Doch warum , wozu ? Diese Sorte wird ja doch ewig die Litteratur als ein Leihamt oder ein Hospital betrachten , jeder tief davon durchdrungen , daß er leben und gedeihen müsse , natürlich auf Kosten der Fleißigen und Talentvollen . » Ich sehe nicht die Nothwendigkeit ein , « dachte Leonhart , wenn er den bekannten Appell an das gute Herz des » Collegen « über sich ergehen ließ . Der Gedanke , daß das Gedeihen eines Genies für die Welt hundertmal wichtiger , als das von zehntausend Dutzendschmierern , konnte diesen Durchschnittsgehirnen ja ohnehin nie dämmern . Und daß es nur eine Todsünde der Inhumanität gebe , nämlich Niederduckung des Bedeutenden und Aufblähung des Mittelmäßigen , schien ihnen noch schleierhafter . Die allgemeine Verdummung und seichte Verkommenheit machte nicht nur das Aufkommen , sondern sogar das bloße ahnende Erkennen eines großen Dichters unmöglich . Hier gab es lauter große Dichter ! Jeder grüne Junge , der mal ein Buch verbrochen , sandte es : » Seinem Genossen Leonhart in collegialischer Kameradschaft . « Jeder , der etwas leidlich Tüchtiges leistete und das Wohlwollen des großen Dichters ausnutzte , fühlte sich in Vorreden eins mit ihm oder zählte ihn mit zehn andern bunt zusammengewürfelten » Namen « in einem Athem als gleichberechtigten » Mitstreiter « auf . Hält doch das Hündchen sich stets selbst für den Löwen , wenn der gutmüthige Leu mit ihm spazieren geht ! War doch das litterarische Leben zu allen Zeiten eine Verschwörung der Talentlosen gegen die Talente , der Talente gegen die Genies ! Schwer fällt es der Mitwelt , mit sehenden Augen zu sehen . Und die sittlichen Begriffe stumpften sich so ab , daß man die Unsterblichkeits-Assekuranzen als den Normalzustand hinnimmt . Auch unterscheidet sich ja die Presse erheblich von der Straßen-Prostitution : Letztere ist für Geld feil , erstere aus - Passion . So wurde denn die Muse zur Milchmagd , zur schwatzhaften Gevatterin , zum kichernden Backfisch , zur faselndeln Großmutter . Die bramarbasirenden » Idealisten « und die angeblichen » Realisten « ersticken mit ihrem Tamtam die Stimme der Dichterdenker mehr und mehr . Sahnenpoesey , aufgewärmter Mumienkohl , Schweinekarbonaden mit sentimentaler Zwiebel und Berliner Paprika genügt - gegen solche Tafelgenüsse vermögen Nektar und Ambrosia nicht aufzukommen . Ueberall Verwirrung der Begriffe . Die Sonnen sind erloschen , kein Mond zieht feierlich am Himmel herauf . Rings lastet tiefe Nacht , nur durchleuchtet von zuckenden Blitzen . - - Leonhart fuhr aus seinem Vor-sich-hin-brüten auf ; er hatte stier in sein Glas geblickt , während der Wortschwall schleusenlos um ihn her brauste . » Sie wollen schon gehn , Herr Kollege ? « Als Leonhart gegangen , wurde über ihn das Verdikt gefällt , er sei eine nervös überreizte Natur , aber ein sehr anständiger Mensch . Nur leide er an allzu tollem Größenwahn . Doch bemerkte ein Wohlwollender : » Wer litte heut nicht daran ! « und man ging zur Tagesordnung über . Daß ein gewisser Unterschied zwischen dem » Größenwahn « verkannter Größe und der hohlen Selbstaufblasung hohler Nichtse bestehe , diese Idee schien Keinem beizufallen . Denn kein Wörtchen wird ja heut lieber mißbraucht , als das ominöse » Größenwahn « . Zerlegt man das Wort in seine Bestandtheile , um sich über den Begriff klar zu werden , so ergiebt sich » Wahn « einer » Größe « , die nicht existrt . Wo also wirkliche Größe hervorleuchtet , bleibt der Wahn ausgeschlossen . Heut aber in unsrer nivellierenden Trivialität würden wir Christus ebensogut wie Shakespeare und Michel Angelo des Größenwahns bezüchtigen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Genie hat nie etwas davon gewußt , daß das » Genie immer bescheiden « sei . Diese bequeme Doktrin hat sich das Philisterium erfunden , um sich der Heroenverehrung entschlagen zu dürfen . Denn dieser Einbildung liegt nur das Prinzip zu Grunde , daß Rentier Schulze ein ebenso wichtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft sei , wie das unbequeme und nirgends nach Schablone einzuschachtelnde Genie . Wäre freilich das Genie » bescheiden « , so würde Schulze es völlig übersehen ; sobald es aber hochmüthig auftritt , ruft man ihm zu : » Sie sind kein Genie , weil Sie nicht bescheiden sind - so bescheiden , wie Bonaparte , Byron , Goethe , Schiller , Jean Paul , Kleist , Racine , Victor Hugo , Richard Wagner und all die anderen bescheidenen Größen . « Ein meisterhaftes Manöver , das nach beiden Seiten hin deckt . - So kraß und nackt ausgedrückt , scheint vielleicht Karikatur , was doch nur buchstäbliche Wahrheit ist . Es wirkt unbeschreiblich komisch , die sittliche Entrüstung und Abneigung zu verfolgen , mit welcher Jedermanns Eitelkeit kollert , sobald Jemand sich für etwas Besonderes hält . Die Ochsen , die ein rother Lappen blendet , stoßen mit heißhungrigem Grimm ins Blaue . Von einem gewissen Shakespeare hieß es grollend , er halte sich für den einzigen » Shakescene « ( » Bühnenerschütterer « ) ; er sei ein strebernder Hausdampf in allen Gassen ( » Johannes Faktotum « ) ; ein Eklektiker , der jeden Stil nachahme , sogar ein Plagiator . Wenn man ihn mit Meister Ben Jonson vergleiche , da sehe man , wie dilettantisch und verfehlt seine Versuche seien , so größenwahnsinnig er auch sein Froschtalent aufblase . Also quakten aus ihrem Sumpfe die Greenes , Kyds , Dekkers , Haywoods und all die andern Gebrüder . Shakespeare aber , so bescheiden wie das Genie nun einmal ist , schrieb in sein Sonett-Tagebuch : » Nicht Marmor noch der Könige vergüldete Denkmäler werden überleben mein machtvolles Lied , das da währen wird bis zum jüngsten Gericht , bewundert von noch ungeborenen Geschlechtern . « Wie kann man gegen das Selbstgefühl des Verdienstes etwas einwenden , wenn man die Großmannssucht all der hohler Impotenzen damit