Ihrer Frau Mutter zuzog , weil selbst diese verständige Frau von dem Glauben befangen war , daß die Tendenz des Romanes eine unsittliche sei . Und ist sie dies nicht wirklich ? fragte Therese . Nichts weniger als das ! erwiderte Alfred . Unsittlich ist die Tendenz eines Buches , wenn Das , was gegen die Moraloder die hergebrachten Sittengesetze verstößt , beschönigt , als Recht dargestellt und vom Glück gekrönt wird , wie das jetzt oft in den französischen und deutschen Romanen geschieht . Davon aber finden Sie in den Wahlverwandtschaften kein Beispiel ! Und wie wollen Sie es nennen , fragte Therese , wenn Gatten den Schwur der Treue brechen , der sie unauflöslich an einander bindet ? Wie nennen Sie Charlotten ' s Liebe zu dem Hauptmann , Eduard ' s Leidenschaft für Ottilie ? Wie wollen Sie das entschuldigen ? Entschuldigen ! rief Alfred . Liebe , Leidenschaft entschuldigen ? Liebe und Leidenschaft an sich bedürfen nie und nirgend einer Entschuldigung . Jede wahrhafte Liebe trägt wie ein Gottesurtheil ihre Freisprechung in sich . Und so finden Sie die Personen des Romans frei von aller Schuld ? fragte Therese zweifelnd . Mir scheint , mit dieser Ansicht von dem Recht der Liebe heben Sie das heilige Recht der Ehe auf . Nach Ihrer Theorie hätte jeder das Recht , eine Ehe aufzulösen , wenn er neue Liebe in seinem Herzen sich regen fühlt und - - sie stockte , im Bewußtsein , einen Gegenstand berührt zu haben , der dem Gaste peinlich sein könnte ; Alfred selbst aber nahm das Wort . Glauben Sie denn nicht , rief er , daß in tausend Fällen die Trennung einer Ehe eine hohe , sittliche That sein könne , ja , das sie in solchen Fällen zu einer heiligen Pflicht werden kann ? Gewiß ! sagte der Präsident , denn im Grunde ehrt jede Ehescheidung den Gedanken der Ehe . Wenn zwei Menschen empfinden , daß sie dem Gedanken einer wahren Ehe nicht genügen können , daß sie innerlich getrennt sind , daß sie eigentlich nie zu einander gehörten und sich nur aus jugendlichem Misverstehen verbanden , sollen diese lebenslang zusammengeschmiedet bleiben ? Sollen sie mitsammen leben , Unfrieden , Gram , und vielleicht am Ende noch eine wahre und edle Liebe für einen andern Gegenstand im Herzen ? fragte Alfred heftig . Therese schwieg mit scheuer Zurückhaltung und Alfred fuhr fort : Verbrechen werden allerdings in den Wahlverwandtschaften begangen . Daß Eduard aus eigensinniger Laune auf eine Verbindung mit der einst geliebten Charlotte besteht , daß diese , ganz gegen ihre bessere Ueberzeugung , aus Eitelkeit nachgibt , das ist das erste Verbrechen , das begangen wird . Wenn dann die verständige Charlotte den Hauptmann , Eduard die himmlische Ottilie liebt , so folgen sie nur dem Gesetz der Natur , die Ungleiches trennen , Zusammengehörendes verbinden will . Das fühlen Alle und hier tritt der Fall ein , in dem die Trennung einer Ehe , wie ich es nannte , zu einer hohen sittlichen That wird . Aber solche Thaten fordern Muth , fordern ein großes , sittliches Bewußtsein . Dies hat in dem Roman keiner von Allen , die es haben müßten . Von Ottilie ist es nicht zu verlangen ; Charlotte hat die Einsicht , aber ängstliche Scheu vor dem Tadel der Welt , vor großem Aufsehen hält sie zurück . Der Hauptmann schweigt aus falschem Stolz , Eduard gibt nach aus kleinlicher Schwäche . Das sind die Verbrechen , die Sünden , welche begangen werden in dem Roman , und das ist es , was alle Betheiligten in die Hände der vergeltenden Nemesis liefert , die hier , wie in der antiken Tragödie , furchtbar waltet . Ich stimme Dir ganz bei , sagte der Präsident , und habe selbst oft gestrebt , Therese für diese Ansicht zu gewinnen . Ich wüßte kaum eine andere Dichtung , in der diese Idee so rein und vollendet ausgesprochen wäre . Denken Sie nur , rief Alfred , der sich um so mehr von dem Gegenstand hinreißen ließ , als er sein innerstes Seelenleben so nahe berührte , denken Sie nur , meine Freundin ; Ottilie , der sanfte , hingebende Engel selbst , muß das Werkzeug werden zum Tode des Kindes , das aus der verbrecherischen Umarmung der Gatten entsprang . Sie stirbt verzweifelnd , Eduard folgt ihr nach . Charlotte steht einsam zwischen den Gräbern aller Derer , die sie einst liebte , durch diese Gräber für immer von dem Hauptmann getrennt . Ihr wird das schwerste Loos , zur Strafe , weil sie es gewesen ist , welche den Fluch bannen konnte und aus selbstischen Rücksichten das Zauberwort verschwieg . Ich muß Ihnen in gewissem Sinne beistimmen , sagte Therese , und doch kann ich des Widerwillens gegen diesen Roman nicht Herr werden . Schon auf den ersten Seiten , schon bei dem ersten Schritt in diesen Zauberkreis fühlt man den Athem der Dämonen wehen , die hier walten . Man möchte fliehen , sich losreißen , weil man die Nähe eines furchtbaren Geschickes , die Nähe schwerer Schuld empfindet ; aber man ist gebannt durch das allmächtige Wort des Dichters , der uns zu Mitschuldigen macht , weil wir selbst zuletzt Recht und Unrecht kaum noch von einander zu scheiden vermögen . Alle Personen des Romans , Ottilie ausgenommen , sehen die Leidenschaften und die Drangsale hereinbrechen und Jeder überläßt sich in weicher Schwäche der unerlaubten Neigung . Darum nenne ich das Buch unsittlich , darum flößt es mir , ungeachtet all Eurer Erkärungen , ein heimliches Grauen ein , und doppeltes Grauen , weil ich den Sündern nicht zürnen kann , weil ich mich zuletzt , wie sie selbst , willenlos an die Gewalt ihrer Leidenschaft hingebe . Das gerade ist der Triumph der Wahrheit in der Dichtung , sagte Alfred . Oder das Verbrechen des Dichters , meinte Therese . Es ist die Wahrheit des Romans und Goethe ' s vollendete