heute erlaube mir allein zu bleiben . Der Graf , der die Freiheit seiner Gäste nicht zu beschränken wünschte , fügte sich in den Willen seines Freundes , und als er diesen nach einiger Zeit verließ und in den Saal zurückkehrte , fand er die Gesellschaft dort versammelt und den fremden Krieger durch den kurzen Schlaf gestärkt , von den Frauen umringt , die alle verlangten , er solle von Evremont erzählen , und ihn deßhalb mit tausend Fragen bestürmten . Der junge Mann wußte eigentlich nichts weiter zu sagen , als daß er als Courier nach Petersburg gesendet worden , und da ihm die Zeit bestimmt sei , in welcher er wieder bei seinem General eintreffen müsse , und man ihn in Petersburg sehr schnell wieder abgefertigt , so habe er durch angestrengte Eile es so einrichten können , daß ihm Zeit geblieben sei , einen kurzen Besuch auf zwei Tage bei seinen Eltern zu machen , deren Güter in unbedeutender Entfernung von der Straße lägen , die er habe verfolgen müssen . Hier habe er Evremont als Hausgenossen gefunden , indem ihn sein Vater als Kriegsgefangenen bei sich aufgenommen habe . Den Abend vor seiner Abreise habe ihn der liebenswürdige , von der ganzen Familie geliebte junge Mann dringend gebeten , ein Paket an den Grafen Hohenthal zu besorgen , und da er sich überzeugt habe , daß sein Weg ihn nahe bei dessen Schlosse vorbeiführen müsse , so habe er sich entschlossen , das Paket , an dessen Beförderung dem Hausgenossen seiner Eltern so viel zu liegen schien , selbst zu besorgen , obgleich ihm dieser nicht gesagt , daß er der Sohn des Hauses sei . Die Frauen waren über diese Zurückhaltung Evremonts sehr erstaunt . Den Grafen , der das an ihn gerichtete Schreiben flüchtig durchgesehen hatte , schien sie weniger zu befremden ; er sagte nur lächelnd : Die Umstände , unter welchen mein Sohn das Haus Ihres würdigen Vaters betrat , würden vielleicht Zweifel an seiner Wahrheitsliebe erregt haben , wenn er sich Obrist und den Sohn eines Grafen hätte nennen wollen . Ich habe sein Schreiben noch nicht ganz gelesen , aber ich glaube nach dem , was ich schon daraus ersehen habe , daß wir nie im Stande sein werden , die ganze Schuld der Dankbarkeit gegen Ihre Familie abzutragen . Der junge Mann schwieg etwas verwirrt ; er mochte es nicht sagen , daß ihm während des kurzen Aufenthalts im Hause seiner Eltern Evremonts Dasein völlig unbedeutend vorgekommen war , daß er kaum ein Wort mit ihm gewechselt habe und nur beim Abschiede erst aufmerksam auf ihn geworden sei , als dieser ihn so dringend gebeten , ein großes Paket Briefe an einen deutschen Grafen zu besorgen , und daß Neugierde mehr als Theilnahme ihn bestimmt habe , selbst der Ueberbringer zu sein , indem er zu erfahren gehofft habe , in welchem Zusammenhange Evremont mit diesem Grafen stehe , ohne daß er irgend erwartet habe , ihn als Sohn des Gräflichen Hauses bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen . Der Tag verschwand , den man dem Gaste so angenehm als möglich zu machen strebte , und am folgenden Morgen führten ihn des Grafen schnellste Pferde seiner Bestimmung entgegen . Der General , der den Fremden hatte abreisen sehen , erschien nun sogleich und erinnerte den Grafen an sein gestriges Versprechen , ihm alles über Evremont mitzutheilen , was die Theilnahme des Freundes erregen könne . Der Graf , der die Blätter schon durchgesehen hatte , war bereit sie vorzulesen , da sie Evremont , wie er oft that , in französischer Sprache geschrieben hatte . Evremont beschrieb seinen Eltern den Einzug der Franzosen in Moskau , wie sie in ihren Erwartungen sich getäuscht gesehen hätten , als sie die beinah gänzlich von den Einwohnern verlassene Stadt betraten , den furchtbaren Brand und den noch furchtbarern Rückzug . Mein Regiment , fuhr er in seinem Berichte fort , war gänzlich auseinander gesprengt und vernichtet , ehe wir die Beresina erreichten . Der Mangel , die Kälte rafften Tausende hin , und die Ueberlebenden dachten nur daran weiter rückwärts zu kommen , ohne mehr dem Befehle ihrer Officiere zu gehorchen . Der alte Bertrand , der Schwager des jungen Lorenz , hatte sich treu mit einem kleinen Haufen an mich angeschlossen ; er glaubte mir Dank schuldig zu sein für manche kleine Dienste , die ich ihm geleistet , um mein hartes Verfahren gegen seine Gattin in Spanien wieder gut zu machen . Diese , die uns als Marketenderin folgte , gewährte mir nun viele Erleichterung durch die wenn auch geringen Vorräthe , die sie für ihren Mann und ihr Kind zu bergen gewußt hatte , und die die Familie bereitwillig mit mir theilte . Aber auch diese kleine Milderung der Beschwerden sollte bald für mich aufhören . Wir wurden eines Abends in der Dunkelheit von Kosacken überfallen und da wir , vor Kälte erstarrt , nicht fechten konnten , so suchte Jeder den Feinden , wie er vermochte , zu entkommen . Ich irrte die Nacht auf einer unermeßlichen Ebene umher ; ein scharfer Wind hob den Schnee vom Boden auf und wirbelte ihn in der Luft umher , vom Himmel senkten sich gleiche Massen nieder , die sich mit den vom Boden emporgewirbelten vereinigten . Bei jedem mühsamen Schritt sanken die Füße bis an die Kniee in den Schnee , der den Boden Ellenhoch bedeckte , so daß es schien , als ob alle Lebendigen von der Erde verschwunden und ich einsam den furchtbar aufgeregten Elementen Preis gegeben sei , denn der Wind wurde immer kälter und schneidender , und die dünne Uniform konnte mich gegen dieß Ungemach nicht schützen . Alle meine Besitzthümer wie meine Dienerschaft waren zerstreut , verloren , und ich hatte vor wenigen Tagen auf einer eiligen Flucht vor den Feinden selbst den Mantel zurücklassen müssen , den ich in einer rauchenden Hütte abgelegt hatte , die mir ein augenblickliches Obdach gewährte , um ihn