, ihn zu beruhigen und der düstere Zweifel doch nicht von seiner Stirn weichen wollte , sagte sie : denken Sie nicht , daß es anders in mir sei , wenn ich Sie nicht sehe . Ich habe eine sehr lebhafte Vorstellung von den Leidenschaften der Menschen , und wie sie aneinander gerathend das Unerhörteste erzeugen . In ruhigen Stunden liegt der Grund von den Ereignissen , die mich am härtesten treffen , ganz unumwunden vor mir , ich gewinne eine Einsicht und werde stiller und ergebener in dem , was einmal so kommen mußte . Man beschuldigt die Frauen , es komme bei ihnen alles darauf an , eine Ursach , eine Veranlassung auffinden zu können , wenn sie sagen dürfen , das ist es , daher kam es , so sind sie fertig in sich , der Erfolg möge dann sein , welcher er wolle . Ich weiß es nicht , ob die Befriedigung müßiger Neugier das Herz stillen könne , doch leugnen werde ich es nicht , daß , was einmal in nothwendiger Folge vor mir entsteht und wird , aufhört mich wie ein Gespenst mit verstörendem Sinn und Geist umhüllenden Schauder zu erfüllen . Die helle , freiwillige Ergebung in dem Unabwendbaren ist mir eigen , ist den Frauen überhaupt so nothwendig . Wir können so wenig thun , wir müssen so viel leiden ! wie kämen wir nur mit uns selbst zurecht , wie bewahrten wir die Duldung und Liebe , wenn ein eingebohrner Sinn nicht von selbst Dinge und Gefühle zu ordnen wüßte ? Ich habe es in den gepreßtesten , engsten Verhältnissen erfahren , daß man sich nur dann frei bewegt , wenn man so viel als möglich jedes an seinen Platz zu stellen vermag . Ich weiß Sie zu stellen , Alonzo , auch meinen Türgis . Glauben Sie mir , ich kenne die ewige Ausgleicherin Zeit . Frankreich hat über seine Kräfte hinausgegriffen , es hat sich überlebt , es ist welk und matt geworden . Ihm geht es wie jener Coquette , die täglich roth trug , und es nicht begreifen konnte , daß einmal der Tag kam , wo sie aufhören mußte , da sie es erst gestern und vorgestern that . Der Aufenthalt im Auslande hat mich über vieles belehrt . Wir passen nicht unter die junge Welt , glauben Sie , ich fühle das , und ohne zu wissen , was mit uns werden solle , begreife ich doch jeden Widerstreit . Frau von Saint Alban kam von hier auf das wechselnde Unglück ihres Vaterlandes zu reden , und was seit Jahrzehnte an ihm gepreßt und gezehrt hätte . Sie verweilte mit Theilnahme bei allem Schönen und Erwünschten , was es zum Lebensgenusse biete . Mehr und mehr erreichte sie sich über sein trübes Geschick . Die Demüthigung , welche es erfahren , schmerzte sie tief , der Unwille gegen die Verbündete blitzte unwillkührlich auf , sie tadelte diese niemals , aber sie lobte das Eigenthümliche französischer Nationalität mit warmer , eingeborner Partheilichkeit , und konnte sich nicht enthalten zu sagen , das jugendlich gewordene Europa solle in seinem aufstrebenden Stolze nicht vergessen , daß es lange in französischer Schule ging , man könne nicht immer angeben , welchen Rutzen man von diesem oder jenem Unterricht gezogen , es solle sich nicht durch unbilliges Herabwürdigen selbst beflecken . Wenn sie gleich der Verderbtheit nicht das Wort reden , und schreiende Thatsachen entschuldigen wollte , so sahe sie diese doch mehr in den Zeitumständen , in der Form zufälliger Gestaltung als in den verschlammten Wust vergifteter Lebenskraft begründet . Und prophezeihete sie auch noch viel unsägliches Unheil für Frankreich , so ahndete sie doch sein phönixartiges Vergnügen und das beschämte Anerkennen ungerechter Feinde . Ein lebhafter Sinn steigerte den Streit in ihrer Brust , bis sie , nicht mehr ausreichend , in matte Wehmuth verfiel . Die Vergänglichkeit , der Wechsel alles irdischen Lebens trat ausgleichend vor sie hin , sie ward stiller und weinte viel . Alonzo fühlte sich beengt . Es war das erstemal , daß zwischen ihnen Nationalverschiedenheiten berührt , gerügt wurden . Frau von Saint Alban in allen ihren Gefühlen aufgelöst , sprach sich rücksichtslos aus , die Worte reiheten sich unberechnet aneinander und rollten eines durch das andre fortgezogen , in der Fluth unvereinbarer Empfindungen weiter . Endlich stand sie auf und ging in ein Nebenzimmer , wo sie unter vielen Papieren kramte und ordnete . Auch sie also ! dachte Alonzo , auch sie kann den Stolz und die Herbigkeit nicht verleugnen , wie gerecht sie auch zu sein denkt . Er näherte sich Blansche . Sie war an das Fenster getreten . Erröthend gab sie es zu , daß er ihre Hand fasse . Blansche , fragte er leise , wenn Sie in dieser Zeit an mich dachten , wie erschien Ihnen mein Bild ? Haben Sie es in keinem Augenblick mit Schmerz und Unwillen zurückgedrängt ? Haben Sie nie den Unglücklichen verwünscht , der zu Ihrer Qual Frankreichs Boden betrat ? Meine Seele , erwiederte Blansche still gefaßt , weiß nichts von der wüsten Qual , die Sie in mir voraussetzen . Ich habe recht friedlich und wie zum Trost in den letzten Stunden an Sie gedacht . Ich wußte Sie voll Theilnahme und Mitgefühl , Ihr Andenken ist ganz rein und ungetrübt in mir . Das Fenster war offen , sie sahen über die Klostermauern in das weite Feld . Volle Kornähren wogten im glühenden Abendroth wie ein leise wallendes Meer , die Sonne warf scheidend die schärfsten blendensten Lichter zurück , Blansche stand ganz glänzend wie verklärt neben Alonzo . Unwillkührlich sank er vor ihr nieder und mit den heißen Lippen die Falten ihres Kleides berührend , rief er , heiliger Engel ! sage , daß du mich nicht verwirfst , daß du das Opfer meines Lebens annimmst ! Blansche faltete die Hände , drückte sie gegen die Brust und die Augen zum Himmel gehoben , sagte sie