Musik würde allmählich seine Tobsucht mildern . In wunderbaren Tönen spielte auch jetzt die Frau Pfarrerin , eine kleine , zarte , aber geistig durchleuchtete und willensstarke Frau . Wie Lucinde nun auch auf dem Sprunge war auf die Treppe zu eilen und sich in den obern Stock zu flüchten , traf sie durch die noch geöffnet gebliebene Hausthür der Blick des Tobenden . Kaum war er ihrer ansichtig geworden , als er augenblicklich in seinen Schimpfreden innehielt , die Hände nach ihr ausstreckte und halb die Knie beugte . Diese Aenderung der Scene war das Werk eines Augenblicks . Die zaubervollen Accorde , die die Pfarrerin dem Instrument entlockte , hoben eine Situation , deren Feierlichkeit von dem Schrecken und Staunen der Näherstehenden unterstützt wurde ; die entfernter Lauschenden freilich lachten . Lucinde blieb eine Weile unbeweglich . Dann aber faßte sie sich Muth und ging auf den Kammerherrn zu , ihm einen freundlichen : Guten Morgen ! wünschend . Er erhob sich , sprach nichts und lächelte voll Ehrfurcht . Daß Sie mich noch wiedererkennen ! fuhr Lucinde wie in unbefangenster Laune fort . Ich habe mich seit gestern verändert , nicht wahr ? Sie gehören jetzt der Erde an ! sprach der wie in einem Bann Befindliche feierlich , langsam , mit sonderbar hochliegender , fast weiblicher Stimme . Nicht wahr , fuhr Lucinde scherzend fort , Sie glaubten gestern , ich wäre vom Himmel gefallen ? Und nun suchte sie die zerstreuten Blumen auf , wobei ihr der Kammerherr behülflich sein wollte . Aber diese steife Uniform ! fuhr sie fort . Pfui ! Pfui ! Wie garstig dieser hohe Kragen ! Das mag sich wol bei Hofe schön ausnehmen , aber hier ... Die armen Rosen und Nelken ! Nein , kommen Sie , Herr Kammerherr von Wittekind ! Ziehen Sie Ihre gestrige leichte Kleidung an , und wir richten den Garten wieder in Ordnung ! Ich wollte Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen ! sagte der Kranke und verbeugte sich wie vor einer Fürstin . Nun gut ! So denken Sie nur , daß ich auch ganz incognito hier lebe und wir uns eines dem andern nichts vorwerfen wollen ! Der Kammerherr verbeugte sich und ging , ohne weiter nach dem Degen zu fragen , ins Haus , um sich umzukleiden . Er bewohnte die andere Seite des Erdgeschosses . Alle standen in Verwunderung vor diesem unerwarteten Besänftigungsmittel . Der Pfarrer besonders schien sehr erfreut und sagte leise : Die Musik war bisjetzt das Einzige , was die zuweilen ausbrechende Tobsucht des geistesschwachen Mannes mildern konnte . Nun kommen Sie und schon Ihr Anblick entwaffnet seine Wuth ! Sie sind uns ja wie ein Geschenk von Gott gegeben ! Lucinde erfuhr , daß der Pfarrer von Eibendorf , dem das trauliche Nest von Kindern sich füllte , vom Ertrag seiner Pfarre aber kaum die Scheuer , sich erboten hatte , einen geisteskranken vornehmen , sehr reichen Mann in Obhut zu nehmen . Es war , er gestand es aufrichtig , eine ganz einfache Speculation auf die Besserung seiner eigenen Existenz . Er wollte diese Ersparnisse anlegen für die künftige Ausbildung seiner Kinder . Offen sagte er das ; aber man sah wohl , sein eigener redlicher Wille und die Herzensgüte seiner Frau konnten sich nicht entschließen , diese Pflege wie das Amt eines Miethlings auszuführen . Sie unterzogen sich ihrer schweren Aufgabe , die sie in diesem mislichen Umfange , wie sich bald herausstellte , kaum geahnt hatten , mit aufrichtiger Hingebung , wachten Tag und Nacht über den launischen , oft bösartigen und in der großen Welt in vielen Dingen gründlich verdorbenen Mann , der schon an die Vierzig gerückt schien und doch kaum dreißig zählte . Freiherr Jérôme von Wittekind entstammte dem Geschlechte , das sich für die Nachkommen jenes edeln und tapfern Wittekind hielt , der in diesen Gegenden , tiefer abwärts nach Westen zu , lange Jahre Karl dem Großen die Spitze geboten . Einem Geschlechte der Hünen schien auch noch immer dieser entartete Enkel anzugehören . Der Kammerherr war der jüngere Sohn des großen Landbesitzers und eines der ersten Glieder hierländischer Ritterschaft , des Kronsyndikus von Wittekind ; der ältere stand in Diensten des nordwärts liegenden großen Staats . Dieser jüngere , von früh beschränkt und schwachsinnig , hatte sich den Kammerherrnschlüssel eines der kleinen Höfe geben lassen , die in der Gegend der Externsteine liegen . Seine Reisen und Aufenthalte in großen Städten waren die Veranlassung zu so vielen Thorheiten und Verschwendungen geworden , daß der Vater seinem Wesen Einhalt thun mußte . Die Beschränkung , die er erfuhr , reizte seine Wildheit noch mehr , und als der Vater , der selbst ein determinirter Mann war und im Nothfall , wie Lucinde später kennen lernte , mit geschwungener Hetzpeitsche dreinfahren konnte , ihn vollends einengte und , um den Geisteszustand seines Sohnes nicht zu verrathen , ihn gar wie einen zweiten Kaspar Hauser einschloß , ließ die Elasticität dieser schwachen Geisteskräfte immer mehr nach und ein oft bösartiger Blödsinn war die Folge , die nur noch die gewohnte Art der Haltung und der hochgetragene Nacken des adeligen Stolzes in der stattlichen Erscheinung des Kammerherrn verdeckte . Obgleich Katholik , hatte man ihn , um seinen Zustand ganz aus dem Bereich der Controle der ihm ebenbürtigen Adelsgeschlechter zu bannen , zu einem protestantischen Geistlichen , zehn bis zwölf Meilen von den großen Gütern des Vaters entfernt , gegeben . Den Vorwand dafür gab seine Liebe zur Malerei . Er besaß ein wirkliches Talent zum Copiren und streifte durch die Gegend meist mit der Zeichenmappe . Sein Diener sagte dann jedem , sein Herr halte sich deshalb beim Pfarrer auf , weil nichts der Umgegend von Eibendorf gleichkäme . Wald , Berg , Wiese und Grund schmückten das Thal allerdings mit den reichsten Farben ; die Malerei und Musik wurden zu Hülfsmitteln , den Zustand des Kranken zu mildern . Von dem Augenblick an , wo der Kammerherr in seinen Sommerkleidern