denn das Neue immer dem Gewohnten vorgezogen wird , so waren die Spielgäste , junge Brauseköpfe aus reichen Bürgergeschlechtern , mit dem Willen des Fremden einverstanden , und zwangen den Spielwirth , die ausländischen Würfel auflegen zu lassen . - Und also ging dann das Rumoren und Geklapper los , und der Italiäner gewann und gewann , und sein Beutel wurde immer straffer , während die Geldtaschen der Mitspieler sich leerten bis auf den Grund . Aber nicht minder die Geduld der Verlierenden versiegte , und da des Fremdlings Gewinn immer mehr und mehr anschwoll , so ergriff einer von den heftigsten Spielern im Zorn die Würfel , die ihm so eben die letzten Goldkronen gekostet hatten , und warf sie mit dem Rufe : » Ei so sey doch Du verdammt , sammt Deinem Spielzeuge , vermaledeiter Schelm ! « dergestalt auf den Boden , daß einer derselben zersprang , und es sich ergab , daß er mit Blei gefüttert gewesen , und immer die Sechsen , wenn die geschickte Hand des Wälschen die Knochen regierte , oben liegen mußten . Darob ergrimmten denn die Herren sammt und sonders , und derselbe , der zur Entdeckung Anlaß gegeben , nahm sich auch des Rächeramts an , und ging dem Gauner mit dem Degen zu Leibe . Allein derselbe war ein Raufhahn nebenbei , und wehrte sich mit dem langen wälschen Rappiere dermaßen , daß , obgleich die Andern dazwischen sprangen , und der Wirth nach Hülfe lief , der Angreifer durchbohrt auf dem Estrich lag , ehe noch die Klingen dreimal gekreuzt worden waren . Der Schreck , den der Fall des Fechters einflößte , half dem Spitzbuben zur Flucht , und die herbeikommende Nachtwache fand weder Mörder , noch Zeugen mehr im Hause , sondern einzig und allein den todten Mann , den man für des Oberstrichters Sohn , einen leidenschaftlichen , ausschweifenden Menschen , erkannte . Sprach nun gleich die ganze Stadt , es sey an dem Wüstling gar nicht viel verloren , so redete das Vaterherz doch anders , und der Oberstrichter , der von vielen Kindern diesen Einzigen groß gezogen hatte , überließ sich der stummen Verzweiflung , da ihm die abgerissne letzte Blüthe seines Stammes heimgetragen wurde . Die Morgenröthe fand ihn neben dem starren Sohne sitzend , und dessen Hand in der seinigen haltend , und brütend über dem Verhängniß . Da nun die Sonne heraufstieg , und das Trauerhaus eben so gut mit Gold bekleidete , wie das Haus der Freude , - da nun der gebeugte Vater sich erinnerte , daß sein Schmerz , obgleich der eines Gewaltigen , im weiten Kreise der Welt nur ein schwacher Punkt sey , unbeachtet von Allen denen , welchen des Mörders Klinge nicht gleich ihm in ' s Innerste des Herzens gedrungen war , da legte sich die Verzweiflung zur Ruhe , und ein milder Schmerz trat an dessen Stelle ; nicht der nach Rache dürstende Jammer , sondern der versöhnliche weinende Gram . Zitternd blickte der alte Mann in sein Leben zurück , und suchte nach einer Wurzel dieses Verderbens , das sein ganzes Geschlecht dahingerafft , denn der Mensch greift zum Aberglauben , um den leitenden Faden zu finden , den ihm sein unbewaffnetes Auge nicht zeigt im Leben . Er gedachte seines strengen Amts , der vielen Schuldigen , die seine Thürme verschlungen hatten ; ... der wenigen Unschuldigen , die wieder daraus hervorgegangen waren . Er gedachte jener Vielen , die noch unter der Hand des Henkers ihre Unschuld betheuert hatten , und quälende Zweifel , ob er auch immer recht gerichtet , stiegen in ihm auf . Plötzlich erinnerte er sich der Juden , die , allen Zeugnissen zu Folge , schuldlos und unverdient , - höchstens nur einer leichten Büßung würdig , im Kerker schmachteten , und an diese Gestalten des Elends reihte sich eine andre , aus ferner Vergangenheit , ... die blinde Mutter , die des Oberstrichters Vater in die Flammen geworfen hatte , und bis an seinen Tod nicht wegbringen konnte von seinem Kopfkissen , wie er oft dem Sohne mit bitterlicher Reue geklagt . - » Wer weiß , « seufzte der betrübte Richter , .. » wer weiß , ob nicht von jener unbesonnen gräulichen That das Unheil ausgebrütet wurde , das mich und die Meinen schon betraf ? Wer weiß , welch gräßliches Verhängniß meiner noch im schwachen Alter wartet , wenn ich nicht vergüte , was in meiner Macht steht ? « - Diesen trübsinnigen Gedanken nachhängend , kämpfte der Oberstrichter lange mit dem wilden Vorurtheile ; riß sich alsdann männlich empor , und begab sich mit einer Hast , als möchte es im nächsten Augenblicke schon zu spät seyn , zum Thurme , in welchem Ben David und sein Vater schmachteten . Der Wächter zog achselzuckend ein langes Gesicht , da der ehrsame Herr nach dem alten Jochai fragte . » Mit ihm wird ' s wohl am längsten gedauert haben , « brummte der rohe Mensch : » seit gestern Abend hat ' s ihn angefallen , wie ein tödtlich Gebreste , und mein Schwager , der Scherer am Liebfrauenberge , der den Alten gesehen , meint , es gehe mit der Judenseele zu Ende . « - Der Oberstrichter entsetzte sich , ohne jedoch ein Wort des Mitleids vor den Ohren des Kerkermeisters zu wagen . » Hat man denn dem alten Manne keine Hülfe gereicht ? « fragte er schier gleichgültig . - » I wozu , ehrbarer Herr ? « fragte der Wächter entgegen : » Das Gesindel bedarf keiner Arznei . Der Teufel hilft seinen Jungen ohnehin , wenn sie nicht sterben sollen , und er holt sie auch in seinen Pfuhl , wenn ' s an der Zeit ist . Dann hilft kein Sträuben , und der alte Schelm von hundert Jahren fährt auch gerade zu in die Flammen ; so hat der hochwürdige Pater Reinhold gesagt , der erst vor Kurzem hinwegging .