch seine unbegreifliche Tochter so schwer gekränkten Gatten zur Milde zu stimmen , und rüstet sich zum Aufbruche . Sie bittet , Nachsicht mit ihr zu haben , sie ist nur gekommen , um sich auszusprechen , sie hofft , der Advokat und seine teuere Frau werden ihr verzeihen , daß sie es so unumwunden getan ; eine Mißdeutung besorgt sie » von solchen Seelen « nicht . Sie bedauert ihren über alles geliebten Mann , ihn zu tadeln erkühnt sie sich nicht . Sie geht , von dem Ehepaare bis an die Treppe geleitet . » Wie gut und lieb ist sie ! « sagte die Doktorin . » Eine kluge Frau ! « sagte lächelnd der Doktor . Obwohl Nannette den Zweck ihres Besuches nicht vollkommen erreicht hatte und die Maßregeln , die Heißenstein gegen seine Tochter ergriffen , ihr nach wie vor ein Geheimnis blieben , war sie doch mit dem erreichten Resultate recht zufrieden . Sie hatte erfahren , daß ihr Mann unversöhnlich ist , und sie hatte eine einflußreiche und hochachtbare