widerfahrnen Unfall aus Richards Gemüthe verscheuchen ; aber die Last , die beim Anblick der unten im Hofe herrschenden Unordnung ihm schwer auf das Herz gefallen war , abzuschütteln , blieb ihm noch unmöglich ; er zitterte fühlbar , indem er die freundlich ihm gebotene Hand an seine Lippen drückte . Närrchen , was hast Du denn ? fragte die Fürstin nach ihrer gegen ihn noch immer beibehaltenen mütterlichen Weise ; weißt Du etwa schon ? nun was ist es denn weiter ! gewiß Du sollst dadurch nichts verlieren . Richard starrte sie an , wollte antworten , und die Stimme versagte ihm . Ja das ist nun nicht zu ändern , es ist nun einmal nicht anders , wir gehen nach Petersburg , nahm Eudoxia mit großer Gelassenheit wieder das Wort . Zwischen mir und Andreas war diese Reise zwar schon seit geraumer Zeit so gut als beschlossen , aber so lange die Sache noch einigermaßen zweifelhaft blieb , haben sogar unsre Kinder nichts davon erfahren . Die vielen Fragen in der Gesellschaft , Sie reisen ? wann ? weshalb ? wann kommen Sie wieder ? bringen Einen um alle Geduld . Helena selbst weiß erst seit diesem Morgen , daß wir reisen . Ein Theil unsrer Dienerschaft geht mit der Hälfte unseres Gepäckes noch heute ab , morgen oder übermorgen folgt das übrige , und wir mit unsern Töchtern treten in acht bis zehn Tagen die Reise an : denn einen kleinen Vorsprung müssen wir unsern Leuten doch lassen . Ein tiefer Schmerzenslaut entrang sich Richards Brust ; verwundert blickte die Fürstin zu ihm auf ; bleich , fassungslos stand er wie vernichtet neben ihrem Armsessel ; seine Hand hielt die Rücklehne desselben krampfhaft umfaßt , als bedürfe er dieser Stütze , um nicht umzusinken . Du bist krank ! rief Eudoxia : was überkam Dich so plötzlich ? setz ' Dich hierher , Du kannst Dich ja kaum aufrecht halten ; mein Gott , was ist Dir denn geschehen ? fragte sie mütterlich besorgt . Richard sank zu ihren Füßen hin , und verhüllte seine thränenden Augen in den Saum ihres Kleides . Du weinst ? fragte sie mitleidig : arme , gute , treue Seele , wäre es unsre Abreise , was Dich so betrübt ? verlieren und wiederfinden ist ja die ganze Geschichte des Lebens der Menschen auf Erden , das bedenke ; das ist nun einmal nicht zu ändern , und man muß sich darein ergeben . Und sei versichert , auch aus der weitesten Ferne sorgen wir für Dich , Du sollst durch unsre Entfernung nichts verlieren ; ich und mein Gemahl werden immer als zu unserm Hause gehörend Dich betrachten . In diesen letzten , gewiß gut gemeinten Worten , im Tone mit dem sie ausgesprochen wurden , lag etwas ungemein Schmerzliches für Richard , das wie ein elektrischer Schlag ihn durchzuckte . Fast vergessene Erinnerungen an das , was die Amme ihm von der Fürstin stolzem Sinne früher bekannte , wachten in ihm auf , und spornten ihn sich zu ermannen . Seine Thränen versiegten , er erhob sich , und nahm der Fürstin gegenüber den Platz ein , den sie vorher ihm angewiesen . Kann meine gütige Beschützerin mich so mißverstehen ? erwiederte er , zwar mit geziemender Ehrfurcht , aber frei ihr ins Auge blickend : kann sie mich , der unter ihren Augen , unter ihrer Leitung vom Kinde zum Manne heranwuchs , für so eigennützig , für so niedrig achten , daß ich in einem solchen Augenblicke eines solchen Trostes bedürfte ? ja daß ich nur fähig wäre ihn anzunehmen ? Was ich bin , was ich außer dem nackten Leben besitze , verdanke ich meinen edlen Beschützern , fuhr er sehr erregt mit flammenden Augen fort ; aber die höchste der Gaben , die ich aus Ihrem Hause mit fortnehme , durch die mein innigstes Dankgefühl mich Ihnen ewig zu eigen macht , ist , daß ich durch Sie in den Stand gesetzt bin , sorglos in die Zukunft zu blicken , und überall das Gefühl mit mir trage , mir selbst auch ohne äußre Hülfe durch die Welt helfen zu können . Aber wie ich es aushalten werde , dieses Haus künftig verödet zu sehen ! wie ich alle die vielen langen Tage , die von nun an einander folgen , von denen keiner mir - ach ! ich vermag nicht es auszusprechen ; der geringste Diener in Ihrem Gefolge scheint mir jetzt beneidenswerth . Guter dankbarer Sohn , sprach die wirklich gerührte Fürstin ; das also ist es allein ? liebst Du uns so ? aber Deine treue Anhänglichkeit an uns und unser Haus ist mir ja längst bekannt , und auch ich , das glaube nur fest , auch ich werde oft Deiner gedenken , und Dich vermissen . Doch jeder , in welcher Lage er sich auch befinden mag , muß sich das Unabänderliche mit Fassung gefallen lassen , und wenigstens den Trost wirst Du nicht verschmähen , daß wir nicht auf immer von Dir scheiden . In Jahresfrist , vielleicht noch früher , kehren wir zurück , denn ich und Andreas lieben diesen Aufenthalt , und möchten ihn mit keinem andern vertauschen . Die Minuten , die ich für Dich aufgespart , sind verflossen , und draußen warten hundert Augen auf mich , sprach die Fürstin , indem sie auf ihre Uhr sah . In wenigen Worten will ich Dir noch die Veranlassung dieser Reise erklären , die Dich so betrübt , denn ob wir uns wieder allein werden sehen , ist zweifelhaft . Die künftigen Schwiegereltern meiner Natalie bestehen darauf , das Hochzeitsfest in ihrem Familienkreise zu feiern , und wir , wir müssen aus Rücksichten für das Glück unsrer Tochter ihrem Wunsche nachgeben , obgleich unsre Absicht eigentlich war , Natalien mit ihrem jungen Gemahl erst nach ihrer Vermählung nach Petersburg gehen zu lassen . Nach reifer Überlegung finden wir selbst es rathsam und schicklich , nach langer Abwesenheit