Ich verlasse mich auf Dich ! — In diesen Tagen fährt Johannes mit seiner Mutter in die Stadt , um für uns ein Zimmer in ihrem Hause zu rüsten . Wenn sie Abends zurückkommen , dürfen sie uns nicht mehr finden . “ „ Mein Gott ! “ sagte Gretchen , „ mir ist , als verübte ich einen Verrat an den guten Leuten . Ich habe noch nie im Leben Jemanden hintergangen und komme mir vor wie eine Verbrecherin . “ „ Gretchen , sie sollen nicht betrogen werden , nur einen Abschied will ich ihnen und mir ersparen , der uns Allen peinlich wäre — der Notwendigkeit will ich sie überheben , mich an dem zu verhindern , was sie selbst vielleicht doch in ihrem Innern als das Beste erkennen ! Sind wir erst fort , dann wird ’ s mir wohl gelingen , meine Handlungsweise schriftlich vor ihnen zu rechtfertigen und sie werden mich verstehen ! “ „ Ach , Ernestine , ich will recht beten , daß Gott Dir mehr Liebe und weniger Stolz verleihe ! Ich habe nur die eine Hoffnung , daß Dich ’ s bald reut und daß Du es doch nicht lange ohne den braven Mann aushältst , der Dich so sehr liebt und verdient ! “ Ernestine sah schweigend aus dem Wagenfenster . Die Felder lagen kahl und öde vor ihr , aber die Spinngewebe , welche wie Netze die Stoppeln überzogen , glitzerten silbern in der Sonne . Hier und dort verbrannten die Bauern Kartoffelkraut auf den Äckern und die rote Flamme schlug lustig prasselnd durch den weißen Rauch , der von dem frischen Herbstwind niedergehalten am Boden dahinwallte . Auf den gemähten Matten hielten die Herden Nachlese und hoben die Köpfe , um dem vorübereilenden Wagen nachzuglotzen oder sich an einem kahlen Baumknorren die Hälse zu reiben und die Hörner zu wetzen . In weiter Ferne watete ein Jäger durch die fußhohen Schollen und vor ihm her zog bedächtig wedelnd sein Hund , ratlos im Zickzack suchend , bis ein Volk Hühner aufstand und der verhängnisvolle Schuß krachte . Eine schwere Weinfuhre kam mit melodischem Geläut des Weges , der Knecht hatte noch ein paar dürre Astern am Hut und knallte grüßend mit der Peitsche , als er in Gretchens frisches Gesicht sah . Der Spitz auf den Fässern kläffte wütend herunter und die vier schweißbedeckten Rosse zogen stampfend und keuchend ihre Last vorbei . „ Überall wird eingeheimst für den Winter , “ sagte Gretchen . „ Was das Bißchen Essen und Trinken für Arbeit kostet ! “ Der Wagen bog in das Dorf ein und Ernestine rief dem Kutscher zu , er solle an das Schulhaus fahren . „ Ich muß Leonhardt noch einmal sehen ! “ sagte sie . Schnell war das alte kleine Haus erreicht und eines der niederen Fenster öffnete sich ; die Schulmeisterin sah heraus , wer denn da angefahren käme ? „ Guten Tag , liebe Frau Leonhardt ! “ rief Ernestine aus dem Wagen . „ Ach , Du meine Güte , “ schrie sie laut auf . „ Trau ich doch meinen Augen kaum ! “ Und sie tummelte sich , so schnell sie konnte , Ernestinen entgegen . „ Nein die Ehre , die Freude , das gnädige Fräulein , wieder ganz wohl , ganz gesund und das andere Fräulein — die beiden lieben Damen ! Bitte , bitte , treten Sie ein — ich will gleich den Vater holen — er ist eben mit Käthchen im Garten . Aber Walter ist im Hause . Ach , der ist so glücklich mit den Sachen , die ihm das liebe Fräulein geschickt . Er studiert Tag und Nacht . Wollen Sie nur einstweilen hineinspazieren ! “ So sprach die alte Frau unaufhörlich in ihrer frohen Aufregung und versperrte mit ihren Bücklingen den Eintritt , zu dem sie Ernestinen so dringend nötigte . „ Ich weiß nicht , “ sagte Ernestine , „ ich möchte wohl Vater Leonhardt im Garten aufsuchen . “ „ Wie Sie wollen , wie Sie befehlen ! Sehen Sie dort um die Ecke , da sitzt er und sonnt sich . “ „ Geh einstweilen ins Haus , Gretchen , “ bat Ernestine , „ ich komme gleich nach . “ Und sie ging , so rasch es ihre Kräfte erlaubten , um das Haus und nahte sich dem Greis , der das Kind eine Aufgabe hersagen ließ . Käthchen wollte ihr entgegenlaufen . Sie winkte ihm freundlich zu schweigen und kniete bei Leonhardt nieder . „ Wer ist das ? “ fragte Leonhardt . Ernestine antwortete nicht , sie drückte einen Kuß auf seine Hand . Er lächelte in froher Erwartung . „ O — es kann Niemand anders sein — das ist meine Tochter Ernestine ? “ „ Ja , Vater , Du hast ’ s erraten , “ sagte Ernestine . „ Mein erster Gang ist zu Dir . Es ist trotz meiner Auferstehung dunkel in mir , bei Dir will ich mir Licht holen . “ „ Du Licht holen bei mir , dem Du alles Licht bringst ? Nun wohl , ich weiß , wie Du ’ s meinst und gebe Dir , was ich habe . Gott hat an mir durch Dich so viele Wunder getan — er fügt auch noch das hinzu , daß ich schlichter , alter Dorfschulmeister Dir etwas sein kann , Du hohes , auserwähltes Menschenbild ! So sprich , Ernestine , warum will es noch immer nicht recht tagen in Deiner Seele , während doch in Dein Leben die Sonne so hell hereinstrahlt ? “ „ Schick das Kind weg , Vater ! “ bat Ernestine leise . „ Geh , liebes Käthchen , “ sagte Leonhardt . „ Zu Walter ? “ fragte die Kleine vergnügt . „ Ja , wenn er nicht arbeitet — Du mußt eben einmal zusehen , ob er Dich brauchen kann . “ Käthchen stand noch und zögerte mit