wohl ! « fuhr sie fort , » leben Sie wohl , lieber Revanne ! Sie haben von Natur ein redliches Herz ; erhalten Sie die Grundsätze der Aufrichtigkeit . Diese sind nicht gefährlich bei einem gegründeten Reichtum . Sein Sie gut gegen Arme . Wer die Bitte bekümmerter Unschuld verachtet , wird einst selbst bitten und nicht erhört werden . Wer sich kein Bedenken macht , das Bedenken eines schutzlosen Mädchens zu verachten , wird das Opfer werden von Frauen ohne Bedenken . Wer nicht fühlt , was ein ehrbares Mädchen empfinden muß , wenn man um sie wirbt , der verdient sie nicht zu erhalten . Wer gegen alle Vernunft , gegen die Absichten , gegen den Plan seiner Familie , zugunsten seiner Leidenschaften Entwürfe so schmiedet , verdient die Früchte seiner Leidenschaft zu entbehren und der Achtung seiner Familie zu ermangeln . Ich glaube wohl , Sie haben mich aufrichtig geliebt ; aber , mein lieber Revanne , die Katze weiß wohl , wem sie den Bart leckt ; und werden Sie jemals der Geliebte eines würdigen Weibes , so erinnern Sie sich der Mühle des Ungetreuen . Lernen Sie an meinem Beispiel sich auf die Standhaftigkeit und Verschwiegenheit Ihrer Geliebten verlassen . Sie wissen , ob ich untreu bin , Ihr Vater weiß es auch . Ich gedachte durch die Welt zu rennen und mich allen Gefahren auszusetzen . Gewiß diejenigen sind die größten , die mich in diesem Hause bedrohen . Aber weil Sie jung sind , sage ich es Ihnen allein und im Vertrauen : Männer und Frauen sind nur mit Willen ungetreu ; und das wollt ' ich dem Freunde von der Mühle beweisen , der mich vielleicht wieder sieht , wenn sein Herz rein genug sein wird , zu vermissen , was er verloren hat . « Der junge Revanne hörte noch zu , da sie schon ausgesprochen hatte . Er stand wie vom Blitz getroffen ; Tränen öffneten zuletzt seine Augen , und in dieser Rührung lief er zur Tante , zum Vater , ihnen zu sagen : Mademoiselle gehe weg , Mademoiselle sei ein Engel , oder vielmehr ein Dämon , herumirrend in der Welt , um alle Herzen zu peinigen . Aber die Pilgerin hatte so gut sich vorgesehen , daß man sie nicht wiederfand . Und als Vater und Sohn sich erklärt hatten , zweifelte man nicht mehr an ihrer Unschuld , ihren Talenten , ihrem Wahnsinn . So viel Mühe sich auch Herr von Revanne seit der Zeit gegeben , war es ihm doch nicht gelungen , sich die mindeste Aufklärung über diese schöne Person zu verschaffen , die so flüchtig wie die Engel und so liebenswürdig erschienen war . Sechstes Kapitel Nach einer langen und gründlichen Ruhe , deren die Wanderer wohl bedürfen mochten , sprang Felix lebhaft aus dem Bette und eilte , sich anzuziehn ; der Vater glaubte zu bemerken , mit mehr Sorgfalt als bisher . Nichts saß ihm knapp noch nett genug , auch hätte er alles neuer und frischer gewünscht . Er sprang nach dem Garten und haschte unterwegs nur etwas von der Vorkost , die der Diener für die Gäste brachte , weil erst nach einer Stunde die Frauenzimmer im Garten erscheinen würden . Der Diener war gewohnt , die Fremden zu unterhalten und manches im Hause vorzuzeigen ; so auch führte er unsern Freund in eine Galerie , worin bloß Porträte aufgehangen und gestellt waren , alles Personen , die im achtzehnten Jahrhundert gewirkt hatten , eine große und herrliche Gesellschaft ; Gemälde sowie Büsten , wo möglich , von vortrefflichen Meistern . » Sie finden « , sagte der Kustode , » in dem ganzen Schloß kein Bild , das , auch nur von ferne , auf Religion , Überlieferung , Mythologie , Legende oder Fabel hindeutete ; unser Herr will , daß die Einbildungskraft nur gefördert werde , um sich das Wahre zu vergegenwärtigen . Wir fabeln so genug , pflegt er zu sagen , als daß wir diese gefährliche Eigenschaft unsers Geistes durch äußere reizende Mittel noch steigern sollten . « Die Frage Wilhelms : wenn man ihm aufwarten könne ? ward durch die Nachricht beantwortet : der Herr sei , nach seiner Gewohnheit , ganz früh weggeritten . Er pflege zu sagen : » Aufmerksamkeit ist das Leben ! « - » Sie werden diesen und andere Sprüche , in denen er sich bespiegelt , in den Feldern über den Türen eingeschrieben sehen , wie wir hier z.B. gleich antreffen : Vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen . « Die Frauenzimmer hatten schon unter den Linden das Frühstück bereitet , Felix eulenspiegelte um sie her und trachtete , in allerlei Torheiten und Verwegenheiten sich hervorzutun , die Aufmerksamkeit auf sich zu leiten , eine Abmahnung , einen Verweis von Hersilien zu erhaschen . Nun suchten die Schwestern durch Aufrichtigkeit und Mitteilung das Vertrauen des schweigsamen Gastes , der ihnen gefiel , zu gewinnen ; sie erzählten von einem werten Vetter , der , drei Jahre abwesend , zunächst erwartet werde , von einer würdigen Tante , die , unfern in ihrem Schlosse wohnend , als ein Schutzgeist der Familie zu betrachten sei . In krankem Verfall des Körpers , in blühender Gesundheit des Geistes ward sie geschildert , als wenn die Stimme einer unsichtbar gewordenen Ursibylle rein göttliche Worte über die menschlichen Dinge ganz einfach ausspräche . Der neue Gast lenkte nun Gespräch und Frage auf die Gegenwart . Er wünschte den edlen Oheim in rein entschiedener Tätigkeit gerne näher zu kennen ; er gedachte des angedeuteten Wegs vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen und suchte die Worte auf seine Weise auszulegen , das ihm denn ganz gut gelang und Juliettens Beifall zu erwerben das Glück hatte . Hersilie , die bisher lächelnd schweigsam geblieben , versetzte dagegen : » Wir Frauen sind in einem besondern Zustande . Die Maximen der Männer hören wir immerfort wiederholen , ja wir müssen sie in goldnen Buchstaben über