nur so hoch erhoben , um mir den Sturz in die Tiefe desto fühlbarer zu machen ? « - Wenn ein geistiger Schmerz sich in Thränen auflöset , so wird die Seele milde gestimmt . Auch Berger fühlte bald den wohlthätigen Einfluß solcher Thränen auf seine Stimmung . Er wurde still und resignirt . Rasch beendete er jetzt seinen Anzug und schritt langsam dem Hause unter den Kastanienbäumen zu . Auch hier war unterdessen der Schmerz eingekehrt , aber ihm fehlte das bitterste , das qualvollste Element : das Bewußtsein der eigenen Schuld . Lydia lag auf dem Sopha ausgestreckt . Ihre Züge waren durch den plötzlichen Schreck blaß und angegriffen , aber ruhig . Als sie jenen Brief , der ihr auf der Promenade zugestellt wurde , erhielt , war sie zuerst durch die Gleichheit der Schriftzüge mit denen des Zettels , den sie heute Morgen zwischen den Blumen gefunden hatte , überrascht worden . Schnell hatte sie die Adresse abgerissen und , von böser Ahnung getrieben , einen durch die Angst unsicher gemachten Blick hineingeworfen . Sie sah nur , daß von ihrem Verlobten und einem Duell die Rede sei . Da fielen ihr die Schüsse ein , welche sie mit ihrer Mutter gehört hatte . Krampfhaft , als wollte sie ihren Raub bewahren , ballte sie den Zettel zusammen , denn sie fühlte plötzlich einen brennenden Stich im Herzen , der ihr das Bewußtsein raubte . In diesem Zustande hatte sie die Mutter getroffen . Als sie , zu Hause angelangt , das Bewußtsein völlig wieder erhalten hatte , hatte die Forsträthin nichts Eiligeres zu thun , als sie über ihren Irrthum aufzuklären , was sie durch die Vorlesung von Landsfeld ' s Brief bewirkte . Doch hatten alle diese verschiedenen Eindrücke ihre Seele so erschüttert , und ihre Körperkraft so erschöpft , daß sie zur gänzlichen Sammlung ihres Geistes nothwendig einige Stunden ungestörter Ruhe bedurfte . Indeß warteten ihre Mutter und der Hofrath vergeblich auf den Besuch des Badearztes , welcher ihnen , als sie nach Hause fuhren , versprochen hatte , in einer kleinen halben Stunde ihnen zu folgen , um sich nach dem Befinden des armen Kindes zu erkundigen , und vielleicht ein beruhigendes Mittel für sie zu verschreiben . Endlich kam er . Es war ein kleiner , runder Mann , dessen breites , gutmüthiges Gesicht , dem ein Paar kluge graue Augen und ein lebendiges Mienenspiel keinen uninteressanten Ausdruck verliehen , in diesem Augenblicke dunkelroth glühte . Mit kurzen hastigen Schritten trat er in das Zimmer und ging , ohne sich durch Grüße aufhalten zu lassen , sogleich auf das Sopha zu , ergriff Lydiens Hand , um ihren Puls zu fühlen , und sagte nach einer halben Minute , zu ihrer Mutter gewandt : » Vortrefflich . Hier ist Alles auf gutem Wege . - Indeß kann ' s immerhin nicht schaden , wenn wir dem Kinde ein kühlendes Tränkchen verordnen . Haben Sie Papier und Dinte , gnädige Frau ? « - Er sah mit bezeichnendem Blicke auf die Thür des Nebenzimmers . Die Forsträthin verstand ihn . » Wollen Sie sich hier herein bemühen « - sagte sie , die Thüre öffnend . Der Hofrath stellte sich an ' s Fenster und trommelte mit dem Finger auf die Scheiben . » Sie werden mich entschuldigen , gnädige Frau « - sagte der Arzt - » daß ich nicht früher gekommen . - Ich bin dort oben gewesen . « Er wies mit dem Finger auf die Berge , welche sich auf dem blauen Hintergrunde des Himmels scharf abzeichneten . » Ich dachte es mir « - erwiederte die Forsträthin . - » Sprechen Sie , erzählen Sie ! Wenn ich mir auch alle Einzelheiten nicht erklären kann , so bin ich doch über den Zusammenhang im Allgemeinen nicht mehr zweifelhaft . « » Sie wissen also , mit wem sich Berger geschlagen hat ? - Mit dem Baron von Landsfeld « - fuhr er fort , als Jene mit dem Kopfe schüttelte . » Und der Grund ? « - fragte die Forsträthin zögernd . » Wegen einer Frau von Rosen , die der Baron früher , glaub ' ich , gekannt und in Berger ' s Gegenwart gestern auf der Promenade beleidigt hatte . Die nähern Umstände sind mir unbekannt . « » Also doch « - sagte Frau von Dornthal vor sich hin . » Fahren Sie fort . « » Das Wichtigste ist , daß Berger völlig unverwundet geblieben . Ja , aus einer Andeutung von Frau von Rosen - « » Sie war auch dort ? « » Ein merkwürdiges Frauenzimmer « - brummte der Arzt , den Kopf hin und her wiegend . » Sie hat sich auch geschlagen , und zwar auf Stichwaffen . « » Sie scherzen « - bemerkte die Forsträthin mit halb erstaunter , halb ungläubiger Miene . » Nichts weniger , als das « - erwiederte er seufzend . » Sie hat eine lange Schramme über den Arm bekommen . Ein merkwürdiges Frauenzimmer , hm ! Ein sehr merkwürdiges Frauenzimmer . « - » Aber mit wem hat sie sich duellirt ? Mit dem Baron natürlich . « » Nein , mit einer anderen emancipirten Dame , - einem Fräulein von Hohenhausen . Aber , was ich sagen wollte - ja , aus einer Andeutung von Frau von Rosen schloß ich sogar , daß der Baron mit Willen fehlgeschossen . « » Das war mir nicht unbekannt « - erwiederte sie zum großen Erstaunen des Doctors . » Lesen Sie hier « - fuhr sie fort , ihm den Brief Landsfelds reichend . » Hm , hm « - sagte er , seinen Kopf wiegend - » ein merkwürdiger Mensch . Es wäre Schade um ihn gewesen . « » Wie ? « - rief Frau von Dornthal erbleichend , indem sie ängstlich die Hand des Arztes faßte . - » Er ist verwundet ? « Der Doctor wollte