Weg der christlichen Vollkommenheit zu betreten und auf demselben fortzuschreiten . « » Und davor soll sich das Menschenherz nicht fürchten ? vor dieser Bedingung kein Grauen empfinden ? Seine Wünsche , Neigungen , Bestrebungen , seine Liebe , seine Hoffnungen , sein innerstes Eigentum - alles soll es opfern , um zu einer geheimnisvollen Lebensgemeinschaft mit diesem , wenn auch nicht unbekannten , so doch verborgenen Gott zu gelangen , der nicht seines Gleichen ist und der in seiner seligen unzerstörbaren Ruhe folglich auch nicht den tausend Aspirationen des warmen und beweglichen Menschenherzens entsprechen kann ! Nein , Signor ! das ist zu viel begehrt . Eine aufrichtige Seele darf keine Verbindlichkeit eingehen , bei der sie die Überzeugung hat , ihre Verpflichtungen nicht erfüllen zu können . « » Das ist , vom natürlichen Standpunkt aus , eine ganz begreifliche Verzagtheit ; « erwiderte Hyazinth . » Aber Sie vergessen , daß in Ihnen , unter all dem Schutt , der sich in Ihrem Herzen angehäuft hat , in Folge seiner abgestorbenen Wünsche , Hoffnungen und Liebe - der himmlische Mensch auferstehen soll , wie ein verschüttetes Götterbild zwischen Tempelruinen . Und dieser aus dem Blut Gottes geborene , vom Lebensatem Gottes durchseelte , in die Liebe Gottes untergetauchte Mensch - ist dem Gott nicht fremd , der sich durch seine Menschwerdung zum Bruder - durch sein Leiden und Sterben zum Opfer - durch seine eucharistische Gegenwart zum Liebhaber jeder menschlichen Seele gemacht , und ihr für niedrige Entsagung einen überaus prächtigen Ersatz , für vergängliche und dürftige Freuden eine grenzen- und endlose Wonne verheißen hat . Nicht müde werden die Propheten Ihres Volkes , diese Verheißung in immer neuen Wendungen zu wiederholen . Bald spricht der Prophet im Namen Gottes : Ich , ich Selbst will euch trösten ! Bald verkündet er : Ruhe wird dir geben der Herr auf immer und deine Seele mit Glanz erfüllen . Oder er spricht : Nicht wird fortan deine Sonne untergehen und dein Mond nicht mehr abnehmen ; denn der Herr wird dein ewiges Licht sein ; und weiter sagt er : Wie der Bräutigam sich freuet seiner Braut , so wird sich freuen dein Gott über dich . Sind das nicht prachtvolle Verheißungen ? Durchweht sie nicht die Luft von den Höhen der Ewigkeit ? Breiten sie nicht einen immerblühenden Liebesfrühling vor dem liebedürstenden Auge aus ? Umwogen sie nicht mit leuchtenden Wellen das Herz , das ihnen vertraut , um es durch einen Ozean der Liebe hinüber an das Gottesherz zu tragen ? « » Signor ! « rief Judith und stand lebhaft auf , » ich kann das nicht ertragen ! ich habe nicht gewußt , daß Gott mich so liebt . Versenke ich mich in diese Bilder , die keine bemalte Leinwand , sondern Gottesverheißungen , sondern Offenbarung göttlicher Wahrheit sind , so schreit mein Herz auf : Das ist ' s ! das hab ' ich gewollt , das hab ' ich ersehnt , danach verlangt meine Seele ! das ist die Liebe ohne Grenzen , ohne Wechsel , ohne Ebbe und Flut , immer gleich und doch immer neu , die das Geschöpf mir nicht zu bieten vermag , weil es selbst begrenzt und wandelbar ist . Daß ich von dieser Liebe geträumt , oder sie geahnt hätte - ich kann ' s nicht behaupten , obwohl es gewiß ist , daß ich mich immer mit der Liebe wenigstens für eine irdische Ewigkeit einzurichten suchte , und jede andere als einen Irrtum beweinte . Aber Signor ! während Sie eben von den Liebestaten und Liebesverheißungen Gottes sprachen , da war es mir , als sei das verschüttete Götterbild in meinem Herzen nichts anderes , als die im Wust der Irdischkeit begrabene Liebe der Seele zu Gott . « » Und was nun weiter , Signora ? « fragte Hyazinth immer in demselben Ton sanfter Milde , mit dem er das Gespräch begonnen hatte ; » werden Sie dem Gott , dem König der Ewigkeit , der wie ein Bettler vor Ihrer Tür steht und um nichts bittet , als um Ihre Seele - werden Sie ihm Ihre Liebe schenken ? Unsere Liebe ist unser Wesen . Unserer Liebe folgt unsere Seele , unser Herz , unser ganzer innerer Mensch nach . « » Weil das so wahr ist , Signor , so muß ich mich besinnen ! « entgegnete Judith . » Ich weiß nicht , ob nicht die Liebe für das Geschöpf zu kurz kommt , wenn man sich mit ganzer Seele in die göttliche Liebe versenkt . Und das darf nicht sein . Ich will auch das Geschöpf lieben . « » O , Sie sollen es auch lieben ! « rief Hyazinth . » Auch diese Liebe soll in den Strahl der Gnadensonne hineintreten , die bereit ist , über Ihnen aufzugehen , und soll daraus eine Kraft und eine Reinheit schöpfen , die jeder natürlichen Empfindung eine höhere Weihe gibt . « » Das beruhigt mich - denn Graf Orest hat mein Wort , und ein Wort ist heilig ; nicht wahr , Signor ? « » Ein Wort , das mit voller Erkenntnis und Freiheit in einer gottgefälligen Sache gegeben ist - ist heilig ; von seiner Seite sowohl , als von der Ihren , Signora . « » Wohlan , dies ist gewiß eine sehr gottgefällige Sache . Eine solche Treue verdient ihren Lohn und das Wort , das ich dem Grafen seit Jahren wiederholt habe : Alles für alles ! soll endlich zur Tat werden . Nur muß ich Zeit haben , mich zu besinnen , meine Gedanken zu ordnen , meine Verpflichtungen als Christin zu überlegen « .... - » Zeit haben , um ein wenig zu beten , « setzte Hyazinth hinzu ; » beten um den Beistand des heiligen Geistes , daß er Sie erleuchte ; beten um treue Befolgung dessen , wozu die Gnade treibt ; beten um großes Verlangen , die unendliche