Frevelmuthes , glücklich , unendlich glücklich gewesen bin - ein kurzlebiges , verräterisches Glück , ich weiß es wohl , aber doch ein Glück - ein Paradies , in welchem wir nicht weilen können , aus welchem das rauhe Leben und die Natur selbst uns vertreiben - und doch ein Paradies ! Langsam weiter schlendernd drang ich tiefer in die grüne Wildniß , denn eine Wildniß war ' s. Kaum daß hier und da manchmal vor wucherndem Kraut und wildwachsendem Buschwerk der Weg zu erkennen war , den einstmals die Schleppen schöner Damen gestreift haben , oder die Füßchen anmuthiger Kinder an der Hand der Wärterin dahingetrippelt sein mochten . Das Terrain wurde hügelig , der Park war zu Ende , über mir wölbten sich die mächtigen Kronen uralter Buchen . Dann ging es wieder hügelab , der Wald that sich auseinander , und ich stand am Rande eines mäßig großen , runden Weihers , in dessen schwarzem Wasser sich die fast überall bis an seinen Rand herandrängenden Riesenbäume spiegelten . Ein paar Schritte von mir , an einer etwas erhöhten Stelle des Ufers , an dem Fuße eines vielhundertjährigen Baumes , war eine niedrige Moosbank angebracht ; auf der Bank lag ein Buch und ein Handschuh . Ich blickte mich nach allen Seiten um und lauschte nach allen Seiten ; es blieb todt und still , nur die rothen Sonnenstrahlen spielten durch das grüne Gezweig und manchmal wehte ein Blatt herab auf das schwarze Wasser des Weihers . Ich konnte der Neugier nicht widerstehen ; ich näherte mich der Bank und nahm das Buch . Es war Eichendorffs : » Aus dem Leben eines Taugenichts . « Ich hatte noch nie etwas von Eichendorff gehört , geschweige denn gelesen . Ueber den Titel mußte ich lachen ; es war , als ob mich Jemand beim Namen gerufen ; aber ich hatte damals kein besonderes Interesse für Bücher ; so legte ich es aufgeschlagen , wie ich es gefunden , wieder hin und griff nach dem Handschuh , nicht , ohne mich vorher noch einmal umgeblickt zu haben , ob nicht etwa doch die Eigenthümerin Zeuge meiner Dreistigkeit sein könne . Denn dieser Handschuh gehörte der schönen Cousine Arthurs ; wem sonst sollte er gehören ? Der Schluß war sehr einfach , wie denn auch die Thatsache , daß eine junge Dame einen Handschuh auf ihrem Ruheplatze hatte liegen lassen , für den Verstand des Verständigen nichts besonders Merkwürdiges gehabt haben würde . Aber mit dem Verstand von jungen neunzehnjährigen Leuten meines Schlages kann man nicht viel Wesens machen ; wenigstens muß ich bekennen , daß , als ich das leichte zierliche Ding so in der Hand hielt , und ein feiner lieblicher Duft daraus zu mir aufstieg , mein Herz auf eine ganz unverständige Weise anfing zu schlagen . Und doch hatte ich Emilie Heckepfennig schon unzählige Fensterparaden gemacht und sogar einmal vier Wochen lang ein Band , das sie mir beim Tanze geschenkt , auf dem Herzen getragen . Das Band hatte nicht die Kraft gehabt , wie dieser Handschuh ; es mußte ein Zauber im Spiele sein . Ich ließ mich auf die Moosbank gleiten und versank in Träumereien , während ich den Handschuh bald auf den Sitz neben mich legte und bald wieder ergriff , ihn mit immer gesteigerter Aufmerksamkeit zu betrachten , als wäre er der Schlüssel zu dem Geheimniß meines Lebens . So mag ich wohl eine Viertelstunde lang gesessen haben , als ich plötzlich , zusammenschreckend , aufhorchte . Wie vom Himmel her kam ein Klingen und Singen , erst leise , dann lauter , und endlich vernahm ich deutlich eine weiche Frauenstimme und die schwirrenden Töne einer Guitarre . Die Stimme sang eine Strophe , die der Anfang oder der Refrain eines Liedes sein mochte : Am Tage die Sonne , Wohl hat sie mich gerne ... » Am Tage die Sonne « klang es noch einmal , aber schon ganz aus der Nähe , und jetzt sah ich auch die Sängerin , welche mir die dicken Stämme der Buchen bis dahin verborgen hatten . Sie kam einen Pfad herab , der ziemlich steil zwischen den Bäumen aufwärts führte , und wie sie jetzt an einer Stelle , auf welche durch das Blätterdach ein helles Sonnenlicht fiel , stehen blieb und sinnend nach oben blickte , hat sich mir ihr Bild eingeprägt , wohl für immer ; denn heute nach so vielen Jahren sehe ich sie , wie ich sie damals sah . Wie ich sie damals sah : ein reizendes , tief brünettes Mädchen , die das wundervollste Ebenmaß der Glieder kleiner erscheinen ließ , als sie in Wirklichkeit war , und für deren fremdartige , ich möchte sagen , zigeunerhafte Erscheinung ein phantastischer Anzug von dunkelgrünem , mit goldenen Litzen besetzten Sammt die passendste Tracht schien . Sie trug an einem rothen Bande eine kleine Guitarre , über deren Saiten ihre Finger glitten , wie über sie selbst die sonnigen Lichter durch die leise wehenden Zweige . Arme Konstanze ! Kind der Sonne ! Weshalb , wenn sie dich so gerne hatte , tödtete dich die Mutter nicht mit diesem ihrem Strahl , daß ich dir ein Grab hätte graben können in dieser Waldeinsamkeit , fern von der Welt , nach der dein Herz so heiß verlangte , dein armes , thörichtes Herz ! Ich stand , im Anschauen verloren , regungslos , selbst als sie jetzt mit einem tiefen Seufzer aus ihrem Traum erwachte und ihre Augen , während sie den Pfad herabkam , mich trafen . Ich bemerkte , daß sie leicht zusammenfuhr , wie Jemand , der einen Menschen findet , wo er nur einen Baumstamm vermuthen konnte , aber die Regung war ganz momentan ; dann sah ich , daß sie mich unter den gesenkten Wimpern hervor betrachtete , und daß ein nur zu schnell verschwindendes Lächeln um ihre Lippen spielte ; den Ausdruck einer an Betäubung grenzenden Bewunderung in meinem Gesicht mochte ein schönes ,