sondern beides mit gleichem Eifer betreibt , das Wesentliche aber seiner gewichtigeren Natur nach unter diesem Eifer leicht zu Boden fällt , so bleibt ihr meistens die Spreu des Unwesentlichen zwischen den Fingern , welche sie hastig hin und her wendet , besieht und an die Nase hält . Weil sie das Wesentliche immer entschlüpfen läßt , so hält sie es für schwieriger und höchst geheimnisvoll , zunftmäßig und exklusiv , streitet sich darüber mit den Manieren und Eigenschaften des Unwesentlichen , mit dem sie es gewöhnlich zu tun hat , oder behandelt dieses mit dem Gewichte des Wesentlichen , welches ihr längst unter den Händen verschwunden ist . In der Tat ist aber beides gleich leicht und gleich schwer zu lernen , das Wesentliche und das Unwesentliche , wenn es nur zur rechten Stunde geschieht , und die Verkennung dieser Tatsache , welche mit dem ganzen Gesetz der Natur innig verbunden und vereint ist , bringt den Lärm und Ruf der falschen Gelehrsamkeit hervor , welche die Welt erfüllt , verwirrt und verdunkelt , statt sie zu erhellen . Die zweite Klasse der Lernenden besteht aus denjenigen , welche nichts lernen , ohne daß der innere Antrieb und die Einsicht des vernünftigen Zweckes mit dem äußern Anlasse zusammenfällt , welche absolut nichts verstehen , was nicht vernünftig und wesentlich für sie ist , denen alle Mittel furchtbare Rätsel sind , solange sie nicht das Gesetz einsehen , das sie bewegt , und den Zweck , um dessentwillen sie da sind . Vor allem Unwesentlichen stehen diese wie Dummköpfe und begreifen das Treiben der Welt nicht , und sie verharren in ihrer Demut und halten das auch wohl für etwas , was sie eben nicht verstehen ; gewohnt , selbst nur das Wesentliche und Lebendige zu begreifen und zu verstehen , setzen sie dies auch von allen anderen voraus , welche vorgeben , etwas zu verstehen . Aus diesem letztern Umstande , wenn sie endlich doch einen Zipfel erhaschen , sich Luft verschaffen und mit der ersten Klasse zusammenstoßen , entstehen alsdann neue sonderbare Mißverständnisse und Verwirrungen , indem die Leute des Wesentlichen den Leuten des Unwesentlichen das , worauf es ankommt , entgegenhalten , was diese nicht verstehen ; diese aber das , worauf es nicht ankommt , hervorkehren , was jene hinwieder nicht begreifen . Beide Abteilungen verfallen aber einer sehr tragischen Schuld die eine , weil sie sich immer mit Dingen abgibt , auf welche es unter den gegebenen Umständen niemals ankommt , läßt sich eine mutwillige und unnütze Tätigkeit zuschulden kommen ; die andere , weil in der allgemeinen Verwirrung ihr leicht alles eitel und wertlos erscheint , hat eine Neigung , es dem Zufall zu überlassen , ob er ihr Anknüpfungspunkte zum Erfassen und Durcharbeiten zuführen wolle , und einen bedenklichen Hang zur Trägheit , anstatt die Dinge zu schütteln und das Wesentliche aus freiem Entschlusse an die Oberfläche und an sich heranzuziehen . Jene leben daher in munterer Begehungssünde , diese leiden an Unterlassungssünden . Heinrich fühlte plötzlich , daß er , was wenigstens das Unterlassen betrifft , bis anher zu der letzteren Sündenschar gehört habe , als der Professor die Nervenlehre mit einigen Bemerkungen über den sogenannten freien Willen abschloß . Denn obgleich er schon hundertmal diesen Ausdruck gehört und gelesen , auch genügsam wilde Philosophie und Theologie , wie sie in seinem Garten wuchs , getrieben hatte , so war es ihm doch noch nie eingefallen , darüber nachzudenken , oder hielt höchstens den » freien Willen « für eine Art müßigen Lückenbüßers für zusammengesetzte Dinge , woran er nicht ganz unrecht tat , nur daß er dazu nicht reif und befähigt war , ehe er die fragliche Sache näher kannte und verstand . Es gibt eine Redensart , daß man nicht nur niederreißen , sondern auch aufzubauen wissen müsse , welche von gemütlichen und oberflächlichen Leuten allerwege angebracht wird , wo ihnen eine sichtende Tätigkeit oder Disziplin unbequem in den Weg tritt . Diese Redensart ist da am Platze , wo man abspricht oder negiert , was man nicht durchlebt und durchdacht hat , sonst aber ist sie überall ein Unsinn ; denn man reißt nicht immer nieder , um wieder aufzubauen ; im Gegenteil , man reißt recht mit Fleiß nieder , um einen freien Raum für das Licht und die frische Luft der Welt zu gewinnen , welche von selbst überall da Platz nehmen , wo ein sperrender Gegenstand weggenommen ist . Wenn man den Dingen ins Gesicht sieht und sie mit Aufrichtigkeit gegen sich selbst behandelt , so ist nichts negativ , sondern alles ist positiv , um diesen Pfefferkuchenausdruck zu gebrauchen , und die wahre Philosophie kennt keinen andern Nihilismus als die Sünde wider den Geist , d.h. das Beharren im selbstgefühlten Unsinn zu einem eigennützigen oder eitlen Zwecke . Was aber Heinrich besonders zu seinen Gedanken über den freien Willen antrieb , das war die auffallende Energie , welche in den kurzen Bemerkungen des Lehrers lag , gegen dessen sonstige Gewohnheit in solchen heiklen Punkten . Denn es war das Steckenpferd des sonst durchaus unbefangenen und duldsamen Mannes , die Lehre vom freien Willen des Menschen überall anzugreifen und abzutun , wo und wie er ihr nur beikommen konnte , und er ließ sich desnahen sogar in seinen Vorlesungen an dieser Stelle jedesmal zu einer kurzen , aber sehr kräftigen Demonstration gegen das Dasein der moralischen Kraft , die man freien Willen nennt , hinreißen in einem auf die Spitze getriebenen materialistischen Sinne . Diese Absonderlichkeit war nun zwar durchaus keine negative nihilistische Manie , sondern sie ruhte auf der » positiven « Grundlage einer durchgeführten Nachsicht und Geduldsamkeit für die Irrtümer , Schwächen und trübselig tierischen Handlungen der schlechtbestellten Menschenkinder ; aber nichtsdestominder hatte sie ihren Grund in der unglücklichen Neigung vieler , selbst ausgezeichneter Naturalisten , auch an ungehöriger Stelle die Materie auf abstoßende und ganz überflüssige Weise zu betonen . Wenn man aus einem grünen Tannenbaum drei Dinge macht eine Wiege , einen