sah man Spuren der Verwesung , und die , welche aus den Wänden hin und wieder hervorragten , schienen steinartig geworden zu seyn . Die Meisten waren von ungewöhnlicher Größe und Stärke . Der Alte freute sich über diese Überbleibsel einer uralten Zeit ; nur den Bauern war nicht wohl dabey zu Muthe , denn sie hielten sie für deutliche Spuren naher Raubthiere , so überzeugend ihnen auch der Alte die Zeichen eines undenklichen Alterthums daran aufwies , und sie fragte , ob sie je etwas von Verwüstungen unter ihren Heerden und vom Raube benachbarter Menschen gespürt hätten , und ob sie jene Knochen für Knochen bekannter Thiere oder Menschen halten könnten ? Der Alte wollte nun weiter in den Berg , aber die Bauern fanden für rathsam sich vor die Höhle zurückzuziehn , und dort seine Rückkunft abzuwarten . Heinrich , die Kaufleute und der Knabe blieben bey dem Alten , und versahen sich mit Stricken und Fackeln . Sie gelangten bald in eine zweyte Höhle , wobey der Alte nicht vergaß , den Gang aus dem sie hereingekommen waren , durch eine Figur von Knochen , die er davor hinlegte , zu bezeichnen . Die Höhle glich der vorigen und war eben so reich an thierischen Resten . Heinrichen war schauerlich und wunderbar zu Muthe ; es gemahnte ihn , als wandle er durch die Vorhöfe des innern Erdenpalastes . Himmel und Leben lag ihm auf einmal weit entfernt , und diese dunkeln weiten Hallen schienen zu einem unterirdischen seltsamen Reiche zu gehören . Wie , dachte er bey sich selbst , wäre es möglich , daß unter unsern Füßen eine eigene Welt in einem ungeheuern Leben sich bewegte ? daß unerhörte Geburten in den Vesten der Erde ihr Wesen trieben , die das innere Feuer des dunkeln Schooßes zu riesenmäßigen und geistesgewaltigen Gestalten auftriebe ? Könnten dereinst diese schauerlichen Fremden , von der eindringenden Kälte hervorgetrieben , unter uns erscheinen , während vielleicht zu gleicher Zeit himmlische Gäste , lebendige , redende Kräfte der Gestirne über unsern Häuptern sichtbar würden ? Sind diese Knochen Überreste ihrer Wanderungen nach der Oberfläche , oder Zeichen einer Flucht in die Tiefe ? Auf einmal rief der Alte die Andern herbey , und zeigte ihnen eine ziemlich frische Menschenspur auf dem Boden . Mehrere konnten sie nicht finden , und so glaubte der Alte , ohne fürchten zu müssen , auf Räuber zu stoßen , der Spur nachgehen zu können . Sie waren eben im Begriff dies auszuführen , als auf einmal , wie unter ihren Füßen , aus einer fernen Tiefe ein ziemlich vernehmlicher Gesang anfing . Sie erstaunten nicht wenig , doch horchten sie genau auf : Gern verweil ' ich noch im Thale Lächelnd in der tiefen Nacht , Denn der Liebe volle Schaale Wird mir täglich dargebracht . * Ihre heilgen Tropfen heben Meine Seele hoch empor , Und ich steh in diesem Leben Trunken an des Himmels Thor . * Eingewiegt in seelges Schauen Ängstigt mein Gemüth kein Schmerz . O ! die Königinn der Frauen Giebt mir ihr getreues Herz . * Bangverweinte Jahre haben Diesen schlechten Thon verklärt , Und ein Bild ihm eingegraben , Das ihm Ewigkeit gewährt . * Jene lange Zahl von Tagen Dünkt mir nur ein Augenblick ; Werd ich einst von hier getragen Schau ich dankbar noch zurück . * Alle waren auf das angenehmste überrascht , und wünschten sehnlichst den Sänger zu entdecken . Nach einigem Suchen trafen sie in einem Winkel der rechten Seitenwand , einen abwärts gesenkten Gang , in welchen die Fuß [ s ] tapfen zu führen schienen . Bald dünkte es ihnen , eine Hellung zu bemerken , die stärker wurde , je näher sie kamen . Es that sich ein neues Gewölbe von noch größerem Umfange , als die vorherigen , auf , in dessen Hintergrunde sie bey einer Lampe eine menschliche Gestalt sitzen sahen , die vor sich auf einer steinernen Platte ein großes Buch liegen hatte , in welchem sie zu lesen schien . Sie drehte sich nach ihnen zu , stand auf und ging ihnen entgegen . Es war ein Mann , dessen Alter man nicht errathen konnte . Er sah weder alt noch jung aus , keine Spuren der Zeit bemerkte man an ihm , als schlichte silberne Haare , die auf der Stirn gescheitelt waren . In seinen Augen lag eine unaussprechliche Heiterkeit , als sähe er von einem hellen Berge in einen unendlichen Frühling hinein . Er hatte Sohlen an die Füße gebunden , und schien keine andere Kleidung zu haben , als einen weiten Mantel , der um ihn hergeschlungen war , und seine edle große Gestalt noch mehr heraus hob . Über ihre unvermuthete Ankunft schien er nicht im mindesten verwundert ; wie ein Bekannter begrüßte er sie . Es war , als empfing er erwartete Gäste in seinem Wohnhause . Es ist doch schön , daß ihr mich besucht , sagte er ; Ihr seyd die ersten Freunde , die ich hier sehe , so lange ich auch schon hier wohne . Scheint es doch , als finge man an , unser großes wunderbares Haus genauer zu betrachten . Der Alte erwiederte : Wir haben nicht vermuthet , einen so freundlichen Wirth hier zu finden . Von wilden Thieren und Geistern war uns erzählt , und nun sehen wir uns auf das anmuthigste getäuscht . Wenn wir euch in eurer Andacht und in euren tiefsinnigen Betrachtungen gestört haben , so verzeiht es unserer Neugierde . - Könnte eine Betrachtung erfreulicher seyn , sagte der Unbekannte , als die froher uns zusagender Menschengesichter ? Haltet mich nicht für einen Menschenfeind , weil ihr mich in dieser Einöde trefft . Ich habe die Welt nicht geflohen , sondern ich habe nur eine Ruhestätte gesucht , wo ich ungestört meinen Betrachtungen nachhängen könnte . - Hat euch euer Entschluß nie gereut , und kommen nicht zuweilen Stunden , wo euch bange wird und euer Herz nach