Gräfin liebte keine Diners , sie schimmerte lieber bei Kerzenschein , und auch Ernesto war ein seltner Gast an ihrem Tische . Ganz anders aber gestaltete sich die Unterhaltung , wenn sie durch Ottokars Gegenwart belebt ward . Mit Entzücken sah dann Gabriele , wie alles in seiner Nähe sich veredelte , wenn sie auch dabei bald hochroth erglühte , bald blüthenweiß erblaßte , und ihr Herz sich zitternd in ihrer Brust bewegte . Es konnte ihr nicht entgehen , daß Alle strebten , sich vor ihm vom Gemeinen entfernt zu halten , und ihn offenbar als den Ersten unter sich anerkannten , obgleich er mit der anspruchlosesten Bescheidenheit sich über keinen zu erheben suchte . Sein Platz an der runden Tafel zwischen der Gräfin und Aurelien war dem von Gabrielen gerade gegenüber . Ihr entging fast kein einziges seiner Worte , und wenn er im Gespräch sich gegen seine Nachbarinnen wendete , so konnte sie dem freundlichen Strahlen seiner Augen , dem anmuthigen Spiel seiner Gesichtszüge zusehen , ohne daß jemand es bemerkte . Oft wünschte sie recht sehnlich , daß er auch an sie mit freundlichen Worten sich wenden möge , und wenn er es that , so raubte süßes Erschrecken ihr den Athem zur Antwort . Ottokar konnte nicht umhin , ihre ewige Verlegenheit zu bemerken , er sah , daß sie auch mit den übrigen Anwesenden nur dann sprach , wenn sie gefragt ward , und immer in möglichst wenigen Worten . Er schrieb ihr Benehmen einzig der unüberwindlichen Furchtsamkeit zu , die er an einem so jungen , in der tiefsten Einsamkeit erzogenen Mädchen sehr natürlich fand , und begnügte sich endlich , aus Mitleid mit ihrer Angst , sie nur mit einem freundlichen Lächeln zu begrüßen , ohne sie ferner durch Anreden in Verlegenheit zu setzen . Gabriele bemerkte dieß , ohne zu wissen , ob sie sich darüber freue oder betrübe . Immer mehr verstummte sie in seinem Beiseyn und strebte nur , nichts von dem zu verlieren , was er zu den Uebrigen sprach . Ihr war dabei , als ob er dennoch nur sie damit meine , als wenn nur sie den Sinn seiner Rede vollkommen verstünde , weil nur sie so an jedem seiner Worte hing , denn die andern konnten doch manches zuweilen achtlos überhören . Jeder seiner Gedanken war wie aus ihrer tiefsten Seele herausgesprochen , bei jedem vorkommenden Gegenstande fühlte sie im voraus , wie er sich darüber äußern würde , und doch war und blieb sie die Einzige , zu der er niemals mit Worten sich wendete . Träfe er mich nur einmal im Zimmer allein ! dann müßte er doch zu mir reden , ich hätte gewiß dann auch den Muth , ihm zu antworten , und alles wäre anders ! So dachte sie oft , während alles blieb wie es war . Auch wußte sie nicht , was denn eigentlich anders werden solle . Ihre Wünsche , ihre Hoffnungen schwammen formlos vor ihrem sonst so klaren Sinn , aber tief in ihrem Gemüth herrschte eine unaussprechliche Sehnsucht nach jenem seligen Moment , ohne daß ihr nur von ferne der Gedanke kam , ihn auf irgend eine Weise herbeiführen zu wollen . Keiner von denen , welche sie kannte , schien ihr würdig , an Ottokars Seite zu stehen , selbst Ernesto nicht , in deßen hellem , scharfem Blick sie die milde Güte oft vermißte , durch welche Ottokar ihr vor Allen liebenswerth erschien , und so stieg dieser nach jedem Wiedersehen immer höher in ihrer Verehrung , und ihr Anerkennen seines seltnen Werthes ward immer demüthiger . In ihrem einsamen Zimmer rief sie sich jedes seiner Worte , jede seiner Bewegungen zurück , aber sie vermochte es nie , vor andern seinen Namen zu nennen , selbst nicht vor der sich immer fester an sie schließenden Auguste von Willnangen . Es betrübte sie , sie schalt sich undankbar , wenn es ihr unmöglich war , das herzliche Vertrauen im gleichen Maaß zu erwiedern , mit welchem diese , mädchenhaft traulich , sie auf den tiefsten Grund ihres Herzens blicken ließ . Aber sie war an das Leben mit einem Wesen gewöhnt , das ohne Worte sie verstand , und dessen jetzt ruhendes Herz sonst mit dem ihrigen in stetem Einklange schlug , wie zwei gleichgestimmte Saiten , die nur eines Hauches bedürfen , um zugleich im nämlichen Tone zu erbeben . Es blieb ihr unbegreiflich , daß nicht Ernesto , Frau von Willnangen , deren Tochter , daß nicht alle nur von Ottokar sprachen , daß sie ihn nicht alle als den Einzigen , Seltnen laut anerkannten , wie er ihr schon beim ersten Anblick auf der Reise erschienen war . Aber da jedermann schwieg , so verstummte auch sie . Nur in der stillen Nacht ergoß sich ihr volles Herz in dem Tagebuche , welches sie schon früh zu führen gewöhnt worden war , und in welchem sie von jeher alles Merkwürdige aus ihrem äußern und innern Leben oft nur in kurzen Sätzen niederschrieb . Oft glaubte sie bei dieser einsamen Beschäftigung , die beseligende Nähe des Geistes ihrer Mutter zu fühlen , der ihrer Ueberzeugung nach , als schützender Engel sie umschwebte . Dann redete sie die Mutter als noch lebend an , ihr und den Blättern ihres Tagebuchs vertraute sie allein das glühende Gefühl , welches sie jetzt allmächtig beherrschte , dem sie immer wehrloser sich hingab , weil sie es nicht erkannte . Ottokar ward gar bald durch das Schreiben von ihm zum Geschöpf ihrer jugendlichen Fantasie , zu einem himmlischen Gebilde ; er stand in einer Glorie vor ihrem Sinne , zu welcher sie ihm selbst die Strahlen lieh , ohne sich dessen bewußt zu werden . Alles , was wir in der Einsamkeit dem Papier vertrauen , übt dadurch tausendfache Gewalt an uns , Liebe , Freude , vor allem der Schmerz . Wir selbst schärfen bei dieser stillen Beschäftigung jeden Stachel des Lebens , wir drücken