Kissen und war mit einem Tuche zugedeckt . Als Clara dieses Tuch wegzog , durchschauerte es sie leicht , und als sie darauf das Kind betrachtete , rollte eine Thräne um die andere aus ihrem Auge . Es lag da so ruhig als ob es schliefe , die Augen halb geöffnet , die Händchen über der Brust gefaltet . Daß es wirklich todt war , sah man nur an der gelblichweißen Gesichtsfarbe , an der glanzlosen Haut und an einem schmerzlichen Zug , der um den zusammengepreßten Mund und das spitzige Näschen spielte , und man fühlte das , wenn man , wie Clara es that , das warme lebensfrische Gesicht an die bleichen Lippen des Kindes drückte und dann jene eisige sonderbare Kälte empfand , jene Kälte , die mit nichts Anderem zu vergleichen ist ; jene Kälte , welche die unerbittliche Hand des Todes zurückläßt . Clara deckte das Kleidchen mit den rothen Schleifen über ihre kleine Schwester hin , legte den Blumenkranz auf ihr Haupt und sank dann vor der Kleinen auf die Knie . Das Kind hatte viel gelitten und war in herben Schmerzen gestorben . Vor dem inneren Auqe der Tänzerin gingen Stunde um Stunde die zwei kummervollen Jahre vorüber , welche dies arme Kind durchlebt und welche Clara mit ihm geduldet und gelitten . Das war ein harte Zeit gewesen seit der Geburt der kleinen Anna . Ihre Mutter , Clara ' s Stiefmutter , war wenige Tage nach der Geburt des kleinen Kindes gestorben und die Tänzerin hatte es aufgezogen als wäre es ihr eigenes . Ah ! sie liebte das arme kränkliche Geschöpf mehr als Alles in der Welt . Sie hing in seinen Leiden inniger an ihm , als an dem Vater und den anderen Geschwistern ; es war ihr Eigenthum , sie hatte es sich erobert durch durch die unermüdlichste Sorgfalt , durch unzählige Nachtwachen . Ein halbes Jahr nach der Geburt hatte der Hausarzt gesagt : es ist ein Wunder , Fräulein Clara , daß Sie mit Gottes Hülfe das Kind durchgebracht haben . - Ja , es lebte , es gedieh , und das junge Mädchen sah mit Entzücken , wie es stärker und kräftiger wurde , wie es eines Tags zum ersten Mal lächelte , wie dann lange Unterredungen mit ihr hielt , aber in unartikulirten Tönen , nur ihr allein verständlich . - - - - Und doch mußte es sterben . Wie hatte sie dem Tode diese Beute streitig gemacht ! Wie hatte sie Tag und Nacht über seinem Lager gewacht , am Morgen seinen ersten Blick empfangen , am Abend seinen letzten ! Wie war sie athemlos die vier Treppen hinaufgerannt , um hineintretend zu fragen : » was macht das Kind ? « - Da endlich überfiel es eine neue Krankheit , und schon nach wenigen Tagen ging sein Athem schnell und schwer , sanken seine Augen ein und wurden Mund und Nase spitzig . Wenn sich auch Clara überreden wollte , das seien nur vorübergehende Symptome , und wenn sie auch an jedem Abend die ganze Familie an das Bettchen führte und fragte : » nicht wahr , heute geht ' s mit der Anna besser ? ihre Augen sind lebhafter , ihr Athem leichter , « so schüttelte doch der Hausarzt den Kopf , und der verzweifelte Blick , mit dem die junge Tänzerin an seinen Lippen hing , verhinderte ihn mehrere Tage , die Wahrheit zu sagen . Endlich aber mußte er doch eingestehen , daß alle Hoffnung vergebens sei . - An dem Tage war gerade ein neues Ballet , und Clara mußte tanzen und lustig sein ; aber im Zwischenakte stahl sie sich von der Bühne weg und ging an eine kleine Thüre , welche auf die erste Gallerie führte , und dort wartete sie , bis der Leibarzt des Königs seine Loge verließ . Das war ein alter freundlicher Herr , und als er vorbeigehen wollte , hatte sie sich ihm beinahe zu Füßen geworfen , auch konnte sie lange vor ihren Thränen nicht sprechen . Dem Arzte erschien es natürlich sonderbar , hier von der glänzend gekleideten , aber weinenden Tänzerin angehalten zu werden , doch da er ihr ein paar liebevolle Worte sagte , so war Clara bald im Stande , ihm ihr Leid mitzutheilen . Er versprach nach dem Kinde zu sehen und kam auch noch an demselben Abend zum Erstaunen sämmtlicher Hausbewohner , die seinen Wagen anfahren hörten . Doch zuckte er ebensogut die Achseln wie der Hausarzt , und nachdem er das Kind einige Minuten angeschaut , auch sich nach den Vorgängen erkundigt , tröstete er das Mädchen so gut er konnte und sagte richtig voraus , das kleine Kind werde die Nacht nicht überleben . - - Am andern Morgen war es todt . In Clara ' s Leben entstand eine große Lücke ; sie sah vor sich ein weites , graues Feld , in dessen Mittelpunkte das todte Kind schwebte , das langsam vor ihren Augen versank . - Das Alles überdachte sie in der heutigen Nacht , und all ' die Tage , welche das Kind gelebt , gingen in einem stillen Gebete vor ihrem Geist vorüber . Endlich erhob sie sich wieder , deckte das Tuch über das weiße Gesicht der Kleinen , nachdem sie dasselbe vorher noch mit ihren Küssen und Thränen bedeckt : dann ging sie gefaßter in das Wohnzimmer zurück . Der alte Mann schien eben seine Arbeit für heute Nacht beendigt zu haben , er klappte das Buch , aus welchem er übersetzte , zu , und legte die Feder darauf hin ; dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und sah nachdenkend vor sich hin . Clara , welche noch keinen Schlaf verspürte , setzte sich ihm gegenüber und bedeckte ihre rothgeweinten Augen mit der Hand . » Das Buch ist ein eigenes Stück Arbeit , « sagte der Vater , » wohl für Amerika berechnet , namentlich jene Distrikte , wo