seine Wohnung wollt ' er und fand sie nicht - es war eine kleine Zelle in einem ehemaligen Profeßhause der Jesuiten - dort gab es lange Gänge , selbst unterirdische aus den Zeiten her , wo die Kirchenfürsten diese Stadt als Regenten beherrschten und oft vor dem Trotz und dem Freiheitssinn der Bürger sich flüchten mußten - in eines dieser Verließe wieder , wo er schon öfter dahingetastet , dort mochte er sich verbergen , nur um die innern Stimmen , diese quälenden , zum Schweigen zu bringen ... An jeder Kirchthür verbeugt er sich ... an jedem steinernen Kreuze schlägt er eines auch auf seiner Brust ... die Momente der klarsten Anschauungen , des Witzes , der Unbefangenheit , der schärfsten Kritik über sich und andere , die er heute gehabt , weichen dem Paroxysmus , der schon damals im Mondenschein im Park von Schloß Neuhof die Gespenster Heinrich Heine ' s leibhaftig sehen konnte und von den alten Stammers redete , wie wenn sie säßen und Schön Hedwig beweinten , ihr Kind , das ihnen der wilde Jäger geraubt ... oder wie er seine Mutter sehen konnte , eine verschleierte Nachtwandlerin , mit der Lampe in der Hand und durch die Ahnensäle der Wittekinds schreiten ... oder wie er oft ganz deutlich am Strande der Ostsee Lucinden im nächtlichen Nebel den Klabautermann auf einem Schiffe zeigte ... oder wie er später , als er den Saft der Mohnblume wie alles erproben wollte , sich dem Gangesgott im Kelche der Lotosblume verglich ... Wie hätte ihn noch der Mord der Buschbeck schütteln müssen , wenn er den in Erfahrung gebracht ! Nur war er nicht der Mann des Hörens , sonst hätte er längst davon vernehmen müssen ... Der Geist , der jetzt ihn jagte , war - die Erinnerung an Lucinden . Immer tiefer kommt er in das Labyrinth der engsten Gassen ... Nichts will er sehen von den lichteren Straßen , selbst die nicht , wo die Zeitungsexpeditionen liegen , die seine neuesten Artikel verkaufen - dem Laden Klingelpeter ' s , wo eben die zinnernen Athanasiusmedaillen in die Welt gehen , schießt er vorüber ... Alte Frauen plötzlich , in seltsamen Trachten , den Kopf mit grellfarbigen Tüchern umwunden , sitzen vor verfallenen Häusern und zupfen Werg aus alten Matratzen ... Der Staub wirbelt auf ... Fremdartig gesprochene Laute wecken ihn ... Nichts von den Heiligen , nichts mehr von der Gottesmutter ... Bei den Juden ist er ... in der Rumpelgasse ... Hier wohnen ihrer Hunderte dicht beisammen , Kleider hängen an den Häusern , alte Möbel , versperren die Wege , Flaschen und Gläser stehen an den Fenstern und nun erst findet sich der Taumelnde zurecht . Vor einem der rothbraunen Häuser , gebaut aus Steinen , die vielleicht übrig geblieben von damals , als die Vorvordern der Einwohner dieser Gasse sich einst selbst verbrannten , um der zu Zeiten im Mittelalter epidemischen Verfolgungswuth zu entgehen , stand der wie im Kreise Getriebene plötzlich still und betrachtete den Geschäftsreichthum einer Trödelfirma , die sich » Nathan Seligmann « nannte ... Hinter ihm aber steht ein Mann , der ihn beobachtet . Es ist nicht unser Löb , der von ihm trotz des Judaeus Apella so altburschikos behandelte Anbeter der heute mit einem Blumenstrauß gefeierten jüdischen Druide Veilchen Igelsheimer , die dem Geschäfte ihres Verwandten vorsteht mit einer Kenntniß des Alterthums und des Gerümpels der Jahrhunderte , die Lucinde an der Maximinuskapelle geahnt zu haben schien , als sie dem Wirth zum » Weißen Roß « als den eigentlichen Wardein der von dem Knaben verkauften alten römischen Münzen den Ahasver selbst genannt hatte . Eine andere Persönlichkeit war es , die den Mönch daherkommen und vor dem Trödelhause Nathan Seligmann ' s sinnend halten sah ... Den Rücken auf einen Stock stemmend , der fast zusammenbricht von der weniger schweren , als vielleicht ermüdeten Last , denkt das etwa vorhandene Menschenstudium desselben beim Anblick eines in den Trödelkram verlorenen Franciscanerpaters : Pater Sebastus ? Der Franciscaner ? Will der Juden bekehren ? Mit Veilchen Igelsheimer den Anfang machen ? Fehlt ihm in seiner Klause ein Luxusgegenstand , den er dort einzuschmuggeln gedenkt unter der Kutte ? Eine Lichtputze , eine Lampe zum Studiren , eine Laterne für die unterirdischen Gänge , wenn er die geheimnißvolle alte Pforte im Gewölbe des Profeßhauses finden sollte ? ... Wie er die Kleider betrachtet ! ... Doch nicht etwa den alten rostigen Ritterhelm ? ... Doch nicht den Dreimaster und den Galanteriedegen dazu ? ... Oder den Frack mit ellenlangen Schösen und die carrirten engen Beinkleider , die ihm vor Jahren ganz gut mögen gepaßt haben ? Der Späher , der selbst wie ein Irrender bald da , bald dort still gestanden und fast die Spalten der Thüren , die Risse der alten Häuser betrachtet hatte , als könnte er sich in sie verkriechen , ja als suchte er nur allein dem Sonnenstrahl auszuweichen , wie weiland der allein in der Nacht lebende Held Trojan , ein Vampyr der serbischen Sage - der Späher tritt in ein Haus zurück ... Der Mönch macht eine Bewegung , als wollte er weiter gehen ... Bald aber erkennt der Späher , daß dies Weitergehen nur die bekannte Bewegung ist , die einen andern Entschluß maskirt . Einigemal wendet sich der Mönch , als hätte er sich im Wege geirrt , wäre unschlüssig , sich links oder rechts zu wenden , und ehe er noch darüber von jemand beobachtet zu sein glaubt , ist er verschwunden . Selbst für den Späher ist er es , der in eines der alten Häuser getreten ... Scheint dieser doch selber zu fürchten , belauscht zu werden . Nach einer Weile tritt der Späher wieder hervor und sieht sich vorsichtig um . Die heiße Mittagszeit macht die Gasse menschenleerer als sonst . Dann an den niedrigen Fenstern Nathan Seligmann ' s vorüberstreifend , erkennt er den Pater durch die Trödelvorräthe hindurch ... Er befindet sich unter ihnen