Zuge , in welchem man sich nach der Kirche begeben hatte , verließ man sie . Angelika schien keine Ermüdung zu empfinden . Sie machte bei dem Mittagbrode , das man dem Bischofe zu Ehren veranstaltet hatte , mit Freundlichkeit die Wirthin ; sie empfing die zahlreichen Gäste aus der Nachbarschaft , welche man für den Abend eingeladen hatte , das Namensfest der Herzogin zu begehen . Der schöne Tag machte dem mildesten Abende Platz . Man brachte die letzten Stunden des Nachmittags auf der Terrasse zu . Als die Sonne sank , fuhren die Wagen vor , um diejenigen , welche , wie Angelika , die Mühen des Weges zu scheuen hatten , nach der Birkenhöhe hinauf zu bringen . Der Justitiarius , der Amtmann und Eva hatten Einladungen zu dem Abendbrode erhalten , das man oben einzunehmen dachte . Herbert und der Gehülfe , wie das ganze Gefolge des Bischofs , befanden sich selbstverständlich unter der Gesellschaft . Bei einem im Freien veranstalteten Feste brauchte man mit den Einladungen nicht so ängstlich zu sein . Der Park war belebt wie in den glänzendsten Tagen des Hauses , der Freiherr recht eigentlich in seinem Elemente . Der Fürstbischof , die geistlichen Herren seines Gefolges , die Herzogin , die adeligen Familien der Nachbarschaft bildeten eine stattliche Versammlung . Als man oben auf der Höhe anlangte , fand man den neuerbauten kleinen Tempel in allen seinen hervorragenden Linien mit Blumenguirlanden geschmückt . » Der Freundschaft ! « war mit goldenen Buchstaben über der Eingangsthüre zu lesen . Man hatte die Marmortafel , welche diese Inschrift trug , erst während des Tages angebracht . Eine sanfte Musik ertönte aus dem Innern des Baues , die Thüren öffneten sich , das Bild der Herzogin , welches während ihres Aufenthaltes in der Stadt im Auftrage des Freiherrn von einem geschickten Maler ausgeführt worden war , hing reich bekränzt dem Eingange gegenüber . Man hatte davor eine Art von Altar aufgerichtet , auf welchem Blumen und Feldfrüchte , Garten- und Feldarbeits-Geräthschaften wie in einem Tempel der Ceres und der Flora aufgestellt waren . Von dem Sacristan wohl eingeübt , sang das Quartett der Knaben ein Loblied auf die Herzogin , das von dem Freiherrn selber dem Schiller ' schen » Mädchen aus der Fremde « nachgedichtet worden war . Bei der Strophe : Sie theilte jedem eine Gabe , Dem Früchte , jenem Blumen aus ; Der Jüngling und der Greis am Stabe , Ein jeder ging beschenkt nach Haus - führte der Freiherr die Gefeierte vor den Altar . Unter den dort aufgestellten Geräthschaften befanden sich verschiedene kleine Körbe , in denen auf und unter blühenden Blumen , mit den Namen der anwesenden Personen bezeichnet , die mannigfachsten Geschenke vorbereitet lagen . Er händigte ihr das erste dieser Körbchen aus und bat sie , als Schützerin dieses Tempels , der fortan ihren Namen tragen sollte , den versammelten Freunden ein Andenken an sich zu hinterlassen . Die Herzogin , solcher Darstellung im höchsten Grade mächtig , unterzog sich mit vollendeter Anmuth ihrer Aufgabe , und eine gewisse Rührung , eine ihr sonst fremde Weichheit verliehen den Geschenken , die sie auszutheilen hatte und die dem Range der Herzogin wie dem Ansehen der Empfänger angemessen waren , einen erhöhten Werth . Schweigend und in sich selbst versunken wohnte Angelika dem Schauspiele bei . Sie schien es kaum zu bemerken . Ihr Auge sah durch die offenen Bogenfenster in das Thal hinaus . Auch Herbert hatte wenig Sinn für die gegenwärtige Feierlichkeit . Er ahnte , was in dem Herzen der Baronin vorging . So , im sinkenden Tagesscheine , hatte er einst mit ihr auf dieser Höhe gestanden , hier auf dieser Stätte war sie ihm als das Urbild edler Schönheit erschienen , hier hatte ihre Trauer ihm das Unglück ihres Lebens enthüllt , hier hatte er sich ihr in selbstloser Freundschaft zu eigen geloben wollen - und schon damals hätte ihr Ausruf : » Hier oben dürfen wir keine Kirche bauen ! « ihm verrathen können , was später ihm so verwirrend und so schmerzlich klar geworden war . Ihr , der Reinen , der erhabenen Seele hätte er hier einen Tempel der Erinnerung errichten mögen , und man weihte diese Stätte dem Andenken jener fremden Frau , deren selbstsüchtige Arglist Angelika ' s Glück untergraben und zerstören geholfen . Er konnte die Augen nicht von der Baronin wenden , auch Eva dachte nur an sie . Man schämt sich seines Glückes , wenn man auf sie blickt ! sagte sie zu Herbert , der sich zwanglos an ihrer Seite hielt . Der Freiherr wies den einzelnen Gästen mit leichter Handbewegung die Reihenfolge an , in welcher sie sich der Herzogin zu nähern hatten . Die gute Stimmung wuchs von Minute zu Minute . Zwischen den einzelnen Strophen des Gedichtes waren kleinere , die Vertheilung begleitende und sich in raschem Rhythmus und in heiterer Melodie leicht bewegende Verse eingelegt . So ging es fort , bis die geladenen Gäste alle ihre Gaben empfangen hatten und auf ein Zeichen des Freiherrn der Architekt an den Altar beschieden wurde . Als er sich demselben näherte , erhob sich Angelika von ihrem Platze , winkte Eva zu sich heran , und während sie selbst das überraschte Mädchen an Herbert ' s Seite geleitete , sangen die Knaben die Schlußverse des Gedichtes : Doch nahte sich ein liebend Paar , Dem reichte sie der Gaben beste , Der Blumen allerschönste dar ! und Eva ' s und Herbert ' s Hände in einander legend , sagte Angelika leise , daß nur die beiden es vernehmen konnten : Seid glücklicher , als ich , und denket meiner , wenn ich nicht mehr bin ! Herbert und Eva sanken ihr zu Füßen , die Gesellschaft rief ihren Beifall und ihre Glückwünsche aus . Man merkte es nicht , daß Angelika noch blässer geworden war und leise ihre Thränen trocknete . Herbert und Eva waren ein so schönes Paar .