Nation schimpfte , welche jedes wahren Idealismus und jedes Kunstgefühls entbehre , da erhob sich Wurmb in seiner Würde als deutscher Mann und donnerte ihn gehörig nieder . Der Dichter müsse darben und entsagen , nicht durch schnöden Botenlohn seine erhabene Bestimmung entweihen . Schiller - ja , Schiller ! Eben deswegen ! Seht ihr , sogar Schiller hat so viel gelitten . Also dann könnt ihr Kleinen doch erst recht leiden ! So saugt der Philister aus allem nur das Gift . » Jaja , Federigo , Dir fehlt eben die lieblichste Tugend : die Lebensklugheit . Du machst Dir tausend Feinde . « Holbach klopfte ihn herablassend mit seiner breiten Bärentatze auf den Rücken . Der Unkluge zuckte die Achseln : » Jeder folgt instinktiv seiner Naturanlage und so bin ich vielleicht schlauer , als ich selbst denke . Ein Andrer würde sich mit meinem Vorgehen ruiniren . Ich hingegen kann es nur so zwingen . « » Du wirst Dich noch ändern , Dir die Kanten abschleifen ! « meinte Holbach wohlwollend . Leonhart lachte auf . » Aendern ! Der Mensch ändert sich nie , die in ihm schlummernde Vererbung entwickelt sich logisch fort und die Umstände beeinträchtigen sie nicht . Bedenkt man alle Dummheiten seines Lebens , selbst die tollsten , so erkenne Jeder , daß er unter gleichen Umständen just ebenso handeln würde . Nichts lächerlicher als die Phrase : Wie der Mensch sich geändert hat ! Eil : Hitzkopf bleibt ein Hitzkopf , ein kalter Weltmensch bleibt ewig derselbe , alles Andere ist äußere verbrämende Maske . « » Jajaja , « Holbach zog mißmuthig den Mund schief . » Aber ich rathe Dir doch , endlich die Krallen einzuziehn und das Schimpfen einzustellen . « » Da hast Du allerdings Recht . Schimpfen ist nur Verschwendung . Seine wahre Verachtung kann man der Welt nur bezeugen , wenn man sie mit denselben Mitteln schlägt . « Hier unterbrach ihn großes Hallo , indem eine ganze Horde verdächtig aussehender Individuen sich in die Bierstube ergoß und die vierblättrige Tafelrunde mit einiger Zudringlichkeit begrüßte . Lauter Vertreter der öffentlichen Meinung , sogenannte Preßbengel , welche soeben die Weltdichtung » Germania , Ballet in 15 Tableaus « mit aus der Taufe gehoben hatten . Der Therpsichore-Dichter , nach glücklich überstandener Première mit dem Schweiße des Edlen und obligatem Lorbeer gekrönt , befand sich in aller Munde und in aller Mitte . Man setzte ihn an die Spitze der Tafel neben Holbach nieder und hieß die beiden berühmtesten Reklamedichter sich gegenseitig die Hände schütteln . Da die Stunde schon vorgerückt , warf man des Tages Sorgen völlig ab und widmete sich , jedes litterarische Gespräch als Fach-Simpelei verpönend , nunmehr völlig dem innigsten Klatsch . Alle fingen vice versa an , sich zu entschuldigen wegen allerlei kleinen Schmutzereien , nach dem Grundsatz : Qui s ' excuse , s ' accuse . Wer , ohne daß man ihn darum fragt , plötzlich sich zu vertheidigen anfängt , wird sicher von einem Gewissensbiß gequält . Der Eine , ein vereidigter Syndikus aller Preßaffairen , erzählte allerlei Prozeßchikanen ohne Pointe . Ein Andrer , ein wichtigthuender Affe , stocherte mit seinen ungewaschenen Fingern in den Affairen anständiger Leute herum und fabelte schwungvoll . Dann lobte man sich gegenseitig unverschämt ins Gesicht . Leonhart lächelte verschmitzt . Der Eine von den Herren , ein hochgemuther Vorfechter der Schriftstellerrechte , hatte einem armen Blaustrumpf in aller Stille ihre Sparpfennige durch Eheversprechen abgeschwindelt . Der Andre , ein fetter Lustspielfabrikant , hatte eine Kellnerin geheirathet , um 4000 Mark zurückzubekommen , die sie ihm nach und nach abgeknapst und dann auf Zinsen gelegt hatte . Die Gerissensten fallen immer mit solchen Weibern am leichtesten herein . Ein andrer wohlklingender Autor aus Oesterreich , Namens » Edler von Ferchwan « , hatte die Tochter einer Souffleuse geheirathet , um sich durchzumästen , da er als Mitglied eines sogenannten » Schmieren « -Theaters verhungerte . Die arme junge Frau war aber sehr schwächlich . Es wurde also contraktlich festgesetzt , wie oft er seine Eherechte üben dürfe , wofür er dann Wohnung und Atzung frei erhielt : im Uebrigen führte Schwiegermutter die Kasse . - Es ist doch immer hübsch , wenn man solche Personalia aus der Vergangenheit eines Mannes zu klatschen weiß , der jetzt als erfolgreicher Possendichter im Golde watet . Ja , der hatte kein Pech an den Fingern ! Leonhart hörte schweigend zu und machte seine physiognomischen Studien . Jedem stand als Lebensdevise aufgebrannt : Die Zunge zum Lecken ' raus nach oben und den Stiefelabsatz drauf nach unten ; so , mein Sohn , wird Dir ' s wohlgehn und wirst Du lange leben auf Erden . Zur Feder griffen diese Leute , wie ein Schuster zum Pfriemen . Sie kannten keine andern Dichterschmerzen als die ums » tägliche Brot « . Die Kunst vom Standpunkt der Wohnungsmiethe aus ! Was kann man auch von einer solchen Geschäftslitteratur anders erwarten ! Unter all den Klatschweibern und Spekulanten des » Marktes « , für welche die Litteratur nur die melkende Kuh bedeutet , fühlte sich Leonhart manchmal wie ein Mensch unter Larven und Mollusken , wie ein Fremdling aus andern Welten . Er dachte , was wohl wirkliche Künstler fühlen möchten , wenn sie diese Geldschmerzen der Ritter vom Geiste mit den ihren vergleichen . Z.B. der Bildhauer , der das Modell einer großen Gruppe zerschlagen muß , falls es unbestellt bleibt - weil in seinem Atelier kein Raum mehr dafür bleibt und der Thon zerbröckelt . Welches Gefühl , wenn er auf eigene Faust das Kind seines Geistes und seiner Arbeit , großgesäugt in kummervollen Tagen und Nächten , zerschlagen muß ! Und der Dichter , der seine Manuskripte verbrennt , weil er keinen Verleger für so Hohes findet ! Ach , wie gerne hätte er wie Karl Moor fürchterlich Musterung gehalten unter dieser Bande , auf daß da Heulen und Zähneklappern sei in Juda und Israel !