so war alles ruhig , und ich empfand keine Störung , nur konnte ich die sogenannte wirkliche Welt , in der die andern Menschen sich auch zu befinden behaupten , nicht mehr von dieser Traum- oder Phantasiewelt unterscheiden ; ich wußte nicht , welche Wachen oder Schlafen war , ja zuletzt glaubte ich immer mehr , daß ich das gewöhnliche Leben nur träume , und ich muß es noch heute unentschieden lassen und werde nach Jahren noch daran zweifeln ; dieses Schweben und Fliegen war mir gar zu gewiß ; ich war innerlich stolz darauf und freute mich dieses Bewußtseins ; ein einziger elastischer Druck mit der Spitze der Fußzehen - und ich war in Lüften ; ich schwebte leise und anmutig zwei , drei Fuß über der Erde , aber ich berührte sie gleich wieder und flog wieder auf , - und schwebte auf die Seite , von da wieder zurück ; so tanzte ich im Garten im Mondschein hin und her , zu meinem unaussprechlichen Vergnügen ; ich schwebte über die Treppen herab oder herauf , zuweilen hob ich mich zur Höhe der niedern Baumäste und schwirrte zwischen den Zweigen dahin ; morgens erwachte ich in meinem Bett mit dem Bewußtsein , daß ich fliegen könne , am Tag aber vergaß ich ' s. - Ich schrieb an die Günderode , ich weiß nicht was , sie kam heraus nach Offenbach , sah mich zweifelhaft an , tat befremdende Fragen über mein Befinden , ich sah im Spiegel : schwärzer waren die Augen wie je , die Züge hatten sich unendlich verfeinert , die Nase so schmal und fein , der Mund geschwungen , eine äußerst weiße Farbe ; ich freute mich und sah mit Genuß meine Gestalt , die Günderode sagte , ich sollte nicht so lang mehr allein bleiben , und nahm mich mit in die Stadt ; da waren wenig Tage verflossen , so hatte ich das Fieber ; ich legte mich zu Bett und schlief , und weiß auch nichts , als daß ich nur schlief : endlich erwachte ich und es war am vierzehnten Tag , nachdem ich mich gelegt hatte ; indem ich die Augen öffnete , sah ich ihre schwanke Gestalt im Zimmer auf- und abgehen und die Hände ringen ; » aber Günderode « , sagt ich , » warum weinst Du ? « » Gott sei ewig gelobt « , sagte sie , und kam an mein Bett , » bist Du endlich wieder wach , bist Du endlich wieder ins Bewußtsein gekommen ? « - Von der Zeit an wollte sie mich nichts Philosophisches lesen lassen , und auch keine Aufsätze sollte ich mehr machen ; sie war fest überzeugt , meine Krankheit sei davon hergekommen ; ich hatte großes Wohlgefallen an meiner Gestalt , die Blässe , die von meiner Krankheit zurückgeblieben war , gefiel mir unendlich ; meine Züge erschienen mir sehr bedeutend , die großgewordenen Augen herrschten , und die anderen Gesichsteile verhielten sich geistig leidend ; ich fragte die Günderode , ob nicht darin schon die ersten Spuren einer Verklärung sich zeigten . Hier hab ich abgebrochen und hab viele Tage nicht geschrieben ; es stieg so ernst und schwer herauf , der Schmerz ließ sich nicht vom Denken bemeistern ; ich bin noch jung , ich kann ' s nicht durchsetzen , das Ungeheure . Unterdessen hat man den Herbst eingetan , der Most wurde vom laubbekränzten Winzervolk unter Jubelgesang die Berge herabgefahren und getragen , und sie gingen mit der Schalmei voran und tanzten . O Du - der Du dieses liest , Du hast keinen Mantel so weich , um die verwundete Seele drin einzuhüllen . Was bist Du mir schuldig ? - Dem ich Opfer bringe wie dies , daß ich Dich die Hand in die Wunden legen lasse . - Wie kannst Du mir vergelten ? - Du wirst mir nimmer vergelten ; Du wirst mich nicht locken und an Dich ziehen , und weil ich kein Obdach in der Liebe habe , wirst Du mich nicht herbergen , und der Sehnsucht wirst Du keine Linderung gewähren ; ich weiß es schon im voraus , ich werd allein sein mit mir selber , wie ich heut allein stand am Ufer bei den düstern Weiden , wo die Todesschauer noch wehen über den Platz , da kein Gras mehr wächst ; dort hat sie den schönen Leib verwundet , grad an der Stelle , wo sie ' s gelernt hatte , daß man da das Herz am sichersten trifft ; o Jesus Maria ! - Du ! Mein Herr ! - Du ! - Flammender Genius über mir ! Ich hab geweint ; nicht über sie , die ich verloren habe , die wie warme frühlingbrütende Lüfte mich umgab ; die mich schützte , die mich begeisterte , die mir die Höhe meiner eignen Natur als Ziel vertraute ; ich hab geweint um mich , mit mir ; hart muß ich werden wie Stahl , gegen mich , gegen das eigne Herz ; ich darf es nicht beklagen , daß ich nicht geliebt werde , ich muß streng sein gegen dies leidenschaftliche Herz ; es hat kein Recht zu fordern , nein , es hat kein Recht ; - Du bist mild und lächelst mir , und Deine kühle Hand mildert die Glut meiner Wangen , das soll mir genügen . Gestern waren wir im laubbekränzten Nachen den Rhein hinabgefahren , um die hundertfältige Feier des Weinfestes an beiden Bergufern mitanzusehen ; auf unserem Schiff waren lustige Leute , sie schrieben weinbegeisterte Lieder und Sprüche , steckten sie in die geleerten Flaschen und ließen diese unter währendem Schießen den Rhein hinabschwimmen ; auf allen Ruinen waren große Tannen aufgepflanzt , die bei einbrechender Dämmerung angezündet wurden ; auf dem Mäuseturm , mitten im stolzen Rhein ragten zwei mächtige Tannen empor , ihre flammenden durchbrannten Äste fielen herab in die zischende Flut , von allen Seiten donnerten sie und warfen Raketen