einem fragenden Blick auf Ernestine . Diese gewahrte es und reichte ihm freundlich die Hand : „ Mein gutes Käthchen , kennst Du mich noch ? Ich würde Dir gern einen Kuß geben , aber Du weißt , ich brachte Dir schon einmal Unglück durch meine Berührung ! “ „ O nein , das ist nicht wahr , “ sagte Käthchen und näherte sich Ernestinen , „ ich fürchte mich gar nicht vor Ihnen . “ „ Nun , so komm her , Du süßes Kind ! “ und Ernestine zog die Kleine an sich , nahm sie auf den Schoß und sie küßten sich nach Herzenslust . Es war das ersten Mal in ihrem Leben , daß Ernestine ein Kind in den Armen hielt , und sie empfand diese reine Freude mit der ganzen Frische ihres neuerwachten Gemütes . „ Ach , Vater Leonhardt , “ sagte sie : „ Wie viele Arten von Liebe gibt es doch ! Und jede ist beglückend an sich . Ich gewann plötzlich eine ganze Menge von Wesen lieb , an denen ich früher achtlos vorübergeschritten wäre . Welch wunderbare Wandlungen sind das ? “ „ Es geht Dir wie dem Mann mit dem steinernen Herzen in Hauffs Märchen.117 Dein Oheim hatte Dir einen Stein in die Brust gesetzt und Möllner war der Schatzhauser , der Dir das eigene , warm pulsierende Herz wieder gab . “ Ernestine errötete bei diesen Worten , sie war froh , daß Leonhardt nicht sehen konnte , wie sehr . — Aber er sah es doch ! — „ Wo Möllner ist , da ist Segen , “ fuhr der Greis fort . „ So hat er auch wieder für dies Kind da wie ein Vater gesorgt . Ich weiß nicht , ob er Dir ’ s gesagt hat ? Die Gräfin Worronska sandte richtig die vierzigtausend Rubel ein , und es ist seiner unwiderstehlichen Redegabe gelungen , den Starrsinn der Eltern zu brechen und sie zu vermögen , Käthchen in einem guten Institute erziehen zu lassen . In der nächsten Woche kommt es fort von hier . “ „ Davon wußte ich nichts , “ sagte Ernestine . „ Ja , ja — er spricht nie von seinen Verdiensten , der merkwürdige Mann ! “ meinte Leonhardt . „ Und wie weise hat er Alles geordnet und eingerichtet , damit dem Kinde sein Eigentum vor unvernünftigen Eingriffen der Eltern gewahrt bleibt — er ist wahrlich ein Wohltäter aller Menschen . “ „ Ein Wohltäter aller Menschen — “ murmelte Ernestine . „ Umso weniger darf sich aber dann auch der Einzelne dessen rühmen , was er für Alle tut ohne Ansehen der Person . “ Leonhardt richtete unwillkürlich die toten Augen nach Ernestinen , als wolle er sie auf dieses Wort hin ansehen . Dann sagte er : „ Geh jetzt , mein Käthchen , geh ins Haus , das Fräulein kommt auch bald nach . “ Käthchen ging hinein . Als es in die Stube trat und Walter nicht dort fand , lief es zu ihm auf sein Studirzimmerchen . Es schmiegte sich vergnügt an ihn und sagte sehr geheimnisvoll : „ Du — das Fräulein vom Schlosse hat mich wieder geküßt ! “ „ Was Tausend ! “ lachte Walter : „ Spürst Du noch nichts ? “ „ Ach bewahre , “ rief Käthchen überlegen : „ Sie kann ja nicht hexen . “ „ Ich möcht ’ s nicht probieren , “ sprach Walter mit einem unwillkürlichen Seufzer , „ ich glaube , wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre — ich hätte den Zauber schon gefühlt ! “ „ I warum nicht gar — Du hast mir ja selbst gesagt , man dürfe nicht an so etwas glauben , “ meinte Käthchen . „ Nun , Käthi , “ scherzte der junge Mann , „ es wäre doch aus Vorsicht gut , wenn ich Dir ’ s wieder wegküßte , das kann keinenfalls schaden . Wohin hat sie Dich geküßt ? Dahin ? “ „ Ja und dahin , auf die Stirn und den Mund und auch auf die Stelle , wo mein Arm fehlt . “ — „ Nun , das wollen wir Alles wieder wegbringen ! “ rief Walter und küßte das Kind herzhaft ab . „ So nun mach , daß Du fortkommst , denn ich muß arbeiten ! “ „ Ach , Du mußt auch immer arbeiten ! “ klagte Käthchen . „ Ja , Ihr Schulkinder habt ’ s gut ! — Ihr dürft nach der Schule herumspringen und spielen , bei mir fängt dann das Lernen erst recht an ! Das könnt Ihr Euch freilich nicht denken . Nun geh , herziges Ding , und wenn das Fräulein aus dem Garten kommt , so lauf schnell und hole mich . “ „ Ja , ja , das will ich tun . Adjes , Du lieber Herr Schulmeister ! Und höre , nicht wahr , Du sagst es aber Niemanden , daß ich mich habe vom Fräulein küssen lassen — sie schelten und spotten mich sonst wieder aus . “ „ Nein , ich will ’ s verschweigen — wir klugen Leute brauchen den dummen nicht Alles auf die Nase zu binden . Aber höre , lieber als mich darfst Du das Fräulein nicht haben — sonst sag ’ ich ’ s Deiner Mutter . “ „ O nein ! Du bist mir doch der Allerliebste auf der ganzen Welt ! “ beteuerte Käthchen und warf zu mehrerer Bekräftigung die Tür recht derb hinter sich ins Schloß . Es trippelte seelenvergnügt in die Wohnstube hinunter , wo Gretchen noch allein bei Frau Leonhardt saß ; das Kind schloß eine rasche Freundschaft mit jener , die ihm nun , da es doch nicht bei seinem angebeteten Schulmeister Walter sein durfte , für den Augenblick genügte . Frau Brigitte hatte in gewohnter Weise die Unterhaltung durch Beschäftigung der Kauwerkzeuge ihrer Gäste zu erhöhen gesucht . Sie hatte ein