werde das nicht tun . Eine starke Göttin nenne ich dich , o Einsamkeit , weil die Wirkungen deiner Macht grenzenlos sind im Guten wie im Bösen . Je nachdem du dem Menschen die lichtblaue oder die dunkelfarbige Seite deines Schleiers über die Augen hängst , führst du seine Seele in die stillsten Auen irdischen Friedens , irdischer Glückseligkeit , stürzest du sein Ich in die gräßlichste Nacht der Verzweiflung und des Wahnsinns . Du bist eine gewaltige Zauberin , Einsamkeit ; Mutter der Kunst , der Weisheit und des Heldentums bist du und bevölkerst doch die Welt mit Gespenstern , Fratzen , mit allem Gaukelspiel der Hölle . Mutter bist du und doch eine Jungfrau : dem einen Maria die Allbeseligende , dem andern die eiserne Gestalt des Mittelalters , deren Arme zerfleischende Messer verbergen . Deine Arme breitest du aus : Kommet her zu mir alle , die ihr betrübt , mühselig und beladen seid , ich will euch euerer Last entledigen , ich will euch trösten ! Deine Arme breitest du aus : Kommet her zu mir , ihr Verstockten , ihr Fanatiker , ihr Verbrecher , ihr Unglücklichen jeder Art ; das Bittere soll bitterer werden , härter das Harte , schlechter das Schlechte , giftiger jedes Gift ! - Im größten wie im kleinsten wirkst du , Einsamkeit ; die Flammen der Sinnlichkeit löschest du und schürst du zum verzehrenden Brande ; anders erscheinst du jeglichem Menschen : dem Alter auf andere Art als der Jugend , dem Weibe anders als dem Mann , der Jungfrau anders als der Mutter . Mir bist du bona Dea , o Einsamkeit , die gute Göttin des Lebens ; ich bitte dich , sei auch eine gute Göttin allen denen , welche ihr Auge auf dieses Blatt werfen ; ich bin ihnen gewogen , darum zeige ihnen deine holdeste Gunst und Kraft ! Dicht am Dorfe Poppenhagen im Winzelwalde liegt das adelige Gut , der Poppenhof , welchem das Privilegium nobilitatis beigelegt war und damit die Vogtei und Untergerichtsbarkeit . Danach konnten die jedesmaligen Delinquenten » in solchen Delictis , so nicht in die peinliche Halsgerichtsordnung laufen , nach Beschaffenheit der Umstände ohngehindert mit einer Geldbuße beleget , incarceriret , auch mit Anschließung an das Halseisen , so auf dem Hofe befindlich , bestraffet werden « . Am vierzehnten April 1803 sollte diesem Privilegio gemäß das Halseisen der Witwe Ulex aus dem Dorfarmenhause umgelegt werden . Ihr Mann war , wie der Vater Robert Wolfs , Forstwart auf dem Eulenbruch gewesen und hatte als blutjunger Mensch die Annexionskriege des Alten Fritz mitgemacht . Als Unteroffizier des Regiments Pasewalk invalid entlassen , heiratete er , indem er das erste junge weibliche Wesen aufgriff , welches ihm bei seiner Rückkehr aus dem Garnisonsdienst am Eingange des Dorfes Poppenhagen entgegenlief . Aus dieser Zufallsehe entsproß Heinrich Ulex der Sternseher . Um das Jahr achtzehnhundertundeins starb der Forstwart an einer Wilddiebskugel , welche eine alte Wunde aus dem Bayrischen Erbfolgekriege von neuem aufriß , und die Witwe zog mit ihrem Jungen nach Poppenhagen hinab in das Siechenhaus . Sie war dem Trunke ergeben und nahm es nicht allzu genau mit dem Mein und Dein . In der Kunst , Hühner zu stehlen , hatte sie es zu einer wahren Virtuosität gebracht , und wir benutzen die Gelegenheit , unsern Leserinnen zuzuraunen , daß es nicht nur eine Kunst ist , Herzen , sondern auch eine Kunst , Hühner zu stehlen . Vergeblich suchte die fromme Wirtswitwe Fiebiger , die ebenfalls mit ihrem Sohne Fritz ihre letzten Jahre in dem Siechenhause hinbrachte , moralisch auf die Sünderin einzuwirken ; das Unterfangen war zu gefährlich und trug höchstens einige Kratzwunden ein . Die Fiebigerin war aber so still und demütig , wie die Witwe des Forstwarts wild und rebellisch war ; sie konnte daher am vierzehnten April 1803 nur in den Winkel kriechen und die schreckliche Aussetzung ihrer Mitgenossin im Hunger und Elend des Armenhauses mit vors Gesicht gehaltener Schürze bejammern . So stand denn unter dem trüben Himmel des regenhaften Tages auf dem Gutshofe die Ulexin im Halseisen , während der Großvater Leons von Poppen , der Rittmeister außer Dienst Gotthelf von Poppen , mit der Tonpfeife im Fenster lag und das diebische Weib mit den greulichsten Flüchen und Schimpfwörtern überschüttete , während die Bauern , ihre Weiber und Kinder samt den Gutsknechten mit abgezogenen Hüten , wenn auch angstvoll , so doch sehr befriedigt gafften . Ein zerlumpter , verwahrlost blickender Knabe wurde neben dem Halseisen von einem etwas jüngern , wohlgekleideten Knaben geneckt und mißhandelt und suchte sich schreiend an dem Lumpenrocke des gefesselten , beschimpften Weibes zu halten . Der eine Junge war Heinrich Ulex , der Sohn der Hühnerdiebin , der andere war Theodor von Poppen , der Vater Leons . Zitternd , mit atemloser Bangnis sah Fritze Fiebiger von dem Düngerhaufen aus dem häßlichen Schauspiel zu , und dasselbe tat ein kränklich blickendes Mädchen von der Tür aus , die in den Gutsgarten führte . Juliane von Poppen hieß die Kleine ; ihre Mutter war tot , ihr Vater kümmerte sich wenig um sie , er zog bei weitem seinen Sohn , der einige Jahre jünger als das Mädchen war , vor . Hübsch war die Kleine jedenfalls nicht zu nennen , sie war zu bleich dazu ; aber sie war mitleidig und hatte jetzt Tränen in den großen schwarzen Augen . Es war ein für ihr Alter winziges , nervöses Ding , und als sich der heulende , zerlumpte Betteljunge vor der Gerte ihres Bruders von der Schürze der Frau im Halseisen in ihre eigene Nähe flüchtete , machte sie sich von der Hand der Bonne los und trat mit abwehrenden Armen und geballten Händen dem jugendlichen Tyrannen und Dynasten vom Poppenhof entgegen . Der Rittmeister oben im Fenster lachte darüber aus vollem Halse ; aber Junker Theodor schien nun die größte Lust zu haben , seinen Stock gegen die Schwester zu gebrauchen . Nur des Vaters